NZZ Folio 02/96 - Thema: Vernetzte Welt   Inhaltsverzeichnis

Der dritte Raum

Der Cyberspace - Traum oder Wirklichkeit.

Von Lars Gustafsson

LANGE WAR DER TRAUM das Vergleichsobjekt, lange bevor Descartes die Frage im ersten Kapitel seiner «Meditationen» aktualisierte: Woher weiss ich, dass ich nicht träume? Woher weiss ich, dass nicht meine Welt im ganzen eine Illusion ist? Descartes' Lösung ist wohlbekannt: «Ich denke, also bin ich.»

Das Argument, das erheblich älter ist als Descartes, lässt sich auf verschiedene raffinierte Weise so umformulieren, dass uns die offensichtlichen Probleme erspart bleiben, die mit den Wörtern «Ich» und «also» verknüpft sind. Doch es liegt mehr in Descartes' Gedankenexperiment. Wirklichkeit und Traum sind zwei Räume, die miteinander verglichen werden.

Stellen wir uns vor, ich halte in Raum 101, der im Erdgeschoss von Waggener Hall der University of Texas liegt, ein Seminar. Nach getaner Arbeit gehe ich durch einen langen Korridor, nehme den Lift hinauf in den vierten Stock und gehe in mein Büro, Raum 413. Die Räume, die ich passiere, um dorthin zu kommen, sind immer in derselben Reihenfolge angeordnet und in umgekehrter Reihenfolge, wenn ich vom Büro zum Seminarraum will. Man kann sagen, die Räume haben ein gutes Gedächtnis. Ein Mathematiker würde sagen, dass wir eben das meinen, wenn wir sagen, etwas konstituiert einen Raum. Der abstrakte Raum der Topologie muss nicht wie der wohlbekannte Raum aussehen, in dem wir uns bewegen und aufhalten. Meine Kinder wollten zum Beispiel immer wissen, welchen Weg der Cursor nimmt, wenn er vom rechten Rand des Bildschirms auf den linken springt. Vielleicht eine Abkürzung über die Rückseite des Schirms? Eine Antwort, so gut wie irgendeine andere, ist, dass sich die Bildschirmfläche, obwohl sie zweidimensional ist, verhält, als wäre sie eine Zylinderfläche. Sie ist gerollt, in eine für uns nicht wahrnehmbare dritte Dimension.

Nehmen wir jetzt an, dass ich, einmal angekommen in 413, auf meinen Stuhl sinke (der in Wirklichkeit leider nicht bequem genug dafür ist) und in einen tiefen Schlaf falle. Und in meinem Schlaf trete ich im Traum in eine Kathedrale. Das Erlebnis dieser Kathedrale ist auch räumlich. Es ist sogar denkbar, dass ich in der Kathedrale eine Tür öffne und in einen neuen Raum komme.

Die Räume in Waggener Hall sind nicht nur geordnet, sie sind auch verbunden. Mit «verbunden» meine ich, dass der Übergang von einem Raum zum anderen, vom Seminarraum zum Korridor, vom Korridor zum Lift usw. stufenlos ist. Die Kathedrale des Traums andererseits ist mit den anderen Räumen nicht auf die gleiche Weise verbunden. Es wäre ein sehr exzentrischer Sprachgebrauch zu sagen, die Kathedrale sei in meinem Büro, weil ich mich in meinem Büro befinde, wenn ich sie träume. Tief in meinem Traum kann ich wiederum eine räumliche Ordnung erleben, doch sie ist von viel flüchtigerem Charakter. Der Raum des Traums hat kein so gutes Gedächtnis.

