NZZ Folio 11/93 - Thema: Kurden   Inhaltsverzeichnis

Begegnung im Schein der Öllampe

Mustafa Barzani, der legendäre Kurdenführer.

Von Arnold Hottinger

NACH ATTATÜRK, dem Gründer der modernen Türkei, gab es im Nahen Osten wohl keine ähnlich heldenhafte Gestalt mehr - ausser vielleicht Mullah Justafa Barzani. Zeit seines Lebens kämpfte der legendäre Kurdenführer für einen Staat oder wenigstens für Autonomie der irakischen Kurden. Doch wie die Geschichte seines Volkes, war auch die seine tragisch: Viele Schlachten konnte Barzani gewinnen, doch den Krieg hat er am Ende verloren.

In den sechziger Jahren kämpfte Barzani gegen die Iraker - gestützt auf seinen Stamm der Barzani-Kurden, auf die Demokratische Kurdische Partei, deren Vorsitzender er war, und auf die verbündeten kurdischen Parteien. Der jahrelange Kampf wurde immer wieder von Waffenstillständen und Verhandlungen unterbrochen, in denen Barzani versuchte, sein Minimalziel, ein autonomes irakisches Kurdengebiet, mit diplomatischen Mitteln zu erreichen.

Während einer dieser Kampfpausen - es war 1963 - reiste ich in das damalige Feldlager des Kurdenchefs in Rania. Auf der Landkarte sah es so aus, als ob Rania ganz nah an der iranischen Grenze liege. In Wirklichkeit war die Reise dann ein Viertageritt auf Maultierrücken. Meist waren meine Begleiter und ich allerdings in der Nacht unterwegs, im Schutze der Dunkelheit. Der Weg führte über mehrere Hochpässe. Die Tage verbrachten wir unter Obstbäumen in einem der paradiesisch anmutenden Täler, zwischen Berghügeln aus nacktem Gestein, die dann des Nachts überquert werden mussten.

In dem zerschossenen Bergdorf Rania wohnte der Guerillaführer im Untergeschoss eines Bauernhauses, wo er, von wenigen Leibwächtern beschützt, Tag und Nacht Boten empfing: Militärführer, kurdische Stammes- und Parteipolitiker, diplomatische Abgesandte.

Spätnachts, im Schein der Öllampe, nach einem langen, ermüdenden Tag, fand er dann Zeit für seinen Gast. Das Gespräch führten wir teilweise in Persisch, doch wenn die Sprachkünste des Besuchers nicht mehr reichten, griffen englische Übersetzer ein. Barzani fragte stets mehr, als er selber preisgab. Vor allem beschäftigte ihn die Frage, weshalb die USA den Kurden nicht beistünden - nachdem diese doch für eine Demokratie und gegen eine Diktatur kämpften, deren Politik sich gegen Amerika richtete. In den Kurden, so sagte er immer wieder, fänden die USA zuverlässige Verbündete. Auch die den Kurden zustehenden Erdölgebiete von Kirkuk, versicherte er, stünden der amerikanischen Industrie offen.

Barzani gab zu erkennen, wie sehr ihn die Opfer belasteten, welche die Kurden unter seiner Führung immer wieder erbringen mussten. «Waren sie wirklich gerechtfertigt?» fragte er mehr sich selbst als seinen Gast. Je mehr das Ziel der Unabhängigkeit oder Selbstverwaltung in die Ferne rücke, um so grösser sei diese Belastung. Und deshalb, so sagte er, sei er auch immer wieder zu Verhandlungen bereit. Es gehe jetzt darum, die Leiden der kurdischen Bevölkerung so rasch als möglich zu beenden. Auf der andern Seite könne er aber auch die Idee eines freien Kurdistans, für die schon so viele gestorben seien, nicht verraten.

Dann erzählte er den Witz von dem grossen Scheich, der eine Familie besuchen kommt. Beim Gastmahl entfährt ihm ein lauter Wind. Verlegenes Schweigen herrscht rund um die Tafel, bis der Vater sich dem jüngsten Sohn zuwendet und tadelnd sagt: «Verlasse den Tisch, so etwas tut man nicht!» - Und Barzani: «So ist es uns Kurden immer gegangen; uns wird die Schuld zugeschoben für alles Schlechte, das hier passiert.»

Barzani hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die irakischen Truppen und gegen die Engländer erhoben und vorübergehend die Kontrolle über die Berggebiete im Norden erlangt, bis ihn die Royal Air Force zum Aufgeben zwang. Mit seinen Stammeskämpfen bildete er darauf die kurzlebige Republik von Mahabad in Iran. Als dann die Truppen des Schahs wenig später Mahabad überrannten, flüchtete er mit seinen Kämpfern in die Sowjetunion - der legendäre lange Marsch der Kurden. In der Sowjetunion wurde Barzani in einer Militärakademie zum Guerillaspezialisten - sein Titel «General» stammt aus jener Zeit - ausgebildet. Nach dem Umsturz im Irak von 1958 rief ihn General Kassem nach Bagdad zurück, doch schon bald kam es zu neuen Reibereien zwischen Barzani, dem Kämpfer für Autonomie, und der irakischen Armee.

