NZZ Folio 01/98 - Thema: Der Boss   Inhaltsverzeichnis

Kleines Abc der Managersprache

Von Erich Deschwanden

Bosse schöpfen keine Worte, sie schöpfen aus dem Wortschatz übergeordneter Macht. Da gegenwärtig kein anderes Land soviel Macht ausübt wie die Vereinigten Staaten von Amerika, alimentiert sich ein wahrer Boss mit der englischen Sprache. Und allen, die möglichst schnell nach oben wollen, sei eifriges Nachplappern wärmstens empfohlen. Doch Vorsicht, auch wenn «business» und weitere «key words» leicht über die Lippen gleiten, es gilt auch zu beachten, dass sich in den unverständlichen Anglizismen nicht nur Raffinement und Intelligenz verstecken. Das amerikanische Vokabular birgt durchaus Tücken, so dass ein nonchalantes Bonmot an einer Sitzung oder im Party-Small-talk schnell zum Fauxpas werden kann.

Assessment, Einschätzung. Stammt aus dem Sprachgebrauch der Fiskalbehörden: Veranlagung, Erhebung von Steuern, Abgaben und Beiträgen; hat sich auch in der Finanzwelt etabliert: Schätzung, Taxierung, Bewertung, Beurteilung. Besonders aktuell ist die Assessment Center Method, ein Verfahren der Personalfachleute, um in wenigen Stunden fachliche Fähigkeiten - und vor allem: charakterliche Eigenschaften - von Stellenbewerbern zu beurteilen.

Benchmarking, Vergleich mit anderen Unternehmen. Wurde angeblich von Rank Xerox erfunden; Ende der siebziger Jahre sollen Ingenieure des Fotokopiergeräteherstellers die Apparate japanischer Konkurrenten zerlegt haben, um in einer Art Rückwärtskonstruktion nicht nur Funktionen und mechanische Merkmale zu vergleichen, sondern auch die Produktionskosten zu erforschen. Die Benchmarking-Begeisterten von heute treffen sich in Arbeitskreisen, wo sie Kennzahlen und Messdaten ihrer Firmen austauschen. Das ist etwa gleich sinnvoll wie eine Diskussion über die unterschiedliche Güte von Äpfeln und Birnen. Die Verfechter des Benchmarking postulieren demgegenüber ein Vergleichen von Prozessen; ihr Leitsatz lautet: Lerne von den Besten (Best Practices). Doch gerade jene Unternehmen, die ihren Konkurrenten weit voraus sind, lassen sich nicht gerne in die Karten schauen.

Change Management, geplanter Wandel; bewusst herbeigeführte Veränderungen im Funktionieren einer Organisation. Change Management beabsichtigt in erster Linie die Erziehung von Mitarbeitern zu neuen Verhaltensweisen. Beliebter Begriff der Consultants (Unternehmensberater), sagt Change Management doch alles und nichts und lässt sich so in jedem Anwendungsfall (Beratungsauftrag) spezifisch interpretieren.

Downsizing, Schrumpfung, Redimensionierung. Kann Rückzug aus einem oder mehreren Märkten, Verkleinerung der Organisation oder Personalabbau bedeuten. Downsizing muss nicht, kann aber zu Entlassungen führen, vor allem in Krisensituationen, in denen ein überstürztes Downsizing die einzige Möglichkeit scheint, die Firma in Form einer Restgrösse zu retten.

Entrepreneurship, Unternehmertum. Eine den Firmeneigentümern nachempfundene Handlungsweise, die zur Verhaltensmaxime für die untergeordneten Mitarbeiter erhoben wird. Entrepreneurship begründet den Leistungslohn, in einigen Fällen auch die Beteiligung von (leitenden) Mitarbeitern am Unternehmenseigentum.

Free cash flow, freie Barmittel. Europäische Finanzexperten neigen dazu, den Cash flow auf fürchterlich komplizierte Weise zu berechnen. Einige ihrer amerikanischen Kollegen empfehlen folgendes Vorgehen: Zähle alle Dollars zusammen, die reingehen, und ziehe alle Dollars ab, die rausgehen. Der Free cash flow sind jene Barmittel, die nicht zur Finanzierung des operativen Geschäfts und für Ersatzinvestitionen benötigt werden. Zukünftig ist der Discounted (auf heute abgezinste) free cash flow das, was den Wert eines Unternehmens ausmacht und folglich den Eigentümer am meisten interessiert (s. Shareholder value unter dem Stichwort Value).

Globalisation, schleichendes Zusammenwachsen der weltweiten Wirtschaft (Global Village); Begriff, der sich eignet, die Notwendigkeit allerlei unangenehmer Massnahmen zu begründen. Nur scheinbar ein neues Wort: Umschrieb nach dem Zweiten Weltkrieg das Phänomen des wachsenden internationalen Warenhandels. Steht heute meistens für die Ausbreitung und Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer und für die Öffnung der Finanzmärkte zugunsten ausländischer Marktteilnehmer (Global Players).

