NIRGENDWO muss eine vorletzte abgekratzt werden; nirgendwo läuft eine letzte bei steigender Wintersonne an der Scheibe herunter. Nur in der Erinnerung blüht sie noch, doch unexakt; kaum kann ich ihre wundersamen Strukturen mir noch aufwärmen. Hoffnungslos summe ich eine Strophe aus der «Winterreise»: «Doch an den Fensterscheiben / Wer malte die Blätter da? / Ihr lacht wohl über den Träumer, / Der Blumen im Winter sah?» Das kann nur deshalb so wehmutsvoll vorgesungen werden, weil auch Dietrich Fischer-Dieskau seit Jahrzehnten keine Eisblumen mehr gesehen hat. Und statt entfärbter Miniaturabbilder vergangenen Frühlings blühen Blumen-Center um die Ecke, die auch im Winter aufhaben - solange der Treibhauseffekt noch kein Loch in den Winter gehaucht hat, wie Kay und Gerda mit gewärmten Kupferschillingen Gucklöcher in die Eiskruste des Fensters bohrten; solange Hans Christian Andersens Schneekönigin noch nicht erläuterungsbedürftig wurde.
An der Wiege der Eisblume stand die Erfindung des Glases; an ihrem Grab stand die Zentralheizung. Man brauchte sie nur niedriger zu stellen, nein: aus. Sofort könnte die Eisblume auferstehen. Ich gäbe einen ganzen Sommer für den Anblick einer Scheibe mit Eisblumen. Es gab Winter, in denen ich mich bibbernd an meinen erkalteten Holzofen schmiegte, nur um Eisblumen zu züchten. Ich wachte auf, und in meiner Atemwolke, die sich verdünnte, sah ich eine geradezu dreidimensionale Ideallandschaft am Fenster in fraktaler Schönheit hinaufwachsen. Bevor die Sonne über den Gartenzaun stieg, spielten die Eisblumen in Regenbogenfarben.
Stadtkinder wissen kaum noch, wonach sie sich sehnen könnten. Eisblumen wären ihnen zu still und zu kostenlos und nicht mit der Maus am Fenster herumhetzbar.