NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Radio aktiv

Das digitale Radio hat den Engländern Hunderte von neuen Programmen beschert. Zum Beispiel für Schwule, Lesben und Bücherwürmer.

Von Hanspeter Künzler

Im vergangenen Herbst gerieten die Leute des Digital Radio Development Bureau (DRDB) in London ins Grübeln. Eben erst hatte das Digitalradio einen historischen Sieg errungen: Im Sommer 2006 wurden im Paradesektor «Küchenradio» zum ersten Mal mehr digitale als analoge Radioempfänger verkauft. Im September dann die Überraschung: Der Marktanteil der digitalen Geräte sank von 52 Prozent um fast die Hälfte auf 33 Prozent. «Wir haben uns endlos den Kopf darüber zerbrochen, was da los ist», sagt Mandy Green, die Sprecherin von DRDB, der wichtigsten Vereinigung zur Förderung des Digitalradios in England.

Die Erklärung, so stellte sich heraus, markierte einen weiteren Triumph für das digitale Radio: Der führende Detailhändler Tesco befürchtete, auf seinem Lager voller Analogradios sitzenzubleiben, und begann die Geräte deshalb zum symbolischen Preis von einem Pfund zu verscherbeln. Im Dezember, als der Vorrat analoger Geräte bei Tesco erschöpft war, holten die digitalen Küchenradios wieder auf 74 Prozent auf.

Die Geschichte der Radioempfänger
1960-1979: Sieg des Transistors


In kaum einem anderen Land ist das digitale Radio so verbreitet wie in England. Im Gegensatz zu Deutschland, wo bei der Öffentlichkeitsarbeit die Empfangsqualität und Störungsfreiheit in den Vordergrund gerückt wurde, bauen die Briten auf die Programmvielfalt. Das neue Digital-Audio-Broadcasting-System (DAB) ermöglicht es, auf einer Frequenz mehrere Programme zu senden. Das führt zu einer grösseren Programmdichte. In Bristol kann man mit einem Analogempfänger zum Beispiel acht nationale, einen regionalen und fünf lokale Sender empfangen. Mit DAB sind es mehr als doppelt so viele. Die Kunden haben mittlerweile die Auswahl zwischen 283 verschiedenen DAB-Empfängern, sie kauften 2006 1,73 Millionen davon.

Bei der Erschaffung neuer Stationen hat sich vor allem die öffentlichrechtliche BBC ins Zeug gelegt. Nebst etlichen Regionalkanälen hat man eine Reihe Stationen eingerichtet, die nur digital zu empfangen sind: BBC 1 Xtra serviert junge, schwarze Musik. BBC 5 Live Sports Extra berichtet von Sportveranstaltungen, die im herkömmlichen BBC 5 Live keinen Platz finden. BBC 6 Music pflegt einen vertieften Umgang mit Rock, Funk, Punk und Reggae – hier ist etwa Bob Dylan als Moderator mit seinem schrulligen Programm zu hören. Im ganzen gehören 59 DAB-Stationen der BBC. 368 weitere werden kommerziell betrieben. Eine davon ist Oneword.

«Oneword wäre nicht entstanden ohne die Entwicklung von DAB», sagt Simon Blackmore, Direktor des Senders, der sich aufs gesprochene Wort konzentriert. Hinter Oneword steckt die Mediengruppe UBC, an der die TV-Station Channel 4 seit kurzem die Aktienmehrheit besitzt. Die Firma richtete ihr Augenmerk schon in den 1990er Jahren auf die digitale Zukunft. So bewarb man sich mit drei verschiedenen Konzepten um eine landesweite Sendelizenz. Oneword wurde ausgewählt, «weil es keinen vergleichbaren kommerziellen Sender gab», sagt Blackmore. Das Konzept hatte den Vorteil, in der Praxis billig zu sein: Anfangs wurde das Programm ganz mit Audiobüchern bestritten. Vorgelesen wurden etwa «Die Prinzipien der Meditation» oder englische Klassiker. Der Sendestart erfolgte im Mai 2000. Heute erreicht Oneword 138 000 Hörer pro Woche, die im Schnitt 3,3 Stunden beim Sender bleiben. Was das Publikum für die Werbung interessant mache, sei die Tatsache, dass 35 Prozent davon sonst nur die werbefreie BBC konsumierten. «Dank uns haben die Werber Zugang zu Hörern, die sie sonst nicht erreichen.»

