NZZ Folio 11/06 - Thema: Shopping   Inhaltsverzeichnis

Ladenstrasse

© Baugeschichtliches Archiv, Zür...
1938: Blick durch die Marktgasse zur Limmat. Rechts die Gipfelstube der Bäckerei Bertschi. Linktext
Die Marktgasse in Zürichs Altstadt ist ein natürlich gewachsenes Einkaufszentrum, aus dem Brot, Käse, Fleisch und Fisch verschwunden sind.

Von Sigfried Schär

Auf dem Kopfsteinpflaster türmen sich rote und grüne Harasse voll Henninger-Bier und Erdinger Weissbräu und warten darauf, in die Bars und Restaurants gekarrt zu werden. Kleine Lastwagen blockieren sich gegenseitig in der engen Gasse, die hundertdreissig Schritte von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende misst. Der Tischler hat nur samstags geöffnet, der Adidas-Shop feiert seine Schuhe auf Podesten wie Trophäen, bei Samen-Mauser wartet der Lieferant mit Schachteln voller Tierfutter vor der Tür – «ich muss rasch mit anpacken», sagt der Ladeninhaber, «der schnauft schon wie ein Ross». Die Häuser gegenüber werden umgebaut, es staubt und kracht. An der Ecke, vor dem Restaurant Barrique, sitzt eine junge Frau auf einem morgendlich feuchten Holzstuhl und raucht eine Zigarette. Im «gay-friendly» Hotel Goldenes Schwert sind noch Zimmer frei, und im Schwulenclub im Haus singt dieser Tage der Travestiekünstler France Delon.

Vor zwanzig Jahren sah es an der Marktgasse in der Zürcher Altstadt ganz anders aus: Da gab es Fleisch, Wild, Würste, Fische, Meeresfrüchte, Käse, Milchprodukte, Konfitüren, Brot und Backwaren zu kaufen, prächtig präsentiert und von herausragender Qualität. Die Läden waren weit über die Stadtgrenze hinaus vielen ein Begriff: Bianchi, Bertschi, Geiser, Müdespacher. Die Elephanten-Apotheke, die Drogerie Kunzmann, die Kreditanstalt, das Radiogeschäft Münsterton und Restaurants gehörten ebenso zu diesem «Einkaufszentrum». Ausser der Bank gibt es heute an der Marktgasse keinen Laden mehr aus jener Zeit.

Warum entstehen Läden, warum verschwinden sie wieder? Am Anfang stehen meist ein Produkt und eine Person. Das Fehlen von Erben oder ihr mangelndes Interesse kann das Ende eines Geschäfts bedeuten. Was man heute im modernen Shoppingcenter von Spezialisten im Detail planen lässt, war früher eher dem Zufall überlassen. In der Ladenstrasse an der Marktgasse hat sich das Angebot immer wieder stark verändert.

Bekannte Firmen haben ihre Wurzeln an der Marktgasse. David Sprüngli (1776 – 1862) kam aus Andelfingen nach Zürich. Er machte in der Konditorei Vogel an der Marktgasse 5 eine Lehre als Zuckerbäcker. Weil Vogels Sohn nicht Konditor werden wollte, verkaufte der Vater sein Geschäft 1836 an den interessierten Gesellen Sprüngli. David Sprüngli nahm seinen Sohn als Teilhaber in die Firma auf. Dieser wagte 1859 den Sprung hinüber auf die linke Seite der Limmat, an den Säulimarkt, den heutigen Paradeplatz, wo die Firma noch immer ihren Sitz hat. Der Laden an der Marktgasse blieb erst einmal bestehen. Die Wahl des neuen, damals noch ausserhalb der Stadtmauer gelegenen Standorts war eine kühne Spekulation: Es hiess, der Bahnhof werde in die Gegend des Paradeplatzes zu liegen kommen. Er kam nicht. Als der Fröschengraben zugeschüttet und die Bahnhofstrasse gebaut wurde, befand sich die Konditorei Sprüngli trotzdem mit einem Schlag in der neuen Mitte der Stadt.

Ab 1907 konzentrierte sich Sprüngli auf den Paradeplatz, richtete eine Kaffeestube ein und verkaufte die Marktgasse 5 an den Delikatessenhändler Bianchi. Bereits 1892, noch an der Marktgasse, war der Confiseriebetrieb von der Schokoladeherstellung getrennt worden. Beide Grossbetriebe, die Confiserie Sprüngli am Paradeplatz und die Schokoladefabrik Lindt & Sprüngli in Kilchberg, schreiben in ihrer Firmengeschichte, sie seien an der Marktgasse entstanden. Mehrere Generationen konsolidierten das Unternehmen Sprüngli am Paradeplatz. Der 1916 geborene Richard R. Sprüngli-Egem, seit 1956 Chef und heute Ehrenpräsident des Unternehmens, betrieb eine beachtliche Expansion. Auch als er die Produktion vom Paradeplatz nach Dietikon verlegte, blieb er dem Qualitätsgrundsatz treu, mehr als eine Autostunde vom Produktionsbetrieb entfernt dürfe kein Verkaufslokal eröffnet werden.

