Tony Rominger, 1961 in Edlibach ZG geboren, ist erst relativ spät zum Radrennsport gekommen. Nach einer Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten bestritt er im Alter von 21 Jahren die ersten Rennen und wurde - ohne beeindruckenden Erfolgsausweis - vier Jahr später als Professional vom Schweizer Team Cilo verpflichtet. Danach fuhr er für Teams aus Italien und Frankreich. Seit 1991 gehört er als Teamchef mit einem geschätzten Jahresverdienst von einer Million Franken zur spanischen Equipe Clas. Den ersten grossen sportlichen Erfolg feierte Rominger 1989 mit dem ersten Platz in der Lombardeirundfahrt. Zu seinen wichtigsten Siegen gehört ausserdem die Spanienrundfahrt (1992 und 1993). Daneben war er auch in den Etappenrennen Tirreno-Adriatico, Paris-Nizza und in der Tour de Romandie erfolgreich. In der Weltrangliste der Radprofessionals wurde er Anfang Juni hinter Miguel Indurain als Nummer 2 geführt. Rominger gilt als erfolgreichster Schweizer Radrennfahrer seit Kübler und Koblet. An der diesjährigen Tour de France zählt er zu den Favoriten auf den Gesamtsieg. Tony Rominger wohnt mit seiner Familie in Monte Carlo.
Das Interview mit Tony Rominger führte Elmar Wagner, Sportredaktor der NZZ, am 18. Mai in Monte Carlo.
Herr Rominger, ist Radrennfahren ein Beruf oder eine Leidenschaft?
Beruf oder Leidenschaft? Nun ja, seit drei, vier Jahren ist das Radfahren mein Beruf. Und in den letzten Tagen einer grossen Rundfahrt liebe ich diesen Beruf nicht besonders. Da kommt so vieles auf einen zu, physisch und psychisch - das ist schon ein wahnsinniger Stress. Aber im Frühjahr, wenn ich ohne Druck fahren kann, ist es ein schöner Beruf, fast schon eine Leidenschaft.
Trotzdem wirken Sie oft sehr angespannt. Selbst als Leader an Siegerehrungen.
Wenn das Rennen noch andauert, kann bei mir eben keine richtige Freude aufkommen. Ich denke an die folgenden Tage, ans Kämpfen, Kämpfen. Klar, wenn man jung ist, freut man sich noch jeden Tag über ein Leadertrikot. In meinem Fall jedoch steigert dies nur die Erwartungen. Von mir fordert man den Gesamtsieg.
Sie sind Teamchef, von Ihnen erhofft man sich Siege, und irgendwie ist die ganze Mannschaft von Ihren Leistungen abhängig. Belastet Sie das?
Im Gegenteil. Dieser Druck spornt mich um so mehr an, als ich weiss, dass im Falle von schlechten Leistungen meinerseits einige Fahrer arbeitslos werden könnten.
Zu Beginn Ihrer Sportkarriere waren auch Sie ein sogenannter Domestike, ein Teamhelfer. Nun sind Sie der Teamchef. Wie erlebten Sie diesen Aufstieg?
Ich hatte schon in den früheren Sportgruppen Verantwortung zu tragen. Aber wenn es mir dann nicht lief, konnte ich immer noch sagen, ein anderer solle zufahren. Damals konnte ich noch die Verantwortung abschieben; jetzt geht das nicht mehr.
Dafür können Sie die Mannschaftstaktik bestimmen.
Man kann zwar schon am Vorabend die Taktik besprechen. Wir machen ab, wer da oder dort angreifen soll. Aber man kann das Geschehen nicht so beeinflussen, wie dies einige «Experten» glauben. Das schliesst freilich nicht aus, dass man vor dem Start auf gewisse Gefahren hinweist, die Windrichtung sowie den Beginn und den Verlauf von Steigungen abklärt. Dann muss bestimmt werden, wer mir im Falle eines Defektes sein Rad gibt. Auch das Verhalten auf dem letzten Kilometer ist zu besprechen. Im Rennen selbst reagiert man dann aber trotzdem auch sehr spontan, aus dem Bauch heraus. Ich greife oft an, wenn dies einem Aussenstehenden als völlig unlogisch erscheint.
Sie gelten als Fahrer mit ausgeprägtem Renninstinkt. Wie kommt man zu dieser Eigenschaft?
So komplex ist das gar nicht. Eine entscheidende Phase wird oft durch einen starken Fahrer ausgelöst - und das bin in meinen Rennen zurzeit meistens ich. Folglich brauche ich keinen Renninstinkt. Den haben allenfalls die anderen nötig.
Das klingt nun so, als ob der Radrennsport eine Einzelsportart wäre.
So kann man das wohl nicht sagen. Natürlich bin ich auf meine Teammitglieder angewiesen. Ihre Aufgabe ist es, mir das Leben möglichst einfach zu machen. Das heisst, dass sie in den einfachen Etappen einer Rundfahrt an der Spitze Präsenz markieren und so das Rennen kontrollieren. In den schweren Teilstücken ist man allerdings wieder auf sich selbst gestellt. Das ist ein stetiges Geben und Nehmen: Ich profitiere von meinen Mannschaftsgefährten in den leichten Etappen; sie profitieren von mir, wenn ich den Gesamtsieg herausfahre. Diese Zusammenarbeit funktioniert allerdings nur, wenn ich selbst in Topform bin. Einen schwachen Fahrer kann man nicht unterstützen.
Sie sind der einzige Radrennfahrer, der seine Erfolge gewissermassen im voraus ankündigt. Sind Siege programmierbar?