Oneword steht in Konkurrenz mit den BBC-Talk-Stationen Radio 4 und 7: «Unsere Chance ist, dass wir zugänglicher und süffiger sind. Radio 4 ist vielen Hörern zu insiderhaft.» Unterdessen präsentiert Oneword immer mehr selbstproduzierte Sendungen und pflegt mit einigen Verlagen enge Partnerschaften. Die Infrastruktur ist bescheiden: Sechs Leute arbeiten fest für Oneword, dazu kommen freie Moderatoren. «Unser Publikum ist promiskuös», sagt Blackmore, «die Hörer kleben nicht am Sender, sie springen hin und her.» Eine unter Machern von konventionellem Radio beliebte These war in den letzten Jahren: Hörer, die den Sender wechseln, weil ihnen etwa ein Musikstück nicht passt, kommen nicht mehr zurück. Blackmore ist überzeugt, dass dem nicht so ist.

Als 1993 die Journalistin Liz Forgan zur Direktorin von BBC Network Radio ernannt wurde, war sie überzeugt, dass die Zukunft dem digitalen Radio gehören würde, und drängte darauf, dass nicht nur die BBC, sondern überhaupt das britische Radio entsprechende Schritte einleite. Die Regierung stellte sich hinter ihre Bemühungen. 1995 fanden die ersten Tests mit einem BBC-Sender statt. 1996 verliess Forgan die BBC, und DAB wurde vorübergehend vernachlässigt. 1998 bekam die Firma Digital One die Lizenz, auf einer Frequenz im ganzen Land mehrere kommerzielle Programme zu senden (Multiplex). Radiohersteller machten sich daran, Geräte zu bauen. Am 15. November 1999 wurde das kommerzielle DAB mit fünf Sendern lanciert: Classic FM, Talk, Virgin, Core und Planet Rock. Von da an wurden monatlich irgendwo im Land neue DAB-Stationen gegründet. Im Februar 2001 forderte die Regierung die Radiohersteller auf, endlich günstigere DAB-Geräte herzustellen. Die BBC und der kommerzielle Sektor formierten gemeinsam das Digital Radio Development Bureau, das sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmerte. Im Juli 2002 erschien Pure Evoke-1 – es war das erste DAB-Gerät, das weniger als 100 Pfund kostete; in den grossen Ladenketten John Lewis und Dixons war es innert dreier Stunden ausverkauft.

Das war die Wende. Seither folgten sich die Neuerungen Schlag auf Schlag. Die Möglichkeit, eine Sendung zum Anfang zurückzuspulen oder per Knopfdruck eine zukünftige Sendung zu speichern, ist unterdessen selbstverständlich. Gerade experimentieren diverse Stationen mit Text- und Bildeinblendungen auf den Radiodisplays. Ab Mai 2007 wird es möglich sein, mittels Knopfdruck ein soeben gespieltes Musikstück vom Radio auf Handy und Computer herunterzuladen.

Auch Gaydar Radio wäre ohne DAB nicht entstanden, sagt der kaufmännische Direktor der Station, David Munoz. Gaydarguys.com beziehungsweise Gaydargirls.com ist eine Kontaktagentur für Schwule und Lesben. Wer sich einsam fühlt, kann auf der Website die Profile von 3,2 Millionen Mitgliedern einsehen. Gaydar Radio, das zwei helle Stockwerke in einem Office-Block in Südlondon belegt, entsprang einem Blitzeinfall während einer Dinner-Party: Die Surfer würden sich bei ihren stundenlangen Gaydar-Expeditionen bestimmt gern unterhalten lassen.