Giuseppe Bianchi, an den Sprüngli seinen Laden an der Marktgasse verkaufte, war von Mailand über Genf nach Zürich gekommen. Er hatte 1881 einen Laden am Rennweg eröffnet, wo er Salami, Orangen, Zitronen und Gemüse verkaufte, dann zügelte er an die Strehlgasse. 1888 bot sich Bianchi die Gelegenheit, die Liegenschaft Marktgasse 3 zu kaufen, 1907 übernahm er von Sprüngli die Nachbarliegenschaft. Die folgenden Generationen Bianchi rückten den Fisch in den Mittelpunkt, daneben gab es Geflügel, auserlesenes Fleisch und exotische Lebensmittel. Bianchi wurde zum Inbegriff für die anspruchsvolle Küche der 1980er. Während zweier Generationen wurde neben dem Detailgeschäft der Grosshandel für Restaurants und Läden aufgebaut: Täglich schwärmte frühmorgens eine Flotte von Lastwagen von der Marktgasse aus. Der Verkehr und der Fischgeruch sprengten den Rahmen des Erträglichen. Deshalb wurde Bianchis Engrosgeschäft 1994 nach Zufikon verlegt, wo es heute noch ist. Der Laden an der Marktgasse wurde 1998 geschlossen, die Liegenschaft verkauft.

Die Häuser Sprüngli und Bianchi sind Beispiele für den gelungenen Aufbau einer Firma über mehrere Generationen hinweg. Natürlich braucht es dabei Glück und Geschick in der Wahl der Produkte und der Standorte. Am Anfang steht, wie bei Sprüngli und Bianchi, neben einem Produkt eine unternehmerische Persönlichkeit, die sich ständig neuen Wünschen und Entwicklungen anpasst. Zu diesen Anpassungen kann auch gehören, dass ein traditioneller Standort aufgegeben wird, wenn er geschäftlich nicht mehr interessant ist.

Die Marktgasse in Zürich hält heute nicht mehr, was ihr Name verspricht. Der öffentliche Markt zog sich nach dem 13. Jahrhundert durch die nach ihm benannte Gasse hinauf; das oberste Stück war der Salzmarkt. Das Haus Marktgasse 12 heisst «Zum Elsässer» – dort wurden einst fremde Weine, vor allem aus dem Elsass, ausgeschenkt, weil der Rat im späten 14. Jahrhundert den Verkauf von fremdem Wein zum Monopol erklärt hatte. 1766 erwarb die Druckerei Orell Gessner Füssli & Co. das Haus. 1780 gründete Salomon Gessner im «Elsässer» die «Zürcher Zeitung», die heutige NZZ. Über der Türe des «Elsässer»-Hauses, das sich im Besitz eines Immobilienfonds befindet, prangt heute das Firmenschild der Buchhandlungen Orell Füssli und Payot.

Läden an der Marktgasse heute

Am Fusse der Marktgasse liegt die Rathausbrücke oder Gemüsebrücke, die früher Niedere Brücke hiess. Sie war bis Mitte des 13. Jahrhunderts der einzige Limmatübergang in Zürich. Auf der Brücke wurde der Obst- und Gemüsemarkt abgehalten. Den Limmatquai gab es noch nicht. Die Kopfbauten der Altstadt stehen auf dem Murer-Stadtplan von 1576 wie auf dem Breitinger-Plan von 1814 direkt am Wasser. Nur streckenweise verbanden Arkaden die einzelnen Gassen. Weil eine Verbindungsstrasse entlang dem Fluss fehlte, musste der ganze Verkehr durch die Marktgasse auf die Brücke geleitet werden. Das führte zu Verkehrsproblemen, wenn sich zwei Kutschen in der schmalen Marktgasse kreuzen sollten. Mehrmals wurde über eine Verbreiterung diskutiert. Im 18. Jahrhundert ergriffen die Behörden die Initiative und kauften Liegenschaften zusammen, um das Projekt vorwärtszutreiben, aber das Vorhaben kam ins Stocken. In den 1930er Jahren, als sich nun der Autoverkehr durch das Ober- und das Niederdorf und durch die Marktgasse zwängte, kam es erneut zu einem Anlauf. Die Einführung der Fussgängerzone kam der Verbreiterung zuvor.