Das gezielte Training ist die Voraussetzung für den Erfolg. Ebenso wichtig ist aber die mentale Verfassung, deren Anteil ich auf 60 Prozent beziffern würde. In diesem Jahr zum Beispiel befand ich mich bereits im Frühjahr in guter Form; im Kopf war ich jedoch noch nicht zum Siegen bereit - weil ich wusste, dass es in bezug auf einen optimalen Saisonaufbau zu früh gewesen wäre.
Weltmeister Gianni Bugno hat einen Psychologen in seinem Beraterstab. Wer unterstützt Sie im mentalen Bereich?
Bugno hat einen Psychologen nötig, ich nicht. Wenn es mir überhaupt nicht läuft, konsultiere ich zwar häufig meinen Arzt, Dr. Michele Ferrari. Meine wichtigste Bezugsperson bleibt aber meine Frau. Mit ihr spreche ich viel über den Radsport, und vor einem Rennen kann sie mich ungemein motivieren. Wahrscheinlich bin ich ein typischer Familienmensch: Bin ich zwei Wochen weg von zu Hause, dann überkommt mich bald einmal der Koller. Um so glücklicher und motivierter bin ich jeweils, wenn meine Frau und meine Tochter zu mir stossen und mir wieder die innere Ruhe geben. Auch wenn man mir andernorts ein viel höheres Salär bieten würde: Ich bliebe dort, wo ich die Gelegenheit habe, möglichst oft bei der Familie zu sein. Sie ist meine grösste Motivation.
Sie haben Dr. Michele Ferrari erwähnt. Ist heute für einen Spitzenfahrer ein persönlicher Arzt, eine individuelle medizinische Betreuung unerlässlich?
Nicht unbedingt. Michele Ferraris Betreuung jedenfalls reicht über das rein Medizinische hinaus. Er kennt sich in der Trainingslehre aus und hat mich das richtige Vorbereiten gelehrt. 1986, in meinem ersten Jahr als Professional, trainierte ich viel mehr als heute. Jetzt höre ich mehr auf meinen Körper, gliedere mein Training bewusst in drei Teile: ich schule den Ausdauerbereich, den Rennrhythmus und das Fahren im Grenzbereich, wie es etwa in Rennen gegen die Uhr der Fall ist.
Früher habe ich nach einem sturen Programm gearbeitet und bin jeweils auch harte Trainings gefahren, wenn ich mich nicht gut fühlte. Ein solches Verhalten wirkt kontraproduktiv; es hindert den Körper daran, sich zu erholen - und das kann eine ganze Saison ruinieren. Diesbezüglich gibt mir Michele Ferrari nun eine gewisse Sicherheit, und manchmal besteht seine Leistung ganz einfach darin, dass er mir ab und zu das Nichtstun befiehlt. Ferraris Programm ist eine Idee; ich kann sie mitgestalten: Wenn das Wetter heute schön ist und morgen schlecht, fahre ich heute eben mehr als morgen - auch wenn der Plan anderes vorgesehen hat.
Wie ernährt sich ein Spitzensportler? Ist auch hier nach der Verwissenschaftlichung eine gewisse Rückkehr zum Lustprinzip zu beobachten?
Ich esse das, was meine Frau kocht. Aber ich habe schon Mahnbriefe erhalten, dass ich nicht so häufig Schnellimbissbuden besuchen solle. Aber ich mag nun einmal Hamburger; mindestens einmal pro Woche gehe ich in ein Fastfood-Lokal. Das erste, worauf ich nach dem Vuelta-Sieg Lust verspürte, war ein Hamburger. Diese Ernährung mag zwar aus wissenschaftlicher Sicht nicht optimal sein, doch offensichtlich schadet sie mir nicht.
Sie haben bereits früh Ihren Verzicht auf die Weltmeisterschaft bekanntgegeben und die Tour de France zu ihrem höchsten Saisonziel erklärt. Eine Rundfahrt erscheint Ihnen wichtiger als ein Welttitelkampf - ist das nicht paradox?
Schon die Spanienrundfahrt ist wichtiger als die WM - für die Sponsoren. An einem grossen Etappenrennen ist der Fahrer eben während dreier Wochen jeden Tag am Bildschirm zu sehen; die Zeitungen berichten täglich darüber. Das ergibt eine Publizität, die eine Weltmeisterschaft nie erreicht. Dieses Jahr kommt noch eine besondere Konstellation hinzu: Die Italiener haben mir gesagt, dass die WM in Oslo von einem Sprinter gewonnen werden kann. Ich bin kein ausgesprochener Sprinter. Was habe ich also dort zu suchen? Aber ich muss schon sagen: Ich würde gerne auch einmal Weltmeister werden, das wird aber andernorts geschehen müssen.
Die Tour de France ist Ihr Saisonziel. Was ist denn der besondere Reiz der Frankreichrundfahrt - verglichen vielleicht mit der Tour de Suisse?
Die Tour de France erreicht weltweit ein Millionenpublikum, die Tour de Suisse hat kaum Ausstrahlung über die Grenzen hinaus. An der Tour de Suisse fahren ausserdem viele der Stars nur mit, um sich auf die Frankreichrundfahrt vorzubereiten. Und auch die Rennatmosphäre und das Publikum sind in Frankreich völlig anders. In der Schweiz ist es mir passiert, dass ich in einer Gruppe mit 50 km/h über die Strasse preschte und dann Sprüche hören musste wie «gebt endlich Gas» oder «faule Bande». Solches bekommt man im Ausland nicht zu hören. Manchmal habe ich das Gefühl, dort sei der Sachverstand grösser.