NZZ Folio 08/00 - Thema: Las Vegas   Inhaltsverzeichnis

Ein Kind der Mafia

Wie eine verschlafene Bahnstation zur Metropole der Unterhaltung wurde.

Von Jörg Häntzschel

Ein Foto von 1906: Auf der Veranda des Arizona Club, einer grob zusammengenagelten Bretterbude, steht eine Reihe von Männern in schwarzen Westen, die mit leerem Blick in die Kamera starren. Links eine Hütte im Sand: The Gem, rechts der Red Onion Club, über den Männern der Schriftzug «Headquarters for fully matured reimported straight Whiskey». Hier, in Block 16 des Bahnarbeitercamps Las Vegas, wird eben die grösste Vergnügungsmetropole der Welt geboren.

Die Gründungsgeschichte von Las Vegas ist eine Serie von Pleiten. Mitte des 19. Jahrhunderts hofften Goldsucher, die zu spät an die Westküste gekommen waren, vergeblich, hier doch noch reich zu werden. Die Farmer Conrad Kiel und Archibald Stewart versuchten es auf den stark alkalihaltigen Böden mit Landwirtschaft. 1884, zwei Jahre nachdem sich die Stewarts niedergelassen hatten, wurde der Farmer auf der Kiel Ranch erschossen. 16 Jahre später fand Helen Stewart am selben Ort die Leichen der beiden Söhne Kiels. Erst mit dem Eisenbahnbau Anfang des 20. Jahrhunderts kam das Glück nach Las Vegas. Es verliess die Stadt nicht mehr.

Pferdewagen auf dem Weg von Salt Lake City nach Los Angeles hatten seit langem hier Halt gemacht. Las Vegas - zu deutsch: die Wiesen -, besass die weit und breit einzige Quelle. Am 15. Mai 1905 brachten Sonderzüge Spekulanten und Financiers zur Landversteigerung in die Wüste. Am Abend waren die Parzellen verteilt und die Stadt geboren, zumindest auf dem Reissbrett und in den Köpfen derer, die hofften, sie könnten in Las Vegas die ganz grossen Dollars machen. Millionen sollten ihnen folgen. Las Vegas war die Stadt der haltlosen Männer, der Verzweifelten und der Weggelaufenen. Und in Block 16, dem Rotlichtviertel, hielt sie ihre Zuwanderer bei Laune. In anderswo eben ausgemerzten Lastern entdeckte Las Vegas, das die Entwicklung vom Wildwestkaff zur halbwegs zivilisierten Stadt mit 50 Jahren Verspätung durchmachte, seine Marktlücke. Auf ihnen gründete sein erster und bis heute einträglichster Industriezweig: das Glücksspiel.

Doch der Durchbruch kam erst 1928 mit dem Beschluss, den Colorado River mit einem gewaltigen Damm zu stauen. Es war das grösste Bauprojekt seit dem Panamakanal. 1931 war nicht nur das Jahr, in dem im 30 Meilen von Las Vegas entfernten Boulder City die Arbeit begann, es war auch das Jahr, in dem der Staat Nevada das Glücksspiel endgültig legalisierte. Allabendlich kamen nun die Arbeiter von der Baustelle nach Las Vegas, um dort mit ihrem Lohn auf den Putz zu hauen. Prostitution und Blitz-Scheidungen gehörten ebenfalls zu den Attraktionen. Im Zweiten Weltkrieg machte Washington Las Vegas erneut ein Geschenk. Aus Sicherheitsgründen wurden wichtige Industrien und Armeebasen von den Küsten ins Landesinnere verlegt. Das von wertlosem, unbesiedeltem Land umgebene Las Vegas bekam eine Magnesiumfabrik und eine Air-Force-Trainingsbasis.

Dennoch stand das Nest in der Wüste mit seinen Kaschemmen weiterhin im Schatten von Los Angeles mit seinem blühenden Nachtleben, den Stars, dem Glamour und seiner korrupten Polizei. Auch am Sunset Boulevard mussten die Spieler sich nicht verstecken. Das änderte sich, als der Reformer Fletcher Bowlon 1938 zum neuen Bürgermeister von L. A. gewählt wurde. Die lustigen Zeiten in der verfilzten Metropole waren vorbei. Einer der Ersten, die aus der Stadt flohen, war Guy McAfee. In L. A. liess er eine Karriere als illegaler Casinobetreiber und Kommandant der für Glücksspiel zuständigen Polizeieinheit in Personalunion hinter sich. In Las Vegas fing er neu an.

