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*-lose Zuckerrüben
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Der schwierige Weg des Zwetschgenjoghurts zu seiner Bestimmung: dem Gegessenwerden.
Von Richard Reich
Das Frühstück ist die schwierigste aller Mahlzeiten. Es soll den Menschen physisch und psychisch aufbauen, auf dass er durchhalte und sein Tag erfolgreich werde. Darum erinnert der klassische Frühstückstisch in der Werbung wie im Leben an das Bühnenbild eines Lehrstücks. Alles und jedes, vom Brot über den Honig bis zum Orangensaft, hat seine Aufgabe, nämlich gesund zu sein und nachhaltig zu nähren. Genauso unabänderlich ist der Ablauf der Mahlzeit, die Abfolge ihrer Bestandteile. Umso sensibler reagiert der Mensch auf jegliche Komplikationen bei diesem Morgenidyll. Zum Beispiel durch ein Zwetschgenjoghurt.
Es ist noch nicht lange her, da bestand das landläufige Schweizer Joghurt, abgesehen vom Inhalt, aus Braunglas und einem Aluminiumdeckel. Dessen Aufschrift lautete zum Beispiel «Zwetschgenjoghurt» oder auch nur «Zwetschgen». Dem Käufer und Konsumenten war das Anhaltspunkt genug. Die Frage nach dem genauen Inhalt und der geographischen Herkunft des Joghurts wäre keinem in den Sinn gekommen - Joghurt mit Zwetschgen, aus der Nachbarschaft eben.
Entsprechend stellte das eigentliche Essen des Joghurts, zum Beispiel während des Frühstücks, ursprünglich einen vergleichsweise simplen Prozess dar. Man löste den Deckel vom Glasrand (ohne sich an den scharfen Kanten des Leichtmetalls zu verletzen), warf das Alu arglos in den Ochsnerkübel, löffelte das Joghurt in zirka zwanzig Sekunden aus, trank einen Schluck Milchkaffee; das Tagwerk konnte beginnen.
Auf den ersten Blick hat sich an diesem Sachverhalt wenig geändert; ein Frühstück ist ein Frühstück. Doch beim näheren Hinschauen und Hingreifen stellen die klassischen Komponenten der morgendlichen Kollation heutzutage ganz andere Ansprüche. Ob Butter, Honig, Milch oder eben Zwetschgenjoghurt - alles und jedes erweist sich als Teil unserer Informationsgesellschaft. Und als solcher wollen diese modernen Nahrungsmittel nicht bloss gegessen oder geschluckt, sondern beachtet und ernst genommen werden. Sie möchten mit uns kommunizieren.
Den Übergang vom bloss mundenden Essen zur mündigen Nahrungsaufnahme markierte die Erfindung des Verfalldatums. Eines Tages standen da plötzlich Ziffern auf dem Milchbeutel, auf der Camembertschachtel, auf dem Zwetschgenjoghurtdeckel: 15.04.67. Das war unmissverständlich ein Ultimatum. Bis zur Einführung dieser Food-Deadline hatte sich der Mensch auf seine Nase, den Gaumen oder allenfalls einen guten Magen verlassen - das eine oder andere begehrte schon auf, falls das Zwetschgenjoghurt seine beste Zeit hinter sich hatte. Kaum prangte jedoch auf jeder Verpackung ein Verfalldatum, gab niemand mehr etwas auf sinnliche Erfahrungswerte. Folgsam ass man nun im Rahmen der amtlichen Deklarationen. Man nahm die sich vermehrenden Vorschriften als Zeichen eines wachsenden Lebensstandards, selbst wenn dabei mitunter ein möglicherweise noch essbares Zwetschgenjoghurt auf der Strecke blieb, weil seine Daseinsberechtigung offiziell abgelaufen war.
