NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Preiswerte Trouvaillen aus Chile

Von Philipp Schwander

SCHMELZWASSER AUS DEN ANDEN, kühlende Winde vom Pazifik, Regenfälle vorwiegend in den Wintermonaten: Im mediterranen Klima um Chiles Hauptstadt Santiago herrschen beinahe paradiesische Zustände für den Weinbau. Die wenigsten wissen indes, dass Chile ein Land mit einer langen Weinbautradition ist. So setzten bereits die spanischen Conquistadores Mitte des 16. Jahrhunderts die ersten Rebstöcke. Die dabei verwendete Traubensorte País ist bis in die heutigen Tage die am meisten angepflanzte Art geblieben, allerdings werden jetzt aus ihr einfache, rustikale Rotweine gewonnen. Im letzten Jahrhundert dann gelang es dem unternehmungslustigen Franzosen Claude Gay, die Regierung zur Gründung einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt zu überreden, was sich als besonderer Glücksfall erweisen sollte. Die Versuchsanstalt führte europäische Reben ein, die man noch vor dem Auftreten der verheerenden Krankheiten wie des Falschen Mehltaus und der Reblaus importierte. Auf Grund der isolierten Lage Chiles - im Süden die Antarktis, im Norden die Atacama-Wüste und im Osten die Andenkette - ist das Land bis heute von diesen Rebkrankheiten verschont geblieben.

Auf einer Reise durch Chile degustierten wir ein breites Spektrum verschiedenster Weine. Auffällig war die deutliche Qualitätsverbesserung seit dem letzten Besuch im Jahre 1993. Immer noch auf einem vergleichsweise bescheidenen Niveau sind Chiles Weissweine, die möglichst jung konsumiert werden sollten. Neupflanzungen in der kühleren Gegend Casablanca in der Nähe der Hafenstadt Valparaíso zeigen jedoch zunehmend ermutigende Resultate. Köstlich war beispielsweise der 96er Sauvignon blanc des Weinguts Viña Casablanca mit seiner exotischen, zitrusähnlichen Frucht. Bemerkenswerte Weine dürften auch aus der für 500 Hektaren geplanten Kellerei Veramonte des Exilchilenen Agustin Huneeus kommen. Gefällig, mit guter Frucht präsentierte sich der 97er Chardonnay; der grünliche 97er aus der alten Bordeauxrotweinsorte Carmenère liess dagegen die Vermutung aufkommen, dass es in dieser Gegend für Rotwein doch etwas kühl ist. In der nördlichsten Weinregion Chiles, in Aconcagua, hat Errázuriz seinen Sitz. Ausgezeichnet ist der 95er «Don Maximiano Founders Reserve», ein konzentrierter und doch eleganter Wein. In einem Vorort südöstlich von Santiago liegen die Rebberge des Weingutes Domus, das vom führenden Kellermeister Ignacio Recabarren geleitet wird. Ihm gelang 1997 ein exzellenter Chardonnay.

Das Maipo-Tal gilt als die renommierteste Anbauregion Chiles. Santa Rita besitzt hier über 500 Hektaren, und seit Cecilia Torres für die Qualität verantwortlich ist, gehört dieses Gut wieder zu den besten Rotweinproduzenten. Äusserst konzentriert und finessenreich war beispielsweise der 95er Cabernet Reserva, schlicht exzellent der 95er Cabernet «Casa Real». Ebenfalls Rotweine von erstaunlich hohem Niveau erzeugt Concha y Toro, Chiles grösste Weinkellerei. Berühmt ist ihr «Don Melchor», ein seriöser, überaus dichter Cabernet. Zu den kleinsten, aber feinsten Produzenten gehört Discover Wine in Curicó. Ihr «Montes Alpha» zählt zu den gesuchtesten Cabernets.

Das vom charismatischen Jorge Mitjans geführte Unternehmen Valdivieso schliesslich gehört zu den Aufsteigern der letzten Jahre. Besonders schön: der 96er Malbec Reserva mit seinem speziellem Duft und einer intensiven, süssen Frucht. Als führender Merlot-Produzent gilt die in französischem Besitz befindliche Casa Lapostolle mit einem beeindruckenden Bestand an alten Reben. Distinguiert und elegant der 97er Merlot, wuchtiger und massiver der 96er Reserva Merlot «Cuvée Alexandre».


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