NZZ Folio 10/99 - Thema: Panama   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Dicke Haut und weicher Kern

Von Herbert Cerutti

NÄHERT MAN SICH den Kolossen in der Wildnis zu Fuss und ohne Waffe, spürt man den Herzschlag bis in den Hals hinauf, selbst wenn es noch gut 50 Meter Grasland sind bis zum ersten Rüssel. Die urtümliche Mächtigkeit der Elefanten ist dem menschlichen Hirn irgendwie unfasslich.

Dem Zauber der grauen Riesen erlag schon vor 2000 Jahren Plinius Secundus, wie die zahlreichen Berichte seiner «Naturkunde» belegen. Da ist nicht nur von enormer Kraft und Klugheit die Rede, den Tieren wird auch ein «wunderbares Schamgefühl» und «mächtige Liebe» zu bestimmten Menschen attestiert. Als exklusive Hausgenossen «gingen sie in Speisesälen voller Gäste mit solch vorsichtigen Schritten zwischen den Polstern hindurch, dass sie keinen der Trinkenden berührten». Die seltsame Macht dieser Tiere führte eines Tages zu einem Eklat im Zirkus: «Die Elefanten des Pompeius, die keine Hoffnung auf Flucht mehr hatten, erflehten das Mitleid des Volkes in unbeschreiblicher Haltung, gleichsam sich selbst beklagend, wodurch das Volk so schmerzlich bewegt wurde, dass es sich weinend insgesamt erhob und Verwünschungen gegen den Feldherrn ausstiess.»

Die Faszination für den Rüsselträger zieht sich bis zum heutigen Tag durch die Tierliteratur. In seinem Bestseller «Elefanten» zitiert Heathcote Williams eine Fülle von Beobachtungen und Erfahrungen aus aller Welt. Allein schon die Anatomie weckt immer wieder Bewunderung. Ein alter afrikanischer Bulle kann mit einer Schulterhöhe von bis zu vier Metern gegen 7000 Kilogramm wiegen. Das grösste aller Landtiere hat entsprechend eindrückliche Organe: ein Hirn von 6 Kilogramm, ein Herz von 20 Kilogramm und Hoden von 2 Kilogramm das Stück.

Der enorme Körper steht indes auf subtilem Fuss: In die Sohle eingebettet ist ein dickes Polster aus gallertigem Bindegewebe, das sich beim Auftreten stark verbreitert und so das Gewicht optimal auf dem Boden verteilt. Ein Elefant hinterlässt deshalb selbst im weichen Grund nur sehr diskrete Trittsiegel.

Am erstaunlichsten ist aber der Rüssel. Das Grösserwerden des Körpers im Laufe der Evolution liess den Mund des Tieres immer höher über dem Grasfutter schweben. Deshalb wuchsen Nase und Oberlippe zur überlangen Lippennase, mit der nun bequem Futter vom Boden geholt werden kann. Ein Elefantenrüssel ist enorm kräftig und trotzdem agil. Mit 40 000 Bündeln von Längs- und Ringmuskeln kann die Röhre in jede Richtung gebogen sowie länger und kürzer gemacht werden. Damit reisst der Elefant ganze Bäume aus dem Boden, klaubt mit dem Greiffinger an der Spitze aber auch eine Erdnuss aus dem Staub. Man hat Elefanten beobachtet, wie sie im Gehege mit dem Rüssel den Wasserhahn öffneten oder den Türbolzen an der Heukammer beiseite schoben.

Der Elefantenrüssel ist unwahrscheinlich vielseitig. Er zieht den schmerzhaften Dorn aus der Fusssohle; er gräbt auf der Suche nach Wasser metertiefe Löcher in den Sand. Als Saugheber bringt er bis zu zwanzig Liter Wasser ins Rohr, die sich das Tier dann genüsslich um die Ohren oder in den durstigen Schlund spritzt. Für die Pflege der Haut wird der Rüssel zum Sandstrahlgebläse, das lästige Insekten wegpustet. Solche Puderwolken wie auch eine tüchtige Applikation von Schlamm schützen die haarlose Haut zudem vor Sonnenbrand.

Mit dem Rüssel als Schnorchel durchschwimmt der Elefant kilometerbreite Gewässer. Und am Mount Elgon, einem erloschenen Vulkan in Ostafrika, tasten sich die Dickhäuter wie mit einem Blindenstock in stockdunkle Höhlen zu lebenswichtigen Mineralsalzen vor. Trotz aller Metamorphose blieb der Rüssel ein sensibles Riechorgan, das jeden Grasbüschel, jede Wasserpfütze vor dem Konsum prüft und das im Wind unablässig nach bedrohlichen Duftmarken schnuppert.