Der Traum ist, wie ich sagte, ein Vergleichsobjekt. Sein Raum lehrt uns etwas über den gewöhnlichen Raum, indem er ihm teilweise gleicht und teilweise nicht gleicht. Und mit diesem Vergleich stellt sich natürlich die Frage, ob unsere wache Alltagswirklichkeit möglicherweise auch nur ein besser organisierter Traum ist. Die Frage ist alt. Sie findet sich in der chinesischen Philosophie, und sie findet sich in vielen der gnostischen Texte, häretischen Texten also, die normalerweise im dritten Jahrhundert angesiedelt werden. Sie findet sich auch, implizit, bei den eher extremen deutschen Idealisten, vor allem bei Fichte. In seiner Philosophie ist ein Gegenstand erschöpfend bestimmt durch seine Beziehungen zur Welt im ganzen. Das bedeutet: Könnte, sagen wir, ein Computer die Summe der Beziehungen, die die Welt sind, korrekt abbilden, könnte man die Abbildung von der Welt nicht unterscheiden.

Der Traum bot uns ein Vergleichsobjekt zur gewöhnlichen Welt. Jetzt haben wir noch eines: den Cyberspace, wie er im Zusammenwirken zwischen Computern in grossen Netzwerken, zum Beispiel im World Wide Web, entsteht. Er ist als Raum verbunden, aber weder in der Weise des Traums noch des physischen Raums. Und er ist geordnet, doch auch nicht in der Weise des Traums oder des physischen Raums. Seine Ordnung ist grösser als die des Traums. Er ist weniger launenhaft als der Traumraum, aber launenhafter als der physische Raum insofern, als wir auf viel mehr Wegen von einem Ort zum anderen kommen können als im physischen Raum.

Im Unterschied zum abstrakten Raum der Topologie ist der Cyberspace völlig wirklich in dem Sinn, dass er sich erleben lässt. Nicht nur erleben, auch benutzen und bebauen. Es gibt hier einen unbegrenzten Spielraum für Architektur, die nicht mehr mit der Schwerkraft zu kämpfen braucht und auch nicht die immer wertvollere Erdoberfläche füllt oder zerstört. Der dritte Raum hat eine Eigenschaft gemeinsam mit dem Raum des Traums: er macht die physischen Entfernungen zunichte. Er hat eine Geographie, gewiss, und diese Geographie hat ihre messbaren Grössen. In dieser Geographie gilt Zeit, und die misst man bekanntlich in Baud oder Kilobaud. Die aber haben nichts mit der messbaren Grösse zu tun, die wir Entfernung nennen und die in Metern und Kilometern gemessen wird.

Ein Server in Australien und ein Server in Schweden befinden sich von meiner Maschine in Austin in derselben Entfernung, was den maschinellen Aspekt betrifft. Die fast instinktive Tendenz, die wir haben, die Entfernung zu kalkulieren, wenn wir uns irgendwo bewegen, und die Entfernungen in das, was unsere Entscheidungen bestimmt, einzubeziehen, ist etwas, das sich der Internet-Benutzer erst langsam abgewöhnt. Welche Romane hat Stina Aronson geschrieben? Mein erster Impuls ist natürlich, zum Hauptkatalog der University of Texas zu gehen, weil die nur ein paar Blocks von hier liegt. Aber in der Geographie des Cyberspace ist es selbstverständlich, zum Katalog der Universitätsbibliothek von Uppsala zu gehen. Denn dieser befindet sich in derselben Entfernung.

Die wichtigste Konsequenz daraus, dass die Geographie des Cyberspace nicht Teil der gewöhnlichen ist, ist die, dass Phänomene entstehen, die sich geographisch nicht lokalisieren lassen. Der Soziologe Daniel Bell interessierte sich schon zu Beginn der achtziger Jahre für das Faktum, dass Märkte zu entstehen begannen, zum Beispiel für Edelmetalle, die im Unterschied zu Märkten früherer Zeiten keinen natürlichen geographischen Ort hatten. Wo wurden die Preise für Molybdän oder Platin festgelegt? Nirgendwo. Oder, genauer gesagt, in einem Netzwerk von Verkäufern und Käufern, das alle Edelmetallhändler der Welt umfasste. Bell fragte sich, welche Konsequenzen diese verschwundene Räumlichkeit haben könnte. Wir sehen jetzt, fünfzehn Jahre später, allmählich etwas deutlicher. Und was wir sehen, ist ausserordentlich bedeutungsvoll. Denn es wird einige der tiefsten Strukturen unserer Gesellschaftsordnung und des internationalen Lebens ändern.