Heute stehen am Strip 18 der 20 grössten amerikanischen Hotels; Anfang der vierziger Jahre gab es hier nicht mehr als ein paar Tankstellen. Der Meadows Club, das Casino, mit dem der frühere Bootlegger Tony Cornero eine Vorahnung des kommenden Glanzes in das leere Land vor der Stadtgrenze brachte, schloss 1936 schon wieder. McAfee aber ahnte, dass seine Kunden von der Westküste die beschwerliche Fahrt durch die Wüste bald gerne auf sich nehmen würden. Er kaufte den Pair-o-Dice Club und nannte die Ausfallstrasse nach L. A. den Strip.

Einer der Gründungsmythen von Las Vegas geht so: Benjamin «Bugsy» Siegel, eine Unterweltgrösse aus New Yorks Lower East Side, ein gut aussehender Mafioso mit viel Geld und zwölf Leichen auf dem Konto, wollte sich beruflich verändern und kam nach Las Vegas. Mit seiner Freundin Virginia Hill stand er an der Landstrasse, sah die schäbigen Klitschen und hatte eine Vision, die Las Vegas für immer verändern sollte: er sah eine Oase in der Wüste, einen Garten des Luxus und des Vergnügens, der den Autofahrer nach sechs Stunden im Staub unwiderstehlich anziehen würde. Eine Fata Morgana, die beim Näherkommen nicht verschwinden würde. Ihr Name: Flamingo. Der Gangster als Prophet und Gründervater: Sin City liebte diese Geschichte. Wen kümmerte es, dass sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte? Nicht als Gambling-Visionär kam Siegel nach Las Vegas, sondern als Vertreter des Trans-America Wire Service, der Rennergebnisse über das Land verbreitete und hinter dem das Capone-Syndikat stand.

Es war Billy Wilkerson, der Gründer des «Hollywood Reporter», der Las Vegas aus seiner nostalgischen Wildwest-Fixierung befreite. Statt roher Balken und gekreuzter Flinten, mit denen die Spielhallen in Las Vegas eine Vergangenheit feierten, die dort nie stattgefunden hatte, schwebte ihm ein chromglänzender, moderner Hollywood-Nightclub in der Wüste vor. Nur fehlte ihm das Geld, um sich seinen Traum zu erfüllen. Erst jetzt betrat Bugsy Siegel, der sich schon downtown als Investor hervorgetan hatte, die Bühne. Über Strohmänner kaufte er sich 1945 beim bankrotten Wilkerson ein, nur um wenig später die Kontrolle über das Flamingo an sich zu reissen. «We only kill each other», beruhigte Siegel einen seiner Geschäftspartner auf der Baustelle, der sich Siegels Hintergrund wegen Sorgen machte.

Der Satz wurde für Siegel bald blutige Realität. Am Ende des Krieges eine luxuriöse Hotelanlage in den Sand zu stellen, war nicht ganz einfach, zumal wenn man keine Ahnung vom Bauen hatte. Statt der geplanten einen Million Dollar verschlang das Flamingo deren sechs. Siegels Mafia-Financiers von der Ostküste wurden ungeduldig. Ihre Drohungen im Nacken, eröffnete Siegel das Flamingo Ende 1946, bevor es fertig war, und feilte dann noch drei Monate daran. Doch die geheimen Ausgänge und der bereitstehende Fluchtwagen im Keller halfen ihm nicht. Am 20. Juni 1947 wurde er in der Villa seiner Geliebten in Beverly Hills erschossen.

Das Flamingo, das sofort nach der Übernahme durch Siegels Mafia-Freunde enorme Profite abwarf, markierte den Einzug der Moderne am Strip. Doch das Prinzip des Hotel-Resort hatten sechs Jahre zuvor die Erbauer des El Rancho Vegas erfunden: Ein Pool, der die Autofahrer von der Strasse lockte, bequeme Parkplätze, ein schummriges Casino, ein Hotel, das die Gäste ans Casino band, eine Showbühne und schliesslich ein illuminiertes Wahrzeichen, das die Ödnis der Anlage vergessen machte - dieses Erfolgsmodell bewährt sich in Grundzügen bis heute. Engagiere die Andrew Sisters oder Sammy Davis Jr., flieg aus Hollywood Cary Grant und Doris Day herüber, und dreh die Klimaanlage auf bis zum Anschlag - alles, was zu tun bleibt, ist, das Geld zu zählen.

