NZZ Folio 02/05 - Thema: Normen   Inhaltsverzeichnis

Am Apparat -- Windwos

Von Franz Zauner
Leider hat das Museum für Wegwerfwissen keinen Eingang. Das merkt man, wenn man dringend etwas aus der Abteilung für vergessene Handgriffe braucht. Doch manchmal öffnet die Erinnerung gnädig eine Falltür, im Gedächtnis geht ein phosphoreszierender Bildschirm an, und das Licht von Anweisungen wie dir A:*.* leuchtet noch einmal auf. Das tippte man früher ein, damit der PC die Liste der unsterblichen Werke zeigte. Microsoft DOS hiess das System, das sich so leicht beherrschen liess. Wer hätte gedacht, dass daraus ein Herrschaftssystem wird?

Als Bill Gates 1983 Windows vorstellte, sah es aus wie ein Apple für Arme. Für Juni 1985 war ein verbessertes Windows angekündigt, das ab November in der Version 1.0 floppte. Windows war schon immer gleichzeitig da und nicht da. Es gibt die Version, mit der Bill uns leben lässt (Windows XP). Und die nächste, die von Unbill befreien soll (Longhorn): Windows ist immerwährend, eine «Everware», die mit der Zeit den Raum und mit dem Raum die Zeit eroberte.

95 Prozent aller persönlichen Computer, jeder für sich ein Agent der Dezentralisierung, machen in tausend Sprachen dasselbe Gesicht. Das Tänzchen mit der Maus – Datei, Datei öffnen, Wollen Sie wirklich? Ja! – währt ewig wie der Walzerschritt. Selbst wenn die US-Regierung das Titanengebilde in normale Riesenkonzerne zerstückeln und die Open-Source-Bewegung alle Computerspiele auf Linux zum Laufen bringen sollte: Es kann keine Welt ohne Windows geben. Die Globalisierung stünde ohne Alltag da.

Offen bleiben nur die letzten Fragen des Kartellwesens: Wie herzig kann ein Moloch sein, wie zart ein Koloss? Es halten so viele Leute Wacht, dass Microsoft nie alle Geräte, Branchen und Standards beherrschen wird. Falls doch, steht zu befürchten, dass unter allen denkbaren Apokalypsen diese die langweiligste ist. Die Tycoon-Forschung von Nobel bis Rockefeller hat indes gezeigt, dass Oligopole von Philanthropie durchdrungen werden, sobald die irdischen Möglichkeiten ausgereizt sind. In diesem Sinne könnten wir alle gemeinsam anstossen. Immerhin ist es jetzt auch schon wieder 20 Jahre her, dass Windows nicht erscheinen wollte!

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