Das Verfalldatum ist die Folge logistischer Veränderungen in der Lebensmittelindustrie. Je mehr man die einzelnen Produktionszweige überregional konzentriert hat, desto mehr haben sich die Bestandteile eines Zwetschgenjoghurts voneinander entfernt. Dabei verliert der eigentliche Joghurthersteller zusehends den Joghurtverkäufer aus den Augen und dieser wiederum den Joghurtkonsumenten. Alle Beteiligten sind immer länger und immer weiter unterwegs, um dem Zwetschgenjoghurt zu seiner Bestimmung, dem Gegessenwerden, zu verhelfen. Insofern sind Verfalldaten vertrauensbildende Massnahmen. Wenn man imstande ist, einen Stichtag zu formulieren, lässt das darauf schliessen, dass jemand bei dieser immer komplizierteren industriellen Schöpfung noch die Übersicht behält.
Das Verfalldatum gehört mittlerweile zu den Veteranen im Rahmen der Lebensmittelverordnung. Wer heute im Zuge seines Frühstücks zum Beispiel das derzeit gängigste Migros-Zwetschgenjoghurt zur Hand nimmt, kauft neben Nähr- auch Lesestoff, eine richtige kleine Shortstory. Über tausend Buchstaben stehen dreisprachig auf Deckel und Becher gedruckt. Und obwohl man beim Essen bekanntlich nicht lesen soll, gehört die Produkteinformation in der Schweiz nachweislich zu den meistbeachteten Textsorten.
Das Migros-Bio-Zwetschgenjoghurt wiegt 180 Gramm, hat 180 Kalorien und kostet 80 Rappen. Stünde es nicht bereits auf dem Frühstückstisch, könnte es offiziell noch 8 Tage lang verkauft werden. Würde es dabei bei «max. 5 Grad Celsius» gelagert, bliebe es mindestens weitere 5 Tage haltbar. Zutaten: Milch**, 9% Zwetschgen*, Rohrzucker*, Rübenzucker, Magermilchpulver**, Zitronenkonzentrat*.
Ein * bedeutet: aus EU-zertifizierter Bioproduktion. Zwei ** bedeuten: aus Schweizer Migros-Bioproduktion. Diese technischen Angaben werden anschaulich ergänzt durch naturalistische Abbildungen von 6 Zwetschgen sowie durch eine naive Bauernmalerei, die 4 Kühe auf 1 Blumenwiese darstellt.
So begrüssenswert dieses Informationsangebot prinzipiell ist, so schwer fällt es dem Normalbürger, noch dazu beim Frühstück, etwas damit anzufangen. Im Grunde möchte man momentan ja bloss ein möglichst gutes, möglichst gesundes Joghurt löffeln. Was aber hat man sich unter biologischem Magermilchpulver vorzustellen? Seit wann gibt es in Europa Rohrzucker, und woher nimmt die Migros die *-losen Zuckerrüben? Ist eine EU-zertifizierte Zwetschge in Europa gereift, oder wurde sie wie ein EU-konformer deutscher Volkswagen von einer mexikanischen Produktionsstätte verschifft? - Für Fragen: M-Infoline, 0848 84 0848.
«Unsere Biozwetschgen stammen aus deutscher Demeter-Produktion oder dann aus Österreich», sagt Johann Züblin, der Verantwortliche für das Migros-Qualitätsmanagement Früchte/Gemüse/Blumen. «Die Früchte wachsen meistens auf Hochstämmern, es sind sogenannte Bühlerzwetschgen.» Klingt biologisch. Und der Zucker? «Kommt aus Paraguay.»
700 Kilometer weit reist ein durchschnittliches Joghurt laut einer österreichischen Studie, bis es auf dem Familientisch steht. Ein gewöhnliches Frühstück bringt es auf total 7320 Kilometer Anreise, ein gesundheitsbewussteres auf über 10 000.
Nachdenklich schweift der Blick noch einmal über den Küchentisch. Neben dem braven Migros-Bio-Bühlerzwetschgenjoghurt steht «Anna’s Orangensaft» (Herkunft: «Brasilien, USA»). Und daneben der braungoldene Migros-Waldhonig (Herkunft: «Europa, Amerika, Asien und Ozeanien»). Freundlich scheint die Sonne zum Fenster herein. - Man soll halt nicht lesen beim Essen.
Richard Reich ist Journalist und Leiter des Zürcher Literaturhauses; er lebt in Zürich.
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