ES REGNET STARK. Das Café ist leblos, aber angenehm. So unauffällig wie möglich blättere ich in einer Zeitschrift. Eine Frau hebt ihre Tasse und nimmt ein paar Schlucke. Danach bleibt ein heller Sahnerand über ihrer Oberlippe zurück. Eine Mutter nennt ihren kleinen Sohn Zappelphilipp. Das Kind schaut aus dem Fenster und sagt: Der Regen tut alles regnen. Das Radio hinter der Theke gedenkt eines Tenors, der vor kurzem gestorben ist. Kurz danach singt der tote Tenor: Leb wohl mein flandrisch Mädchen.
Am Nebentisch sagt ein Mann: Ich war dreimal pleite, aber ich hab's nicht anerkannt. Eine zart heruntergekommene Frau betritt das Café. Sie geht gebückt in einem Anorak, der um die Schultern herum durchnässt ist. Erst jetzt sehe ich, dass die Frau barfuss ist. Sie nimmt Platz, packt ihren Rucksack unter den Tisch und stellt ihre Füsse drauf. Die Bedienung bringt ihr eine Tasse Schokolade. Aus dem Rucksack holt die Frau Buntstifte hervor und beginnt, kleine Bildchen zu malen. Die Bedienung hat heute eine blaue Zunge. Wahrscheinlich lutscht sie nur ein Hustenbonbon, aber mit der farbigen Zunge sieht sie aus wie aus einer anderen Welt.
Ein Foto in der Zeitschrift lässt mich innehalten. Ich sehe ein seit langer Zeit verrostetes Autowrack. Sträucher wachsen an seinen Seiten in die Höhe. Das Wrack sieht aus wie ein Tier, das endlich ein Versteck gefunden hat. Ich will nachdenken über den Luxus des Verschwindens, aber in diesem Augenblick tritt ein Mann in das Café. Über ein paar Tische hinweg fragt er die Bedienung: Arbeitet Paul Seidenwitz noch hier? Die Frau lacht knapp und schmerzlich. Vor einem halben Jahr war er noch hier, sagt der Mann. Paul ist über alle Berge, sagt die Bedienung. Der Fremde wendet sich ab und geht. Das Kind, das Zappelphilipp genannt worden ist, fragt seine Mutter: Darf ich nächstes Jahr noch einmal auf die Welt kommen? Die Mutter seufzt schön. Ich will über das Wrack im Gras nachdenken, aber ich komme nicht dazu. Die ein wenig verwahrloste Frau geht umher und bietet drei winzige Bildchen an, die sie in grosser Eile gemalt hat. Aber sie hat kein Glück, niemand kauft ihr etwas ab. Kleinlaut geht sie an ihren Tisch zurück und malt weiter. Mich beschäftigt die Idee, das Auto im Gras könnte das Auto von Paul Seidenwitz sein. Wie unmöglich ist es, die Seltsamkeit solcher Verbindungen zu erfassen! Vermutlich hatte Paul Seidenwitz kein Geld, kein Auto und keine Ideen, wollte aber trotzdem verschwinden.
Wieso habe ich plötzlich das Gefühl, Paul Seidenwitz zu kennen? Ich habe ihn nie gesehen, seinen Namen habe ich eben zum erstenmal gehört. Dagegen weiss ich, dass die Bedienung Rosa heisst. Ich warte darauf, dass sie von einer Kollegin gerufen wird. Dann steht für Augenblicke das Wort Rosa im Raum. Gerne würde ich jemanden kennen, der Otto heisst; dann könnte ich von Zeit zu Zeit sagen: Hör mal, Otto. Erst jetzt fällt mir auf, dass das blaue Armband am Handgelenk des Kindes wundervoll zur blauen Zunge der Bedienung passt.