Die Blüte der Marktgasse war kein Dauerzustand. Zeitweise lag das Marktgeschehen völlig darnieder, weil die Bevölkerung von Kriegen und Krankheiten heimgesucht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte im Raum Zürich eine wirtschaftliche Entwicklung ein, die auch die Marktgasse wieder erblühen liess.

1941 übernahm Harry Schraemli als Wirt das Zunfthaus zur Schmiden an der Marktgasse 20. Er notierte, die Gasse sei damals eine «tote Strasse» gewesen, die kriegsbedingte Verdunkelung habe kaum jemanden auf die Gasse gehen lassen. Als später sein Kollege Gusti Egli gegenüber im Haus zur Treu die «Columna zur Treu» einrichtete und seine Schauküche mit Flambierpfännchen und raffinierten Sösselchen zu einem Gourmet-Tempel machte, sei es aufwärtsgegangen. Gäste des Dolder Grand Hotel und des Hotels Baur au Lac seien zum Abendessen in die «Columna» gebracht worden. Heute befindet sich im Haus zur Treu ein «Santa-Lucia»-Restaurant der Bindella-Kette.

Bis in die 1960er Jahre wohnten in den Häusern der Altstadt die Hausbesitzer und Familien. Die Familien kauften für den täglichen Bedarf ein, darum brauchte es an jeder zweiten Gasse einen Bäcker, einen Metzger und weitere Läden. Die Hausbesitzer wussten, welche Läden sie haben wollten – und auch, dass nicht alle gleich viel Miete zahlen können.

Bis heute sind die Mietpreise in der Altstadt nicht einheitlich. Eine Buchhandlung kann nicht gleich viel Miete zahlen wie ein Kleidergeschäft, dazu sind die Margen zu unterschiedlich. Heute sind die Hausbesitzer oft anonyme Gesellschaften, die die Läden teilweise an die Meistbietenden vermieten. Die Klein- und Einpersonenhaushalte, die mittlerweile in der Altstadt leben, machen einmal pro Woche einen Grosseinkauf – nicht zuletzt, weil die Waren heute haltbarer und besser verpackt sind.

Um 1980 musste in der Altstadt die Kanalisation erneuert werden. Als die Gräben zugeschüttet und die Trottoirs weg waren, weil die Altstadt vom Verkehr befreit werden sollte, wurde die Marktgasse mit dem nahe gelegenen Kolonialwarenladen Schwarzenbach, der Confiserie Schober und der Gemüsebrücke zu einem innerstädtischen Einkaufszentrum. Des vorzüglichen Angebots wegen kam man mit dem Auto aus allen Stadtteilen und aus den Seegemeinden. Vor allem zu Bianchi, an dessen ehemaligem Haus immer noch «Geflügel, Fische, Delikatessen, Wild» steht, obwohl unter dem Schriftband seit zwei Jahren Textilien und Sportschuhe von Adidas ausgestellt sind.

Zur Blüte jener Jahre trug die über hundertjährige Bäckerei Bertschi bei. 1928 gliederte Bertschi der Bäckerei das Café zur Gipfelstube an. Guido Bertschi, letzter Vertreter der Familie, gründete 1986 eine Aktiengesellschaft, an deren Spitze Bäckermeister Christian Hertig steht. Aus der Bäckerei ist ein Grossbetrieb geworden, der in Glattbrugg bäckt und zahlreiche Läden beliefert. Das Geschäft an der Marktgasse 7 und 9 wurde 2005 geschlossen, die Häuser vor kurzem an den Unternehmer und Restaurantbesitzer Fredi Müller («Kaufleuten» und «Terrasse») und den Architekten Giuseppe Scapin verkauft. Die Umbauarbeiten sind im Gang. Vorgesehen sind ein Ladenlokal über drei Geschosse und Wohnungen.

Im Haus oberhalb der Bäckerei folgte der Milch- und Käseladen von Müdespacher. Im Mai 2004 berichtete der «Tages-Anzeiger», die Marktgasse verliere ihre letzten Markenzeichen. Müdespacher sagte damals, es werde keinen Käseladen mehr geben, weil er nicht rentieren könne und die Miete nicht zahlbar sei. Im Parterre von Müdespachers Liegenschaft tummeln sich nun Gummibärchen. «Bärenland, ihr Fruchtgummi-Paradies» heisst es am Haus, im Schaufenster liegt neben der Herbstdekoration in Form von Zierkürbissen auch Lakritz aus den Niederlanden, Finnland und Dänemark und Bären-Kinderzahnbürsten.

