NZZ Folio 02/99 - Thema: Nano!   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Vielsagende Körpergrösse

Von Herbert Cerutti

SUCHEN FORSCHER oder Politiker ein Mass für das Wohlergehen einer Gesellschaft, nehmen sie gerne das Pro-Kopf-Einkommen, eine recht fragwürdige Messlatte. Sie zeigt nämlich nicht, wie der Wohlstand gestreut ist. Vor zwanzig Jahren haben Ökonomen an der Universität Chicago als Indikator der wirtschaftlichen Entwicklung eine erstaunlich simple Alternative gefunden: die durchschnittliche Körpergrösse. Die sogenannte anthropometrische Geschichtsforschung hat zu verblüffenden Erkenntnissen geführt.

In den letzten hundert Jahren hat die durchschnittliche Körpergrösse in Europa um fast 20 Zentimeter zugenommen. Man führt dies vor allem auf eine bessere Versorgung mit Proteinen zurück. Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch sind in Europa und in Nordamerika die Menschen kleiner geworden, obschon die Industrialisierung damals überall zu einer massiven Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens führte. Dies lässt sich folgendermassen erklären: Das wirtschaftliche Wachstum begünstigte die Menschen sehr ungleich; die Reichen wurden viel reicher, die Armen noch etwas ärmer. Je ungleichmässiger aber das Pro-Kopf-Einkommen verteilt ist, desto kleiner ist die mittlere Körpergrösse. Denn wer bereits gut ernährt ist, wird durch noch mehr Fleisch und Butter kaum grösser. Wer aber am Limit lebt, wird von jeder Verschlechterung stark getroffen.

Die unterschiedliche Einkommensverteilung erklärt auch, warum die Holländer heute grösser sind als die Amerikaner, obwohl das Durchschnittseinkommen in den USA höher ist. Vor 150 Jahren waren die Holländer im Schnitt noch 165, die Amerikaner dagegen 172 Zentimeter gross.

Die Körpergrösse ist ein subtiler Massstab. So können sich wirtschaftliche Rezessionen von nur wenigen Jahren dauerhaft in den Körpergrössen der jeweiligen Kinderjahrgänge einprägen. Die einschlägigen Zahlen zeigen zum Beispiel auch, dass die Iren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge modernen Wirtschaftens ihre landwirtschaftlichen Produkte zu exportieren begannen. Dadurch verschlechterte sich ihre eigene Ernährung, und prompt büsste die Bevölkerung einige Zentimeter ein.


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