Der Mann, der schon dreimal pleite gemacht hat, sagt zu seiner Begleiterin: Ich habe kein Verständnis für meine Lage! Gehört vielleicht ihm der aufgegebene Wagen? Die Frau an seinem Tisch antwortet: Ich habe andere Sorgen! Ich kann meine Wohnung nicht mehr leiden! Auf Grund dieser Sätze schaue ich mir die Frau näher an. Und sofort ist klar: Auch sie könnte das Auto ins Gras gefahren haben. Der kleine Junge flüstert seiner Mutter etwas ins Ohr. Die plötzliche Berührung ihres Ohrs durch die weichen Kinderlippen entzückt die Frau. Zum Dank hält sie ihre Quarzuhr an sein kleines Kinderohr und sagt: Hörst du, tick tack tick tack. Das Kind fällt begeistert auf den Trick herein und spricht sogar mit: Tick tack tick tack. Ich überlege, ob der Junge später gekränkt sein wird, wenn er die Schwindeleien der Mutter enthüllt.
Der Einfall hilft mir, einen Satz zu denken, den ich dem Auto im Gras verdanke: Es gibt keine Flucht, keine Rettung und kein Heil, es gibt nur das Versteck und auch dieses nur vorübergehend. Ich habe Lust, die Zeitschrift mitzunehmen. Wovor hat der Autofahrer ein Versteck gesucht: vor seiner Ehe, seinen Schulden, seiner Mutter, vor sich selbst? Ich möchte zahlen und hebe den Arm. Rosa kommt schnell an meinen Tisch. Sie schaut mich eine Spur zu scharf an und nimmt die Zeitschrift an sich. Offenbar hat sie mich dabei beobachtet, wie ich sie zwischen die Seiten meiner Zeitung schieben wollte. Ich nehme zur Kenntnis: Ich bin ungeschickt, ich kann nichts verschwinden lassen.
Die Mutter hat ein neues Spiel erfunden: Sie legt einen Würfelzucker auf ihren Löffel, in dem sich noch ein Rest Kaffee befindet, und schaut dabei zu, wie der Würfelzucker den Kaffeerest langsam aufsaugt und dabei milchbraun wird. Wieder ist das Kind eingenommen und ahmt das Spiel nach. Rasch verlasse ich das Café. Die Stadt liegt da wie totgeredet. Durch die Spiegelungen der Lichter in den Pfützen erreicht die Verlorenheit hier weltstädtisches Niveau.
Zum Glück ist es nicht weit zur U-Bahn. In dem Wagen, in den ich zusteige, riecht es nach Haarspray, Kaugummi und altem Rauch. Eine Frau hinter mir sagt: Wahrscheinlich habe ich einen zu kleinen Mund. Eine andere sagt: Wenn ein Mann zu anhänglich wird, schüttelt man ihn ab. Nochmals fällt mir Paul Seidenwitz ein. Wahrscheinlich wollte er mit einem Schlag sein ganzes Leben ändern. Wie merkwürdig es ist, dass kein Mensch damit aufhören kann, über sein Leben nachzudenken! Ein Jugendlicher steigt zu. Er trägt eine Tüte mit stark riechenden Pommes frites in Händen. Ein junges Mädchen sagt: Wenn ich mich gut fühle, will ich Lärm machen. An der Decke der U-Bahn lese ich den Spruch einer Hähnchenbraterei: Unser Grill steht nicht still. Ein dunkelhäutiger Mann sagt: Deutschland serr gutt Land.
Durch die offenen Fenster schiesst auf beiden Seiten feuchter Schachtgeruch ein. Eine Frau sagt: Seit ich die Pille nicht mehr nehme, kriege ich Pickel. Wo ist hier das Versteck? Die U-Bahn rast dahin und löst meinen Satz aus dem Café auf wie nichts. Die vielleicht einzige Rettung könnte der Blick auf den Boden sein. Ich suche den gerippten Gummiboden der U-Bahn nach irgendeinem Ruhepunkt ab. Nicht weit von mir entdecke ich unter einem Einzelsitz eingetrocknete Blutflecke. So ist es also, denke ich reglos, man wischt nicht einmal mehr die Blutspuren vom Vortag weg.