Die politische Geographie, die wir gelernt und der wir uns angepasst haben, ist ziemlich alt. Sie entstand am Ende des Mittelalters, fand ihre modernen Formen im blutigen Chaos der Religionskriege und ihre theoretischen Formen bei Denkern wie Jean Bodin und Thomas Hobbes. Im Zentrum der Staatslehre, die dieser Geographie entsprach, stand der Souverän, also die Person oder Institution, die in rechtmässigen Formen ein abgegrenztes Territorium beherrscht und auch Gott und der Nachwelt gegenüber verantwortet, was dort geschieht. Das Kriterium, das im internationalen Umgang bei der Anerkennung einer neuen Staatsbildung nach wie vor angewandt wird - dass die Regierung volle Kontrolle über ein wohldefiniertes Territorium hat -, entspringt diesem staatswissenschaftlichen Begriff.

Diese Kontrolle kann sich in verschiedenen Epochen in verschiedener Weise äussern. In gewisser Hinsicht hatte Gustav II. Adolf, ein ausgeprägt souveräner Monarch, typisch für das siebzehnte Jahrhundert, weniger Kontrolle über Schwedens damals weit ausgedehntes Territorium als Schwedens Regierung zu, sagen wir, Ministerpräsident Tage Erlanders Zeit. In anderer Hinsicht mehr. Er konnte Soldaten ausheben und über die künftige Gestaltung des Strassennetzes in einem Ausmass entscheiden, das für moderne Stadtplaner utopisch wirken muss. Seine Geldpolitik, auf der anderen Seite, entbehrte der detaillierten und feingeschliffenen Instrumente, wie sie moderne Zentralbanken bereithalten. Seine Möglichkeiten der Steuerkontrolle waren, verglichen mit denen des modernen Souveräns, minimal. Diese unterschiedlichen Macht- und Kontrollmöglichkeiten spiegeln Ungleichheiten von Technologie und Gesellschaftsordnung wider. Doch haben die Souveränität Gustavs II. Adolf und die der sozialdemokratischen Nachkriegsregierung bestimmte grundlegende Übereinstimmungen. Jene zum Beispiel, dass beide Souveräne von ein und demselben geographischen Ort aus regierten. Eine zweite ist, dass beide einen Namen hatten, eine Identität, die sich letztlich mit einer Anzahl individueller Persönlichkeiten verbinden liess: dem König, dem Kanzler Axel Oxenstierna, Tage Erlander, Finanzminister Gunnar Sträng.

Die neue politische Geographie, deren Geburt wir gerade erleben, ist vielleicht grundsätzlich so verschieden von der alten, dass Gustaf II. Adolf und Tage Erlander mehr gemeinsam haben als einer von ihnen mit dem Souverän der neuen Zeit.

Was gerade passiert, lässt sich auf unterschiedliche Arten ausdrücken. Eine davon ist, dass die Weltwirtschaft den Cyberspace erobert hat und dabei ist, die alte Geographie abzuschaffen. Noch zu Beginn der achtziger Jahre sah niemand, ausser vielleicht Daniel Bell, dass dies geschehen würde. Der Mangel des dritten Raums an geographischer Lokalisierung ist im Begriff, die Relevanz der Geographie, oder des Territoriums, für die Macht zu beenden.

Politiker verschiedener Ideologien und Schattierungen erleben all dies mit der gleichen Hilflosigkeit, beinahe Lähmung, mit der Kirchenfürsten des mittelalterlichen Typs das Entstehen der freien italienischen Handelsstädte und der Nationalstaaten erlebt haben müssen.

