NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Wie aus Koka Kokain wird

Von Alex Baur

Die Kokapflanze gehört zur Gattung der rund 200 Arten umfassenden Erythroxylum, wobei nur die in den südamerikanischen Anden vorkommenden E. coca und E. novogranatense neben einem Dutzend weiterer Alkaloide 0,5 bis 1,1 Prozent Kokain enthalten. Traditionell wird das in der Sonne getrocknete Kokablatt gekaut oder als Tee getrunken; es wirkt leicht stimulierend. So konsumiert, gelangt nur ein Bruchteil des vorhandenen Kokaingehalts in die Blutbahnen ? eine toxische Wirkung oder ein Suchtpotential sind nicht nachgewiesen.

Zur Gewinnung der Kokapaste (pasta basica) werden die getrockneten Kokablätter in Wasser und Schwefelsäure aufgeweicht und zu einer breiigen Masse zerstampft. Mit Hilfe von Kerosin, Kalk, Natriumcarbonat und anderen lösenden Substanzen wird die Kokapaste aus dem Brei gewonnen und getrocknet. Aus einem Zentner Koka lässt sich rund ein Kilo Paste gewinnen. Das Rauchen der Kokapaste (auch Bazuco oder Piticol genannt) ist in Lateinamerika weit verbreitet und stellt ein gravierendes gesellschaftliches und medizinisches Problem dar (hohes Suchtpotential, physische und psychische Schäden, Begleitkriminalität).

Aus der Kokapaste wird unter Zusetzung von Äther oder Aceton, Ammoniak und Pottasche die Kokainbase (pasta lavada) herausgefiltert. Aus einem Kilo Paste lässt sich rund ein halbes Kilo Base gewinnen, aus dem sich mit Hilfe von Salzsäure und Äther bis zu 400 Gramm Kokainhydrochlorid extrahieren lassen. Das Kokain genannte Hydrochlorid wird geschnupft, wobei es über die Nasenschleimhäute in den Blutkreislauf gelangt, oder intravenös gespritzt.

Kokain hat eine euphorisierende und in höheren Dosen halluzinogene Wirkung. Eine Überdosierung kann Schäden im Nervensystem hervorrufen und bei akuter Vergiftung zu Atemlähmung, Herzstillstand, zerebralen Krämpfen und damit zum Tod führen. Ein andauernder Missbrauch der «Leistungsdroge» geht oft einher mit einer Zersetzung der Persönlichkeit und Konzentrationsfähigkeit und kann paranoid-halluzinatorische Psychosen auslösen. In psychischer Hinsicht hat Kokain ein starkes Suchtpotential. Bezüglich der körperlichen Abhängigkeit streiten sich die Wissenschafter, überwiegend geht man jedoch auf Grund fehlender Toleranzbildung von einem geringen Suchtpotential aus.

Seit einigen Jahren wird insbesondere in den USA das Kokainhydrochlorid zu Crack und Freebase weiterverarbeitet. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Rückwandlung in Kokainbase, die, vergleichbar mit der pasta basica, geraucht wird. Das Rauchen wird als gefährlich eingestuft, weil die Dosierung schwer berechenbar ist und die Lunge, im Gegensatz zu den Nasenschleimhäuten, beinahe unbeschränkte Mengen des Alkaloids aufnehmen kann.


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