Der Rüssel ist ausserordentlich wichtig für den Sozialkontakt. Im Kampf der Bullen um die Gunst der Kühe verknoten sich die langen Schläuche zum Kräftemessen; mit abgestemmten Beinen wird gestossen und gedrückt, bis einer den kürzeren zieht. Frauen gegenüber wird der Rüssel ganz zärtlich. Sanft legt ihn der Verliebte der Holden aufs Haupt, erkundet sachte ihren begehrenswerten Körper, scheint Nettes ins grosse Ohr zu flüstern. Wenn die beiden dann ihre Rüsselspitzen ineinander flechten, erinnert das an Händchenhalten.

Siri, ein Elefantenmädchen aus Kerala, ist in ihrem Gehege auf die Idee gekommen, mit einem Kieselstein im Rüssel Zeichnungen in den harten Boden zu ritzen. Und ein junger Elefant lernte mit einem Stück Kreide in gut lesbarer Rüsselschrift «Welcome» auf eine Wandtafel schreiben. Als Resonanzkörper hilft der Rüssel bei der Erzeugung des für uns Menschen unhörbar tiefen Infraschalls, mit dem sich die Dickhäuter über Distanzen von bis zu zehn Kilometern verständigen. Markerschütternd dann die Rüsseltrompete, wenn sie zur Warnung oder als Schreckwaffe ertönt.

Dass Elefanten auch pfeifen können, galt als Märchen, bis Zoologen bei asiatischen Elefanten Pfeiftöne in verschiedenen Tonlagen hörten. Man entdeckte im Rüsselinnern zwischen den beiden Nasenröhren einen Verbindungsschlitz, den das Tier mit Knorpelklappen öffnen und schliessen kann. Bei den afrikanischen Elefanten fehlt jedoch diese Schallritze. Sie haben trotzdem pfeifen gelernt. Dazu legen sie die zwei Lippenfinger der Rüsselspitze aneinander und pfeifen wie manche Menschen durch die Finger.

Elefanten sind unglaublich sozial. Von der ersten bis zur letzten Stunde. Kaum liegt das Frischgeborene auf dem Boden, eilen die Tanten und Geschwister der Grossfamilie herbei und begrüssen und betasten es. Die Mutter wird in der Säuglingsbetreuung von den weiblichen Sippenmitgliedern unterstützt: der Kleine darf auch bei allen anderen Müttern trinken. Die älteren Mädchen engagieren sich als Babysitter und bekommen so vieles für die spätere Mutterrolle mit.

Wird ein Elefant krank oder trifft ihn eine Kugel, kümmert man sich um das Opfer. Mit dem Rüssel wird der am Boden Liegende abgetastet; eine offene Wunde wird mit einer Lehmpackung bedeckt; der Rüssel des Samariters fährt zur künstlichen Beatmung in den Mund des Patienten. Auch ist wiederholt beobachtet worden, wie Elefanten einen verwundeten Kameraden stützten oder ihm wieder auf die Beine helfen wollten.

Der Tod eines Elefanten löst bei den Artgenossen sichtlich Trauer aus. Als im Februar 1999 im Basler Zoo die Elefantendame «Mahari» starb, versammelten sich die drei anderen Kühe im Stall um die langjährige Gefährtin, streichelten den leblosen Körper und stupsten ihn sanft, als ob sie die Freundin wecken wollten. Ähnliche Rituale wurden auch schon in der Wildnis beobachtet. In manchen Fällen bedeckten die Kameraden den Leichnam mit Erde, Blättern und Zweigen. Elefanten kümmern sich noch um ihre toten Artgenossen, wenn diese schon als Skelett in der Savanne liegen. Sie beschnüffeln mit den Rüsselspitzen lautlos die Knochen und Stosszähne. Nicht selten packen sie dann einzelne Gebeine, schleppen sie meilenweit vom Sterbeort fort und begraben sie zuweilen.

Elefanten können sogar weinen. Eine Drüse an der Innenseite der Augenhöhle sondert ein Sekret ab, das manchmal wie Tränen über das Gesicht kullert. Charles Darwin berichtet von einem indischen Elefanten, den man in Ceylon gefangengenommen und gefesselt hatte: «Aus seinem Widerstand wurde völlige Unterwerfung. Auf dem Boden liegend, gab er erstickende Schreie von sich, während ihm Tränen über die Wangen liefen.»


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