Der grosse Hai. Der Carchardon Megalodon war der wohl furchterregendste Räuber, den unser Planet je gekannt hat: ein Hai von weit über zwanzig Metern Länge, dessen fossilisierte Zähne - messerscharfe, dreieckige Hauer von fast 20 cm Länge - an zahlreichen Fundstellen auf der ganzen Welt ausgegraben wurden. Zwar gilt offiziell, dass das Tier vor mehr als 60 Millionen Jahren ausgestorben ist. Dennoch wurde der grosse Hai in diesem Jahrhundert mehrere Male gesichtet.
Taucher und alle, die die Meere in Booten unter Flugzeugträgergrösse befahren, sollte vor allem der Bericht einiger australischer Krabbenfischer nachdenklich stimmen, die 1918 einem Hai von geradezu unvorstellbaren Ausmassen begegneten. Das Tier biss ein halbes Dutzend Krabbenfallen von rund einem Meter Durchmesser samt der Leine ab und verschluckte sie am Stück. Dass die Fischer, die eigentlich auf ihren Verdienst angewiesen wären, sich danach während Tagen weigerten, aufs Meer zu fahren, macht ihre Schilderung glaubwürdig. Überdies munkelt man von mindestens zwei weiteren Sichtungen des grössten Haifischs aller Zeiten in den letzten 80 Jahren.
Leonardo La Rosa
Weshalb alte Fische stinken. Der Fisch ist tot. Aber die Bakterienflora lebt weiter und lässt sich auch von kühlen Temperaturen nicht beeindrucken. Rindfleisch hat in lebendiger Form eine Temperatur von zirka 35 Grad Celsius, und seine Zersetzung durch körpereigene Enzyme und Bakterien wird mit einer Abkühlung auf 5 Grad etwa achtmal verlangsamt. Die Bakterien von Fischen, die sich in Gewässern von 0 bis 20 Grad aufgehalten haben, fühlen sich dagegen im Kühlschrank wie zu Hause und stürzen sich auf das im Fischfleisch vorkommende Trimethylaminoxid.
Nachdem sie die Moleküle dieser geruchlosen Substanz um den Sauerstoff erleichtert haben, bleibt Trimethylamin übrig, eine Substanz mit ganz anderen Eigenschaften. Sie hat einen sehr niedrigen Siedepunkt. Schon bei 3 Grad Celsius geht sie vom flüssigen in den gasförmigen Zustand über. Trimethylamin erfüllt also bald einmal die Umgebungsluft und fällt der Nase unangenehm auf: Es stinkt nach altem Fisch.
Mit ein paar Spritzern Zitronensaft lässt sich dieser Geruch bekämpfen: Die Zitronensäure reagiert mit dem basischen Trimethylamin; eine klassische Neutralisation, bei der sich die Reaktionspartner zu einem geruchlosen Salz verbinden.
Dass alte Fische stinken, hat aber auch sein Gutes, denn wenn sie zu stark riechen, essen wir sie nicht. Dies schützt uns vor dem blutdrucksenkenden Histamin, dessen Konzentration im toten Fisch schnell zunimmt und das in hohen Dosen zu den äusserst unangenehmen Symptomen einer Fischvergiftung führt.
Daniel B. Peterlunger
Prophetische Fische. «Springende Fische bringen Gewitterfrische», weiss eine alte Bauernregel. Das hat wenig mit Prophetie zu tun. Während die Mücken sich nämlich bei schönem Wetter in den hohen Lüften aufhalten, schwirren sie vor einem Wetterwechsel nahe über Land und Wasser, was dann die hungrigen Fische nach der Beute springen lässt.
Dramatischer ist auffälliges Tierverhalten vor Erdbeben. Oft ist beobachtet worden, dass Haustiere, aber auch Schlangen, Vögel und Ratten, sich einige Stunden vor einem Erdbeben merkwürdig benehmen. Da man das ungewöhnliche Verhalten aber jeweils erst nach der Katastrophe mit dem Naturereignis in einen Zusammenhang bringt, ist der Nutzen von Tieren als Erdbebenwarnern zweifelhaft.
In China und Japan haben besonders Fische einen Ruf als Erdbebenpropheten. So sollen sie vor einem Beben aussergewöhnlich unruhig herumschwimmen und immer wieder aus dem Wasser springen. Möglicherweise nehmen die Tiere niederfrequente Geräusche oder Veränderungen des elektrischen Feldes im Boden wahr, die Erdbeben vorangehen können.