Die frühe Glanzzeit von Las Vegas begann. In der Fremont Street am Bahnhof mochte noch so viel Neon leuchten - ganz legte die «Glitzerschlucht» ihr zweifelhaftes Image nie ab. Der Strip hingegen wurde der helle und moderne «Place in the Sun». Im gleissenden Licht verschwanden selbst die grössten Sünden. Las Vegas hatte sein Potenzial als Sehnsuchtsort für das Amerika der fünfziger Jahre erkannt, als Hollywood-Phantasie aus Licht, Wasser und Beton. Ob mit Prominentenhochzeiten oder -scheidungen, Bikinipoker im Pool oder oberirdischen Atombombentests, der «grössten Touristenattraktion seit der Erfindung des Spielautomaten»: Las Vegas wurde mit seinem Image des schrillen und phantastisch unmoralischen Paralleluniversums berühmt. Die Hotels eröffneten in rascher Folge: das Desert Inn, das Sahara, das Tropicana, das Dunes, das Sands. Stars wie Frank Sinatra, Dean Martin oder Jerry Lewis richteten sich mit monatelangen Engagements am Strip ein. Schliesslich tauschte sich dessen Bevölkerung alle paar Tage aus.

Bugsy Siegel mag seinen Ruhm als Vegas-Visionär nicht verdienen, doch seine Finanzierungsmodelle wurden jahrzehntelang nachgeahmt. Er war die prominenteste von vielen Unterweltfiguren, die in Las Vegas einen Ort sahen, an dem sich ohne hässliches Blutvergiessen viel Geld machen liess. Obwohl das Gambling legal, als Industriezweig fest etabliert und äusserst profitabel war, wollten die grossen Banken und Hotelkonzerne nichts damit zu tun haben. Den Abenteurern und Amateuren, die das frühe Las Vegas bauten, blieb nichts anderes übrig, als die Kredite zu akzeptieren, die ihnen die Mobster anboten. Die wiederum bedienten sich dazu bei den Pensionskassen der von ihnen kontrollierten Fernfahrergewerkschaften. Die Darlehen waren an die Auflage geknüpft, dass wichtige Posten in den Casinos mit eigenen Leuten besetzt würden, welche die schwer zu überblickenden Bargeldströme planmässig in die eigenen Taschen umleiteten. In New York und Chicago rieb man sich die Hände. Skimming, Absahnen, nannte man diese bis Ende der sechziger Jahre verbreitete Praxis, die niemand eleganter betrieb als der langjährige Stardust-Boss Frank Rosenthal, dem Martin Scorsese mit «Casino» ein Denkmal setzte.

Bis heute ranken sich Legenden um die Kontakte der Mächtigen von Las Vegas: Hatte Tony Cornero, früherer Boss des Stardust, Gift im Blut, als er im Desert Inn tot auf den Spieltisch sank? Wie tief steckte Frank Sinatra, dem 9 Prozent des Sands gehörten, in der Unterwelt? Und warum fand man in der Hosentasche des erschossenen Frank Costello einen Zettel, auf dem die Einnahmen des Tropicana in den ersten drei Wochen notiert waren? Obwohl sich die allgemeine Empörung über die dunkle Seite des Neon- und Sonnenparadieses in Grenzen hielt («Solange sie sich angemessen benehmen, richten sie wahrscheinlich keinen Schaden an», meinte Cliff Jones, Lieutenant Governor von Nevada und Mitbesitzer des Thunderbird, in einem staatlichen Hearing), begann der Staat auf Druck von Washington, gegen den Mob vorzugehen. Das 1959 geschaffene Gaming Control Board verweigerte Bewerbern mit Mafia-Kontakten die Casinolizenz. Wer durch Betrügereien auffiel, fand seinen Namen im «Black Book» wieder und erhielt in allen Casinos Hausverbot.

Nie zuvor hielt ein Eroberer auf so bizarre Weise Einzug in einer Stadt wie Howard Hughes. Im Morgengrauen von Thanksgiving 1966 hielt sein Privatzug an einem Bahnübergang nördlich der Stadt. Helfer wuchteten den invaliden Multimillionär in einen bereitstehenden Wagen, fuhren ihn zum Desert Inn und luden ihn dort in einer Suite im neunten Stock ab. Als Moe Dalitz, der Chef des Hotels, Hughes nach sechs Wochen loswerden wollte, wies Hughes seinen Bevollmächtigten Robert Maheu an, das Hotel zu kaufen. Hughes verliess das Zimmer während der nächsten vier Jahre nicht mehr.

