NZZ Folio 08/97 - Thema: Der Dollar   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Zähe Dirigenten

Von Herbert Cerutti

AM 5. DEZEMBER 1978 überraschte die «New York Times» ihre Leser mit dem Ratschlag: «Lebe länger! Werde Dirigent.» Das Weltblatt belegte seine Empfehlung mit den neuesten Zahlen der Bevölkerungsstatistik: Während die Lebenserwartung für Männer in den USA bei 69,4 Jahren lag, wurden Orchesterdirigenten im Durchschnitt 73,4 Jahre alt. Grössere Unruhe stiftete am 30. März 1990 die Londoner «Times»: «60 Prozent aller Piloten in der zivilen Luftfahrt sterben vor dem 65. Lebensjahr! Die Vorsitzenden der Pilotengewerkschaft sind aufs höchste alarmiert.»

Die zähen Dirigenten wie die fragilen Piloten sind das Ergebnis falsch verstandener Statistik. Die Lebenserwartung ist ein Konstrukt: Aus den momentanen Sterberaten jeder Altersklasse wird die kumulierte Sterbewahrscheinlichkeit für das gesamte Lebensalter berechnet. Die Lebenserwartung ist dann jenes Alter, das ein heute Geborener im Mittel erleben sollte, falls die Sterbewahrscheinlichkeiten künftig gleich bleiben.

Ein Säugling mit Begabung zum Dirigenten lebt nicht länger als ein unmusikalisches Kind. Dirigent wird aber nur, wer wenigstens zwanzig Jahre alt geworden ist. Denn all die vorher verstorbenen potentiellen Karajans kommen nicht zum Zug. Wer immer also die Zwanzig erlebt, hat das Risiko, jung zu sterben, hinter sich, und seine restliche Lebenserwartung liegt statistisch einige Jahre über derjenigen Neugeborener. Ob er nun Strassenkehrer oder Dirigent wird.

Warum aber das Pilotensterben? Der Hiobsbotschaft lag vermutlich eine Statistik zugrunde, die zeigte, dass von den aktiven und ehemaligen Piloten, die im Vorjahr verstorben waren, 60 Prozent weniger als 65 Jahre alt wurden. Das bedeutet jedoch etwas ganz anderes, als die Zeitung suggerierte, und ist leicht zu erklären: Die zivile Luftfahrt hat in den letzten Jahrzehnten enorm expandiert, weshalb der Grossteil aller aktiven wie ehemaligen Piloten noch keine 65 Jahre alt ist. Wenn ein Vertreter der fliegenden Gilde heute also stirbt - an welcher Ursache auch immer -, ist er wahrscheinlich noch keine 65. In dreissig Jahren dürfte dies anders sein, weil es dann ähnlich viele Veteranen wie junge Piloten gibt.


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