In Tokio haben die Stadtbehörden noch 1992 ununterbrochen Welse beobachten lassen, um Hinweise auf ein kommendes Beben zu gewinnen. Der Einsatz dieser Fische als Propheten hat mythische Wurzeln. Laut uralter Überlieferung soll unter der Erdoberfläche ein riesiger Wels hausen, im Schlamm und vom Gott Kashima mit einem Felsbrocken zu Boden gedrückt. Wenn Kashima unachtsam ist und den Griff lockert, schlägt der Wels wild um sich: die Erde bebt.
Herbert Cerutti
Gefährlicher Leckerbissen. «Ich möchte Fugu essen, aber nicht sterben.» Mit diesen einfachen Worten besingt ein altes japanisches Volkslied den Reiz und die Gefahr, die vom Fugu, dem Kugelfisch, ausgehen. Falsch zubereiteter Fugu führt zu Vergiftungen, die in mehr als der Hälfte der Fälle tödlich enden. Verantwortlich für den Tod innert Stunden ist Tetrodotoxin, ein hitzebeständiges Gift, das sich vor allem in den Innereien des Fisches ansammelt.
Schon während des Essens spürt man ein leichtes Kribbeln auf der Zunge und den Lippen. Allmählich wird man taub und verliert das Gefühl in den Fingern und Zehen. Dann gehorchen die Muskeln nicht mehr, Schwindel und Sprechschwierigkeiten stellen sich ein. Erste Lähmungserscheinungen treten auf. Der Atem geht schwer und schwerer, aber das Bewusstsein bleibt erhalten. Schliesslich erlahmt die Atemmuskulatur ganz, und der Fugu-Esser stirbt.
Dass der Tod im Teller lauert, ist in Japan schon seit vielen Jahrhunderten bekannt. Die Herrscher der Edo-Periode (1603-1867) erliessen daher ein Fugu-Essverbot. Weitergegessen und -gestorben wurde trotzdem. Als 1888 ein Premierminister die Präfektur Yamaguchi besuchte, setzte man ihm während eines Diners insgeheim einen Fugu vor. Ahnungslos ass er von dem verbotenen Fisch, der ihm so gut schmeckte, dass er das Fugu-Verbot in Yamaguchi aufhob. Diese Präfektur wurde zur Hochburg des lebensgefährlichen Genusses. In Tokio durfte seit 1892 wieder Fugu gegessen werden, in Osaka seit 1941.
Heute darf der Giftfisch in ganz Japan zubereitet werden, vorausgesetzt, der Koch hat eine Lizenz. Die Ausbildung ist streng, dauert zwei Jahre und endet mit einem langwierigen Examen. Zuletzt muss der Prüfling einen Fugu kochen und verzehren. Wer dieses Mahl überlebt, ist Fugu-Koch.
Daniel B. Peterlunger
Fische mit Ohrringen. Im Mittelmeer lebt ein seltsamer Fisch. Die Rückenflosse läuft über die ganze Länge des Körpers, Brustflossen aber fehlen. Muraena helena, die bis 1,5 Meter lange, braungelb gefleckte Mittelmeer-Muräne, gleicht einer fetten Schlange. Sie kann plötzlich aus einer Felsspalte hervorschiessen, mit kräftigen Fangzähnen ihre Beute packen und die in der Gaumenschleimhaut sitzenden Giftdrüsen in die Bisswunde entleeren. Sorglosen Sporttauchern geschieht es zuweilen, dass sie beim Befummeln der Unterwasserlandschaft mit einer Muränenschnauze Bekanntschaft machen.
Der Muräne wird eifrig nachgestellt, denn ihr Fleisch soll sehr schmackhaft sein. Schon die Römer der Antike schätzten den Leckerbissen. Sie mästeten die Viecher in «Vivarien», den ersten künstlichen Fischteichen. Laut Plinius Secundus liess Lucullus für seine Fischzucht bei Neapel sogar einen Berg aushöhlen, was mehr gekostet haben soll als der Bau seines Landhauses. Und er leitete Meerwasser über einen Kanal direkt in den Teich. Ein anderer Römer, Hirrus, schätzte seine Muränen derart, dass er sie für kein Geld der Welt verkaufen wollte, aber immerhin dem Diktator Cäsar 6000 Tiere für ein Festessen «leihweise» abgab.