Hughes war Besitzer des RKO-Studios, früherer Haupteigner von TWA und ehemaliger Rekordhalter im Ein-Mann-Flug um die Welt. Jetzt stak ein Knochen aus seiner rechten Schulter, mehrere Wirbel waren verschoben, er hatte eine kaputte Niere, ein Magengeschwür und einen Tumor im Kopf. Hughes ernährte sich von Dosensuppen, schnitt sich weder Haare noch Fingernägel, war meistens nackt und bewahrte seinen Urin im Kleiderschrank auf. Nachdem er mit den 500 Millionen, die der Verkauf seiner TWA-Anteile erbracht hatte, ausser dem Desert Inn auch das Sahara, das Frontier, das Sands und andere übernommen hatte, war er der grösste Casinobesitzer in Nevada. Bald hatte er die meisten unbebauten Grundstücke am Strip aufgekauft.

Doch die Verehrung als Management-Genie und Retter von Las Vegas entbehrte jeder Grundlage. Weder war er es allein, der die grossen Konzerne wie Hilton und Holiday Inn nach Las Vegas brachte und der Mafia damit das Geschäft verdarb. Noch leitete er sein eigenes Unternehmen so sauber, wie viele vermuteten. Hughes, der Psychotiker, Rassist und Machtjunkie, liess Bargeld in seinen Casinos abzweigen, um Nixon und andere Politiker zu bestechen. Keines seiner grossspurig angekündigten Projekte wurde je realisiert. Unbekannte steckten einen Grossteil der Casino-Profite in die eigenen Taschen. Schliesslich verschwor sich die zweite Führungsebene gegen seinen Adlatus Maheu. Hughes liess ihn fallen und floh bald darauf selbst aus der Stadt, ohne Auf Wiedersehen zu sagen.

«Der Strip, das ist für mich eine gut aussehende Frau, die ein sehr teures, diamantbesetztes Abendkleid trägt und im Rolls-Royce an einem Luxushotel vorfährt.» Dieses rührende Bild, das Hughes zur Inspiration während seines einsamen Akquisitionstrips nach Las Vegas wurde, stammte aus den vierziger Jahren, der Zeit vor seinem lebensgefährlichen Flugzeugabsturz, als der RKO-Boss sich hier gerne mit Jean Harlow oder Bette Davis vergnügte. Nun war er ein Krüppel, und das alte, exklusive Las Vegas war ruiniert.

Circus Circus kam in die Stadt und mit ihm der Gestank von Tieren, Kindern und Armen. Das 1968 eröffnete familien- und mittelklasseorientierte Casino mit dem damals grössten festen Zirkus der Welt war bereits das zweite Objekt von Hughes Lieblingsfeind Jay Sarno. Mit Caesars Palace - man beachte den fehlenden Apostroph - hatte er Las Vegas 1966 einen Vorgeschmack davon gegeben, was ihm in den achtziger und neunziger Jahren blühte. Das Strip-Hotel der Zukunft würde pompös sein, aber demokratisch: Jeder ein Cäsar! Statt durch die exaltierten, radikal modernen Interieurs der Nachkriegszeit, die einfach nur «Glamour» bedeuteten, würden die Gäste durch detailgesättigte, hyperkonkrete Historien- und Exotikcollagen wandeln wie Schauspieler über ein Filmset.

Zwanzig Jahre und einige monotone Hoteltürme später kehrte das Theming, das mit der frühen Wildwest-Romantik von El Rancho Vegas und Frontier einmal zum Strip gehörte wie die Neonschilder, in nie geahnter Tiefe und Dramatik zurück. Der Mann, der die beispiellose Serie neuer Megahotels am Strip anführte, heisst Steve Wynn. Der frühere Literaturstudent und Sohn eines bescheidenen Bingo-Betreibers an der Ostküste war Ende der Neunziger mit 34,2 Millionen Dollar Jahresgehalt der bestbezahlte amerikanische Manager. Als er 1989 das Mirage eröffnete, erklärten ihn viele für verrückt: 29 Stockwerke, über 3000 Zimmer, ein Indoor-Regenwald, Delphine, Orchideen und ein künstlicher Vulkan: es war, wie Wynn es in seiner charakteristischen Bescheidenheit ausdrückte, ein Hotel, «wie Gott es bauen würde, hätte er Geld».

1978, als Wynn 80 Millionen für den Neubau des Strand Hotel in Atlantic City gebraucht hätte, ging er mit dem Financier Michael Milken Klinkenputzen bei Investoren in 26 Städten - ohne Erfolg. Wenige Jahre später genügten Milken, mittlerweile einer der berühmtesten Spieler im Spekulationsboom der Achtziger an der Wall Street, ein paar Telefonate, um die 630 Millionen für das Mirage in Junk Bonds zusammenzubringen. Doch wie wollte Wynn diesen damals unerhörten Betrag jemals einspielen? Nachdem das Casino im ersten Monat bereits 40 Millionen Dollar erwirtschaftet hatte, verstummten die Fragen schlagartig.