Human Resource, menschliche Quelle; anderer Ausdruck für das Personal. Mitarbeiter sind neben Boden und Kapital zwar nur ein Produktionsfaktor, aber einer, dem je nach subtiler und pfleglicher Behandlung signifikant mehr oder weniger Wert zu entlocken ist. Zuständig für die Politik gegenüber der menschlichen Quelle ist das Human Resource Department (Personalwesen). Dieses zeichnet unter anderem für die Bewahrung und Entwicklung der Soft Skills (weiche Fähigkeiten) verantwortlich. Gemeint sind die sozialen Fähigkeiten der Menschen, im Unterschied zu den fachlichen Qualifikationen; beispielsweise die Fähigkeit, einen Kontakt zu den Kunden aufzubauen.

Investment, Investition, Geld-, Kapital-, Wertpapier-, Vermögensanlage, Beteiligung, Einlage eines Gesellschafters. Der ROI (Return on Investment) weist aus, ob ein Geschäft jenen Rückfluss produziert, der aus der Höhe der investierten Mittel vernünftigerweise zu erwarten ist. Kühl rechnende Unternehmer interessieren sich nur für den ROE (Return on Equity), den Gewinn, der sich auf das Eigenkapital bezieht und demzufolge in die eigenen Taschen fliesst.

Kaizen, einer der wenigen internationalen Wirtschaftsbegriffe, die aus dem Japanischen stammen. Beeindruckt die Unternehmensführer der westlichen Welt ungemein, scheint er doch ein zentrales Geheimnis der in den siebziger Jahren im Fernen Osten aufgestiegenen Wirtschaftsmacht zu offenbaren. Das deutsche Synonym lautet Kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP). Im Kaizen versammeln sich Mitarbeiter unter der Leitung eines Moderators zu Quality Circles, in denen sie gemeinsam das Problem einer mangelhaften Qualität und Zusammenarbeit lösen.

Liability, Verbindlichkeit, Schuld, Verpflichtung; auch: Haftung, Haftplicht; mitunter: Sorgenkind, Leiche im Keller. Das Gegenstück ist ein Asset, Vermögenswert, Aktivposten; in der Banksprache auch: Ausleihung, Kredit.

Management, Führung, Steuerung; der Manager ist ein leitender bzw. führender und steuernder Angestellter. Als solcher stehen ihm eine Reihe von Methoden zur Verfügung, die amerikanische Offiziere im Zweiten Weltkrieg erprobt und erfolgreich praktiziert haben sollen. Unter den Stichworten «Management by» tauchten sie in den siebziger Jahren in der europäischen Betriebswirtschaftsliteratur auf: Management by Participation (Einschaltung der Mitarbeiter in den Entscheidungsprozess); Management by Delegation (Unternehmensführung durch Delegieren); Management by Exception (Konzentration auf Regelabweichungen); Management by Insight (Wecken von Verständnis für Belange des Unternehmens durch ständige Information der Mitarbeiter); Management by Motivation (ständige Motivation); Management by Profit (Unternehmensführung, bei der das Gewinnstreben im Vordergrund steht); Management by Results (Unternehmensführung durch Erfolgsmessung). Wirklich durchgesetzt hat sich lediglich Management by Objectives: Unternehmensführung durch Zielvorgabe. Oder moderner: durch Zielvereinbarung mit dem Mitarbeiter, weil eine autoritäre Vorgabe gemäss leidvollen Erfahrungen nicht zum gewünschten Ziel führt. Nicht ernst gemeint ist Management by Champignons (Abschneiden bzw. Zurechtstutzen vorwitziger Köpfe in der Art einer Pilzernte).

New Public Management (NPM), Übertragung von privatwirtschaftlichen Methoden des Managements auf die öffentliche Verwaltung. Die Ideen des NPM wurden Anfang der achtziger Jahre in Australien, Neuseeland, den USA, Grossbritannien, den Niederlanden und Skandinavien entwickelt. Seit ein paar Jahren bilden sie auch Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen in der Schweiz, nähren sie doch die Hoffnung, auf diese Weise liessen sich die notleidenden Finanzhaushalte sanieren. Die Politiker formulieren Leistungsaufträge und verknüpfen sie mit Globalbudgets, die Verwaltung wiederum tritt als Käufer auf und schreibt die Leistungserbringung öffentlich aus, damit sich auch Private bewerben können. Noch nicht gelöst ist die Frage, wer die politische Verantwortung für das Handeln der öffentlichen Administration trägt.

Outsourcing, Auslagern von Firmenaktivitäten durch Verkauf. Outsourcing erfolgt häufig in der Form eines Management Buyout, durch den die leitenden Angestellten zu Eigentümern ihrer früheren Abteilung werden. Das Gegenteil von Outsourcing ist Insourcing, die Einverleibung neuer Geschäftszweige.