Dem Redner Hortensius war eine gewisse Muräne seines Fischteiches so lieb, dass er geweint haben soll, als sie starb. Auf dem gleichen Landgut zog Antonia, die Frau des Drusus, ihrer Lieblingsmuräne Ohrringe an.
Der römische Ritter Vedius Pollio entdeckte, dass sich mit diesen Fischen hervorragend der Grausamkeit frönen lässt. Er liess verurteilte Sklaven in einen Muränenteich werfen und sah - besser als bei jeder anderen Raubtierart -, wie der ganze Mensch auf einmal zerrissen wurde.
Herbert Cerutti
Fische, die in Bäumen hängen. Die Schneeschmelze im tibetischen Himalaja und der Monsun lassen im Sommer den Mekong anschwellen, der durch Indochina fliesst. Er führt dann so viel Wasser, dass er bei Phnom Penh in Kambodscha den Tonle Sap, den Abfluss des gleichnamigen Sees, zurückdrängt und zum Wechsel der Fliessrichtung zwingt. Zusammen mit dem Regen speist dieser Fluss jetzt den See, der auch Grosser See genannt wird.
Die Ebene bei Angkor Wat wird überflutet. Der Grosse See wächst auf das Vierfache seiner ursprünglichen Fläche an und wird zum zweitgrössten Süsswassermeer der Welt. Unter der ruhigen Oberfläche, die einen Viertel der Schweiz bedecken würde, regt sich Leben, und in den überfluteten Büschen und Wäldern laichen Fische. Der Grosse See wird vorübergehend zum fischreichsten Gewässer der Erde. Doch der Spuk endet bereits wieder Ende Oktober, wenn der Wasserstand des Mekongs zu sinken beginnt. Der Tonle Sap wechselt wieder die Fliessrichtung. Einige Fischarten streben zum Ausgang des Sees, andere schwimmen gegen die Strömung zur Seemitte.
Unterdessen haben die Menschen am See überall Bambusreusen und Netze ausgebracht, die Ernte kann beginnen. Weissfische sind die ersten, die aus den wieder auftauchenden Waldgebieten schwimmen wollen. Doch der Wasserstand sinkt schnell, und die Karpfen sind im nahrhaften See dick geworden. Ihre Zahl ist so gross, dass sie sich gegenseitig behindern. Zu Tausenden bleiben sie in Astgabeln und Büschen hängen, wo sie von blosser Hand gepflückt werden können.
Daniel B. Peterlunger
Trockenkünstler. Im Erdaltertum, vor 400 Millionen Jahren, waren Lungenfische weit verbreitet - Lebewesen, die sowohl über Kiemen als auch über Lungen verfügen. Sie können zu normalen Zeiten den Sauerstoff über die Kiemen aus dem Wasser gewinnen, und wenn das Wasser knapp wird, holen sie ihn sich per Lunge direkt aus der Luft. Heute leben nur noch sechs Arten von Lungenfischen, gewissermassen «lebende Fossilien» einer im Laufe der Evolution aus der Mode gekommenen biologischen Konstruktion. Der bis zu 50 Kilogramm schwere australische Lungenfisch sieht mit seinem walzenförmigen Körper und den grossen, runden Schuppen den frühesten Fossilien noch sehr ähnlich. Dieses mächtige Tier kann dank Lungenatmung in Trockenzeiten selbst in kleinsten Pfützen überleben. Verdunstet auch noch der letzte Rest seines Gewässers, geht es allerdings jämmerlich zugrunde.
Das passiert den afrikanischen Lungenfischen, die im flachen Wasser von Sümpfen oder langsam fliessenden Flüssen Mittelafrikas leben, nicht. Mit ihrem aalförmigen Körper graben sie sich beim Einsetzen der Trockenzeit einen 50 bis 80 Zentimeter tiefen Schacht in den Schlamm. Dort unten krümmen sie sich zusammen und hüllen sich in eine Kapsel aus Schleim und Erdreich, die sie gegen das Vertrocknen schützt. Nur beim Mund lassen die Fische ein winziges Atemloch offen, das sie über eine stricknadelfeine Röhre mit der Erdoberfläche verbindet. So warten sie in der bald einmal steinhart gewordenen Kapsel auf den nächsten grossen Regen, der sie aus ihrem Gefängnis befreien wird. Es wurden schon westafrikanische Lungenfische beobachtet, die selbst nach vier Jahren Trockenschlaf wieder aktiv wurden - allerdings waren sie völlig abgemagert.