Am Strip begann ein wilder Planungsrausch. Circus Circus eröffnete das Excalibur, das Luxor und das Mandalay Bay. MGM Grand baute das Hotel gleichen Namens und das New York, New York. Park Place Entertainment zog neben dem Bally's sein Paris Las Vegas hoch. Und Wynn selbst wiederholte seinen Mirage-Erfolg mit dem Treasure Island und dem Monte Carlo. Jedes dieser Hotels hat über 2000 Zimmer. Gab es 1980 noch 46 000 Hotelzimmer in Las Vegas, waren es zwanzig Jahre später über 120 000. Damals kamen 12 Millionen Besucher in die Stadt; im letzten Jahr waren es 34 Millionen.

Mit dem Mirage und seinen Nachfolgern war das Ende der Expansion noch nicht erreicht. Am Abend des 27. Oktober 1993 hatte Wynn die gewaltige Sprengladung gezündet, die das Dunes von Feuerzauber begleitet zu Boden brachte. Drei Jahre später fiel das Sands, das einmal der Inbegriff des Las-Vegas-Glamour gewesen war. Die Stadt würde nie wieder sein, wie sie war. 1999 waren zwei Meisterwerke fertig: Steve Wynns Bellagio mit seinem künstlichen See und Sheldon Adelsons Venetian mit seiner venezianischen Shopping-Altstadt. Beide Hotels übertrafen alles, was man in Las Vegas an Baukosten (1,7 bzw. 1,6 Milliarden Dollar) und Ausstattung je gesehen hatte.

Nachdem das Gambling auch in vielen anderen Bundesstaaten erlaubt worden war, konnte Las Vegas sich nicht mehr auf die Casino-Millionen allein verlassen. Mit aufwendigen Shows, luxuriösen Einkaufszentren wie den Forum Shops im Caesars und mit erstklassigen Restaurants sicherte man sich alternative Einnahmequellen und baute das wiedererworbene Image von Las Vegas als Spielplatz für die Reichen weiter aus. Seine Krönung sollte die Gemäldegalerie im Bellagio werden. Gut die Hälfte der auf 400 Millionen geschätzten Werke von Picasso, Renoir, Van Gogh und anderen gehören Wynn persönlich. Seine zur Erblindung führende, unheilbare Augenkrankheit Retinitis pigmentosa beeinträchtigt seine Liebe zur Kunst bisher offenbar nicht.

So glänzend seine Geschäfte in Las Vegas auch gediehen, so lästig war Wynn die ständige Einmischung seiner Aktionäre. Als sein jüngstes Projekt, das Hotel Beau Rivage in Biloxi, Mississippi, nicht lief wie erwartet, sah er die Zeit gekommen, sich von seinem Imperium, den Mirage Resorts, zu trennen. Im März übernahm MGM die Gruppe. Nachdem schon 1999 die aus dem Hilton-Konzern herausgelöste Park-Place-Gruppe das Caesars übernommen hatte, teilen MGM, Park Place, die Mandalay-Gruppe (früher Circus Circus) und Harrah's nun zu viert den grössten Teil des Marktes unter sich auf. Aber bereits wartet man in Las Vegas auf die nächsten Würfe der beiden grossen Unabhängigen: Sheldon Adelson und Steve Wynn.

Adelson will demnächst die Kapazität des Venetian auf über 6000 Zimmer verdoppeln und nach dem Canal Grande nun den Lido nachbauen. Und Wynn, der blinde Seher von Las Vegas? Er schenkte seiner Frau Elaine kürzlich «zum Geburtstag» das Desert Inn. Spätestens Ende September will er das angestaubte Schmuckstück mit seinem berühmten Golfplatz schliessen und später abreissen. «Ist denn gar nichts heilig in Las Vegas ausser dem allmächtigen Dollar?», jammerte ein Kommentator des «Las Vegas Sun». Die Antwort: ein lächelndes Nein. Schon in zweieinhalb Jahren soll ein erster 60-geschossiger Hotelturm fertig sein. Bis 2007 will Wynn zwei weitere Hotelcasinos an einen riesigen See inmitten üppiger Gärten bauen, und dorthin soll dann auch seine Gemäldesammlung kommen. «Auf dieses Grundstück kannst du Zeug für drei bis vier Milliarden stellen», meinte Wynn. Die Investoren, unter ihnen angeblich auch Steven Spielberg, stehen schon Schlange. Viva Las Vegas!

Jörg Häntzschel ist freier Journalist in New York.


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