In viel weniger augenfälligen und vor allem viel weniger emotionalen Formen erleben wir in diesen Jahren eine Reihe von Umwälzungen, die auf die gleiche Weise Ausdruck dafür sind, dass alte Mächte, alte Souveränitäten nicht länger gelten. Die Erklärungen wechseln zwischen Konspirationstheorien und blankem Unsinn. Das Erleben aber ist das gleiche: Die Souveränität ist auf dem Wege anderswohin. Sie ist weniger und weniger territorial, mehr und mehr unpersönlich. Die internationale Geldpolitik und die nationale sind ein naheliegendes Beispiel.

Während der Nachkriegszeit konnten die Regierungen der Industriestaaten im grossen und ganzen schalten und walten, wie sie wollten, was das eigene souveräne Territorium betraf. Sie konnten effektiv besteuern und umverteilen, phantastische öffentliche Hände aufbauen und vor allem - dank dem Privileg der Nationalbanken, Leitzinsen festzusetzen - die Beschäftigung und den eigenen Geldwert auf ziemlich tiefgehende Weise beeinflussen. John Maynard Keynes, in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, sah als erster die tatsächlichen Dimensionen dieser Machtinstrumente.

Bezeichnend für die neue politische Geographie ist, dass niemand diese Privilegien in Frage stellt. Im dritten Raum spielen sie schlicht keine besonders grosse Rolle mehr. Die Zinsen liessen sich vielleicht beeinflussen, falls sich jemand an die Don Quijotische Aufgabe machen würde, die Zentralbanken abzuschaffen. Doch der neue Souverän hat schon vor recht langer Zeit eine viel effektivere Methode gefunden: Finanzielle Instrumente wie die verschiedenen Typen des Handels mit Derivaten machen es möglich, sie statt dessen ganz zu umgehen. Tatsächlich hat es Derivatenhandel gegeben, solange es ein Bankwesen gibt. Der Unterschied zu früher ist, dass er jetzt im Cyberspace stattfindet. Und also ortlos ist. Wie eine Flutwelle geht die Welle der Information um den Erdball. Sie ist nirgends, und sie ist überall. Das Geld zeigt sein wirkliches Gesicht: Es ist nichts anderes als eine Form von Information. Und daraus, aus Information, besteht der dritte Raum.

Vor ein paar Jahren, als die ausländischen Investitionen aus Mexiko praktisch über Nacht abgezogen wurden und im Grunde niemand etwas tun konnte, um das zu verhindern, wurde diese neue Geographie der Macht einen Augenblick sichtbar. Doch nicht nur schwache Länder sind betroffen. Vieles deutet darauf hin, dass die Vereinigten Staaten von Amerika auf dem Weg in eine neue Zeit sind, eine Zeit, die das «Wall Street Journal» kürzlich als die vierte amerikanische Republik beschrieben hat. (Die erste ging nach dieser Zählung dem Bürgerkrieg voraus, die dritte war die Republik Franklin D. Roosevelts.)

Im Licht dieser Entwicklung wirken die verschiedenen blutigen und manchmal heroischen Versuche, neue territoriale Souveränitäten zu errichten, die an so vielen Stellen auf der Welt im Gange sind - Palästina, Tschetschenien, Quebec -, als ebenso tragische wie theatralische Bemühungen, etwas aufzubauen, das eigentlich hoffnungslos veraltet ist.

Welche Wirkungen auf unser Leben und das unserer Nachkommen die neue Machtgeographie auf die Dauer haben wird - ich weiss es nicht. Ich weiss nur eines: Jeder Versuch, mit irgendeiner Art von Gesetzgebung oder Zwangsmassnahmen wegzureglementieren, was geschehen ist, als der dritte Raum zu einer neuen Geographie der Macht wurde, erscheint mit als ebenso sinnlos wie der Versuch, mittels Gesetzgebung das Verhältnis zwischen Durchmesser und Umfang des Kreises festzulegen.

Lars Gustafsson, Schriftsteller, ist Professor für Literatur in Austin, USA.


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