Process Reengineering, auch: Business Process Reengineering (BPR). Mit BPR werden die Arbeitsabläufe den Eigenschaften der Computernetzwerke angepasst. Gemäss dem Begründer der Methode, dem amerikanischen Professor für Computerwissenschaften Michael Hammer, ein revolutionäres Vorgehen zur Neugestaltung von Geschäftsprozessen. Seine Empfehlung: Am besten vergesse man alles, was man über Business gelernt habe, und stelle auf der grünen Wiese eine völlig neue Firma auf. Business Process Reengineering ist einerseits eine Reaktion auf das jahrelange Aufblähen von Stellendiagrammen und das unkontrollierte Wachstum der Zahl von Stelleninhabern, andererseits die konsequente Nutzung der Informationstechnologien.

Quality Management, Kunden- und qualitätsorientierte Unternehmensführung. Total Quality Management (TQM) strebt eine über die Erwartungen hinausreichende Befriedigung der Kundenwünsche an sowie eine hundertprozentige Zufriedenheit der Mitarbeiter. Das Gedankengut des TQM wurde von amerikanischen «Qualitäts-Gurus» entworfen, fand aber im eigenen Land zunächst wenig Interesse. Dafür nahmen japanische Firmen die Ideen um so bereitwilliger auf. In den fünfziger Jahren entstand in Japan eine eigentliche Volksbewegung mit einem jährlichen Qualitätsmonat, Schulungssendungen in Rundfunk und Fernsehen usw. Im Laufe der achtziger Jahre wurde TQM auch in den USA populär. Eine Variante des Qualitätsmanagements ist die Zertifizierung nach ISO (International Standard Organisation). ISO-Zertifikate sind begehrt wie noch nie. Die Urkunde wird offiziell verliehen, wenn sämtliche Arbeitsabläufe eines Unternehmens überprüft und dokumentiert worden sind und ISO-Experten anschliessend vor Ort das Ergebnis der Bemühungen begutachtet haben.

Risk Management, ursprünglich auf versicherungstechnische Risiken beschränkt; heute auch als umfassende Aufgabe einer risikobewussten Unternehmensführung verstanden.

Strategy, Strategie; der Kriegssprache entlehnt, die sich unter Managern allgemein wachsender Beliebtheit erfreut, zanken sich doch auf den gesättigten Märkten der Industrieländer immer mehr Wettbewerber um einen ausreichenden Market Share (Marktanteil); eine Situation, die als Hyper Competition (Hyperwettbewerb) zu charakterisieren ist. Überleben können nur jene, die über einen Competitive Advantage (Wettbewerbsvorteil) verfügen, auch bekannt unter dem Begriff Strategische Erfolgsposition (SEP), Unique Selling Position (USP)und neuerdings als Core Competence (Kernkompetenz).

Time to market, neue Variation der alten Einsicht «Zeit ist Geld». Wird oft als Aufforderung gebraucht, die Zeit vom Beginn der Produktentwicklung bis zur Markteinführung zu verkürzen.

Unternehmenskultur (engl. Corporate Culture), besagt, dass auch Unternehmen Kultur haben. Geht auf die Anfang der achtziger Jahre gemachte Entdeckung zurück, dass die Angehörigen einer Organisation gemeinsame Werte und Normen besitzen, sozusagen über ein kollektives Weltbild verfügen. Eine Unternehmenskultur zieht zu ihr passende Mitarbeiter an und stösst Kollegen, die sich in ihr nicht wohl fühlen, gnadenlos aus. Die Merkmale einer Corporate Culture lassen sich an äusseren Erscheinungen feststellen wie der Art der Kleidung, des Design, der Architektur, der Sprache, ferner an Form und Inhalt von Ritualen (Feste feiern, Sitzungen durchführen usw.). Die Chefs können Träger und prägende Gestalten einer Unternehmenskultur sein. Weitaus verbreiteter ist das Phänomen, dass die Trägheit einer Unternehmenskultur sämtliche Anstrengungen zu Veränderungen blockiert (siehe Change Management).

Value, Wert, Preis. Value Analysis (Wertanalyse) hat zum Ziel, die Kosten der Produkte zu senken und gleichzeitig ihre Qualität zu steigern. Value Added ist der hinzugefügte Wert, die Wertschöpfung, die ein Unternehmen durch seine Produktion erbringt. Bei Gewerkschaftern äusserst schlecht angekommen ist der Shareholder Value (Aktionärswert), ein Begriff, der endlich einmal die Interessen der Eigentümer ernst nimmt. Besonders nicht in den Kopf wollte den Arbeitnehmervertretern, dass Shareholder Value Management vernünftig sein soll. Gemäss dieser Methode veranlassen die Manager nur das, was Wert für die Firma generiert (schafft).


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