NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Romands im Portrait V -- La familia

Von Claude Darbellay

GESTERN ABEND, Samstag, hat José-Antonio, der älteste Sohn, in Bern auf dem Spanischen Konsulat den Eid geleistet. Der Konsul las eine Namenliste, und man musste «hier!» rufen, danach hielt er eine kleine Rede, «Ihr seid nun Soldaten, Ihr müsst Eure Heimat bis zum letzten Blutstropfen verteidigen», dann küssten sie die Fahne. Keine Nationalhymne. «Es war ein wenig kurz. Schnell erledigt.» Die ganze Familie war dabei. Nachher gingen sie ins Restaurant essen.

Die Eltern kamen 1973 nach La Chaux-de-Fonds. Der Vater arbeitete zuerst auf dem Bau, aber das gefiel ihm nicht, er ging in die Fabrik. Und dort ist er seit zwanzig Jahren, er macht Kabel. Die Mutter fing vor fünf Jahren an zu arbeiten, in einer Schule, Putzarbeit, nachmittags zwischen vier und sieben. Vorher hatte sie sich um ihre Kinder gekümmert, zwei Knaben und zwei Mädchen, sie hätte gerne fünf gehabt, eine «grosse, schöne Familie». Zuhause, in der Nähe von Sevilla, waren sie neun. Jetzt «denkt sie nicht mehr an Spanien», fühlt sich integriert. Sie hat mehr schweizerische als spanische Freundinnen. Manchmal macht sie ein Fondue für sich allein.

Die kleinere Tochter, Erica, war behindert. Sie brauchte ständige Pflege, und der Tagesablauf richtete sich nach ihr. Dann hat sie vor kurzer Zeit «beschlossen, aufzuhören zu leben». Asunción, ihre Schwester, schlief im gleichen Zimmer. «Als die Leute von der IV das Krankenbett holen kamen, war das Zimmer schrecklich leer. Man brauchte mit ihr nicht zu sprechen. Sie fühlte alles.»

Zuhause spricht man spanisch. Die Kinder unter sich sprechen halb, halb. Sie fühlen sich weder als Schweizer noch als Spanier, eher als beides. Für Asunción ist Spanien vor allem «der Familiensinn. Die Mutter meiner Mutter würde nie in ein Heim gehen.» Die Mutter ist das Herz der Familie. Der Vater ist hart, stolz und baut eine Schutzmauer um die Seinen. Er lässt seine Tochter nicht ausgehen. Ausser am Freitag abend, wenn sie im Spanischen Zentrum Flamenco tanzt (der Bruder zieht die Corridas der Musik vor), und am Samstag mit ihren Freundinnen. Keine Freunde. Das ist verboten.

Die Mutter denkt, «dass man Fortschritte machen muss», der Vater antwortet, dass ihn der Fortschritt nicht interessiert. Er will nur das Beste für seine Familie.

Und was denken sie von der Schweiz? Die Leute sind sehr herzlich hinter scheinbarer Distanziertheit, sympathisch, sagt der Bruder. Verständnisvoll, sagt die Mutter. «Sie sind auch sehr reserviert, jeder für sich selbst», sagt die Schwester, «das ist vielleicht eine Art, sich zu schützen.» Was sie liebt, ist die Verschiedenheit der Kulturen. Sie macht die Handelsschule in den Neuenburger Bergen, «zusammen mit Italienern, Franzosen, Türken, Jugoslawen». Ende September wird sie 18 Jahre alt. Ausländer haben hier das Stimmrecht in Gemeindeangelegenheiten; wird sie stimmen? «Klar.» Ihr Bruder bemüht sich nur, wenn es um Wichtiges geht, «was die Dinge ins Rollen bringt». Mutter und Vater gehen regelmässig stimmen.

Denken sie daran, eines Tages wieder nach Spanien zurückzukehren? «Nein. Was sollen wir da?»


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