Gegenüber dem Brotladen befand sich eine Metzgerei, die seit 1957 die Firma Geiser führte; sie hatte damals 20 Filialen in Zürich. Geiser AG betreibt heute in Schlieren eine Grossmetzgerei und keine Läden mehr. Nach der Metzgerei hielt Hermann Singenberger mit seinem Gartenshop Samen-Mauser in der Marktgasse 8 Einzug. Er bietet Samen und Gartenmaterial an, einen Teil der Produkte des früheren Geschäfts an der Gemüsebrücke. Anfangs zahlte er für seinen kleinen Laden über 12 000 Franken Miete im Monat. Heute sei es etwas weniger, sagt er, aber immer noch so viel, dass er manchmal selbst überrascht sei, dass der Laden noch existiere. «Wir wären eingegangen, hätten wir das Sortiment nicht um einen Tiershop erweitert.» 25 Hunde mit Herrchen kämen täglich vorbei – einige Hunde kommen auch allein, «jeder bekommt sein Guzeli». Im Schaufenster schmunzeln die Gartenzwerge zufrieden vor sich hin. Noch. «Der verkehrsfreie Limmatquai wird dem Laden nicht gut bekommen», sagt Singenberger.

Unterhalb der Metzgerei gab es eine Apotheke und eine Drogerie. Die Elephanten-Apotheke wurde von Hermine Raths und Marguerite Steiger geführt. Die Apothekerin und die Chemikerin kamen früh zur Alleinvertretung ausländischer Pharmaprodukte in der Schweiz. Daraus entstand die Opopharma. Heute ist als Erinnerung an die erfolgreiche Firma die Opo-Stiftung in der Altstadt ansässig. In den ehemaligen Apothekergestellen breitet nun der Florist Urs Bergmann seine Blumen aus. In der ehemaligen Drogerie daneben befindet sich Bachmanns Tischmacherei für alte Tische.

Wo heute die Credit Suisse, Geschäftsstelle Rathausbrücke, steht, stand früher das Zunfthaus zur Meisen, das 1764 bei der Münsterbrücke an der Limmat neu gebaut wurde. Die Credit Suisse Rathausbrücke ist erneuert worden, so dass anzunehmen ist, die Bank bleibe an dieser Lage. Sie besitzt an der Marktgasse eine weitere Liegenschaft mit Büros, im Parterre ist das Eisenbahn-Center von Daniel Kägi untergebracht, das im Fenster mit Sprüchen wie: «Lieber den Mann zu Hause statt im Rössli? Schenken Sie ihm eine Modelleisenbahn!» eine ganz eigene Klientel anzuziehen vermag.

Ein Marktgasse-Schwerpunkt über Jahrzehnte war die Firma Racher für Mal- und Zeichenutensilien im Haus zum Elsässer. In den 1990ern verkleinerte Racher, 1999 wurde der Betrieb geschlossen. Unter dem Namen Racher Digital Print AG konzentriert sich die nun auf Elektronik ausgerichtete Firma in Rottenschwil. Kurz nach der Schliessung von Foto Hobby machte Anfang 2004 auch das Familienunternehmen Münsterton an der Ecke Marktgasse/Rindermarkt sein Radio- und Fernsehgeschäft zu. Billiganbieter haben die Fachmärkte in diesen Branchen überrundet. Die Zunft zur Schmiden hat in ihrer Liegenschaft einen Kleiderladen untergebracht, das Modelabel Sisley, das zu Benetton gehört.

Natürlich hatte sich zur Blütezeit der Marktgasse auch die Gastronomie auf der Höhe gehalten. Die Bäggli-Betriebe mit den Hotels Rothus und Goldenes Schwert führten bekannte Restaurants und einen Nachtclub der feinen Sorte. Nebenan, in der Rheinfelder Bierhalle, dem «Bluetige Tuume», gibt es seit Jahrzehnten ein unverändertes Angebot für Gernesser mit bescheidenem Budget.

Die Veränderungen an der Marktgasse waren in den 1990ern radikal. Das Lebensmittelangebot verschwand zwar nicht ganz aus der Altstadt, die ansässigen Kunden mussten sich aber neu orientieren. Die motorisierten Käufer vom See oben kommen sowieso nicht mehr, um in der Stadt einen Fisch zu kaufen. Erstens müssen sie nicht, weil es in jeder zweiten Seegemeinde ein Comestibles-Angebot gibt, zweitens können sie nicht, weil der Limmatquai mittlerweile für den Autoverkehr gesperrt ist.

Heute ist in der Altstadt die Hoffnung auf den neuen, verkehrsfreien Limmatquai gross. Die Marktgasse wird sich dann wieder verändern – allerdings kaum zum früheren Einkaufszentrum.

Sigfried Schär war bis Februar 2006 Leiter des Ressorts Zürich der NZZ, er kaufte kürzlich eine Caffettiera italiana di alluminio der Marke Bialetti.

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