Schwierig sei es gewesen, die Werber vom Wert von Gaydar Radio zu überzeugen. Erst als man genaue Hörerzahlen vorweisen konnte, begannen sich Fluggesellschaften und Autohersteller für das Radio zu interessieren. Gaydar Radio erreicht in London und Brigthon rund 245 000 Hörer pro Woche. Weil die Station auch über Sky Television – und natürlich über die Gaydar-Websites – zu hören ist, liegt die Gesamtzahl bei 1,6 Millionen. Das Programm besteht vornehmlich aus House-Musik, wie sie in den Schwulenclubs geschätzt wird. Dabei sind die DJ um einen direkten Dialog mit den Hörern bemüht: Im Internet-Chatroom sind sie live direkt ansprechbar. «Unser Radio soll Spass machen und gute Laune bringen», sagt Munoz, «deswegen geht unsere Hörerschaft über die Schwulenszene hinaus.» Erstaunlicherweise ist Gaydar Radio die erste Radiostation in Grossbritannien, die sich an ein homosexuelles Publikum richtet. Selbst in den guten alten Analogtagen, wo sich praktisch jede Minderheitengruppe über Piratensender Gehör verschaffte, gab es kein Schwulenradio.

Für die Kultur der Piratenradios ist DAB ein harter Schlag. «Nie mehr wird es vorkommen, dass die Frequenz deiner Lieblingsstation von einem Piraten gekidnappt wird», schreiben die Digitalradiolobbyisten vom Digital Radio Development Bureau (DRDB). Piratenradio sei über DAB ein Ding der Unmöglichkeit.

Nicht alle Radiofans begeistert die Vision einer piratenfreien Zukunft. Denn im musikalischen Untergrund in den Städten von England hatten Piratenstationen in den vergangenen vierzig Jahren eine zentrale Bedeutung. Sie spielten die Musik, die bei der BBC und bei den kommerziellen Stationen durch die Ritzen fiel.

Selbst Ofcom, die Schirmorganisation, die über die britischen Medien wacht, scheint noch nicht bestimmt zu haben, ob das Analogradio in den nächsten Jahren ganz oder nur teilweise abgeschaltet werden soll. Ed Baxter vom London Musicians’ Collective, das den aberwitzigen, analog und über das Internet empfangbaren Avantgardesender Resonancefm.com führt, hält ein gänzliches Ende für unwahrscheinlich: «In den letzten paar Jahren hat die Regierung Millionen ausgegeben für die Schaffung von etwa hundert Community-Stations, wie wir es sind. Ich glaube nicht, dass man diese so bald wieder auslöschen kann.» Baxter spricht für manchen Radiofan, wenn er seiner Enttäuschung über die DAB-Landschaft Luft macht: «DAB hat kaum eine neue Formatidee gebracht. Die Inhalte sind meist sehr konservativ gestaltet. Und die Kosten machen DAB nur für kommerzielle Unternehmen zugänglich. Wir könnten uns DAB nie leisten.»

Tatsächlich ist es nicht billig, ein Programm digital auszustrahlen. Den Löwenanteil der Kosten machen nicht die Studiogeräte aus, die aber auch auf über 100 000 Franken zu stehen kommen, sondern die Verbreitung des Programms. Sich beim nationalen Versorger von Digitalprogrammen Digital One einzumieten, kostet über 1 Million Franken pro Jahr. Digital One bereitet die Signale verschiedener digitaler Programme auf und schickt sie über 95 Sendeantennen an die Hörer im ganzen Land.

Eine Prognose wagt Baxter vom Musicians’ Collective nicht: «Wer weiss, ich glaube, die Piraten sind viel intelligenter, als man ihnen nachsagt. Es würde mich nicht wundern, wenn in ein paar Jahren ein analoger Underground florierte. Andererseits könnte es auch passieren, dass DAB so billig wird, dass jeder seine eigene DAB-Station einrichtet. Es ist, wie wenn ein Asteroid auf die Erde zurasen würde – er könnte treffen und uns alle ausradieren. Oder an uns vorbeizischen und überhaupt keinen Effekt haben.»

Hanspeter Künzler ist freier Journalist; er lebt in London.


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