Die Erfahrungen in der Sowjetunion prägten Barzanis spätere Politik. Er wurde zum Kritiker der Sowjetunion und zum Bewunderer des freien Amerika. «Wir haben die gleichen demokratischen Ideale», sagte er. «Die Amerikaner haben einen Befreiungskampf gegen die Engländer geführt, so wie wir gegen Bagdad.»

Am Tag kam es vor, dass Politiker, die Barzani besuchen kamen, den Journalisten beiseite nahmen und ihm nahelegten, er möge versuchen, dem General klarzumachen, dass die Amerikaner immer nur nach ihren eigenen Interessen handelten. Sagte man ihm das, antwortete Barzani, das wisse er auch, und fügte die Frage an: «Wäre es aber nicht im Interesse der Amerikaner, uns zu helfen? Den Israeli helfen sie ja auch!»

Niemand stellte die militärische Fähigkeiten des Generals in Zweifel. Er galt als strategisches Genie, das immer genau wusste, wo und wie den überlegenen irakischen Truppen entgegenzutreten war; wo man besser auswich und wie der Feind geschlagen werden konnte. Die Topographie seiner Heimat hatte er Berg für Berg, Tal für Tal in seinem Kopf.

Viele der kurdischen Politiker, besonders die Intellektuellen aus den Städten, die sich gerne Sozialisten nannten, hielten Barzani indessen vor, er sei ein «Feudalherr». In der Tat war sein Onkel Stammesfürst der Barzani gewesen, was den Irakern Gelegenheit gab, die alten Erbfeinde der Barzani, den benachbarten Stamm der Zibari, auf ihre Seite zu bringen. Die sozialistische Kurdenpolitiker wollten die Macht der Stammesführer brechen und sprachen von Landreform. Doch Barzani bestand darauf, dass alle irakischen Kurden sich auf den Befreiungskampf konzentrierten. Die Kurdenführer jenseits der iranischen und der türkischen Grenze ermahnte er, sich ruhig zu verhalten, um nicht den Zorn der türkischen, der iranischen und der irakischen Führung zu erregen. Es sei nun Zeit für die irakischen Kurden zu kämpfen, lies er ihnen ausrichten; ihre Rolle sei es, sie dabei politisch und wirtschaftlich zu unterstützen. Die Sozialisten hingegen träumten stets von einer Revolution der kurdischen Unterschicht dies- und jenseits der Grenzen, «des Volkes», wie sie sagten. Später brachen sogar Kämpfe zwischen Barzanis Anhängern und seinen sozialistischen Kritikern aus. Diese waren zwar unterlegen, einige der besten Kämpfer Barzanis kamen dennoch ums Leben.

Als sich die Verhandlungen mit Bagdad immer mehr in die Länge zogen, machte ein bitteres Bonmot unter den Kurden die Runde: «Die Iraker werden uns nie echte Autonomie zugestehen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als so lange gegen sie weiterzukämpfen, bis sie die Minderheit sind und wir die Mehrheit. Dann werden wir ihnen Autonomie gewähren».

Nach meinem Besuch im Jahre 1963 fochten die irakischen Kurden unter Barzani noch zwölf weitere Jahre. Sie verhandelten und kämpften weiter gegen irakische Kriegsflugzeuge und gegen Panzer, denen sie nichts anderes entgegenzusetzen hatten als angezündete Strohballen, die sie die Berge hinabrollen liessen. Aber das Ende nahte - just in der Zeit, als der Traum von der amerikanischen Hilfe in Erfüllung zu gehen schien.

Der Schah von Persien (und hinter ihm die USA) begann die Kurden gegen das Baath-Regime von Hassan al-Bakr und Saddam Hussein militärisch zu unterstützen. Jetzt sah sich die irakische Armee zum erstenmal mit schwer bewaffneten Kurden konfrontiert, die Niederlagen häuften sich. Doch dann verständigte sich der Schah 1975 mit Saddam Hussein über den Grenzverlauf am Schatt-al-Arab und forderten von den Kurden alle schweren Waffen zurück. Jede Unterstützung wurde abgebrochen, und Barzani sah sich gezwungen, einen Frieden zu den Bedingungen Saddam Husseins anzunehmen.

Doch Saddam Hussein hielt sich nicht an seine Zusagen. Um nur eine seiner damaligen Untaten anzuführen: alle männliche Mitglieder des Barzani-Stammes zwischen 5 und 80 Jahren wurden von den irakischen Sicherheitstruppen verschleppt und blieben seither verschwunden. Barzani selbst fand mit seinen engsten Mitarbeitern und Kämpfern in Iran Asyl. Als gebrochener Mann starb er 1979, ein Jahr nach dem Sturz des Schahs, in einem amerikanischen Militärspital. Sein Sohn, Masud, versucht heute zusammen mit Jalal Talabani, dem langjährigen Mitarbeiter und manchmal bitteren Gegenspieler seines Vaters, die irakischen Kurden vor dem neuen Unheil zu retten, das sie von allen Seiten bedroht.


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