NZZ Folio 09/94 - Thema: Bauern, was nun?   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Bauernopfer?

Von Andreas Heller

Unter der Käseglocke eines protektionistischen, aus der Kriegswirtschaft übernommenen Grenzschutzsystems bearbeitete der Schweizer Bauer bis anhin die heimische Scholle, ohne sich gross um den Absatz seiner Erzeugnisse kümmern zu müssen. Hauptsache, er hielt sich an die vom Staat vorgegebenen Spielregeln. Subventionen, Importschutz und Ausfuhrbeihilfen gaben den Bauern einerseits Sicherheit, andererseits nährten sie die Bürokratie bei den für die Landwirtschaft zuständigen staatlichen Verbänden und Branchenorganisationen. 3,2 Milliarden Franken an Bundesgeldern versickern mittlerweile jährlich in diesem ausgeklügelten System namens eidgenössische Landwirtschaftspolitik - ein System, das auf die Dauer nicht mehr aufrechtzuerhalten ist.

Denn den Konsumenten geht es heute nicht mehr wie in der Nachkriegszeit primär um die Sicherung der Landesversorgung; sie erwarten von den Bauern in erster Linie möglichst schöne Produkte zu möglichst günstigen Preisen. Die desolate Lage der Bundesfinanzen zwingt zu Sparmassnahmen, und auch von aussen vergrössert sich der Druck auf die schweizerische Landwirtschaft: die für die Exportindustrie lebenswichtige Uruguay-Runde des Gatt verlangt eine Öffnung der Grenzen sowie einen markanten Subventionsabbau.

Der Umbruch weckt bei vielen Bauern verständliche Befürchtungen. Denn Einkommenseinbussen und ein weiterer Rückgang der Bauernbetriebe sind absehbar - wofür allerdings nicht allein das Gatt verantwortlich sein wird. Der Strukturwandel, der dazu geführt hat, dass heute gerade noch vier Prozent der Bevölkerung Bauern sind, ist eine Realität.

Die geplante Liberalisierung der Landwirtschaft nicht zu fürchten haben jene Bauern, die die neuen Möglichkeiten nutzen, vermehrt als Unternehmer agieren, Marktnischen besetzen und Qualitätsprodukte anbieten können. «Alle reden vom Gatt, aber niemand weiss, wie es sich tatsächlich auswirkt. Vielleicht bringt es uns ja sogar Vorteile», sagt ein in diesem Heft portraitierter Bergbauer. Bis zum Beweis des Gegenteils wohl nicht die schlechteste Einstellung - wie auch ein Blick nach Neuseeland zeigt, wo in der Landwirtschaft schon seit acht Jahren der freie Markt regiert.




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