|
|
Und auf dem Fenstersims eine Python
Individuelles Lernen, Projektarbeiten zu freien Themen und ab und zu eine Lesenacht: Eine 6. Klasse in der Deutschschweiz.
Von Andreas Heller
Die letzten Wochen des Schuljahres waren schon ein bisschen wie Ferien im Club Med: Zuerst der obligate Ausflug an die Expo 02, danach die Serenade, das abendliche Freiluftkonzert der Primarschüler, dann die Veloprüfung unter den Augen der Kantonspolizei, der zweitägige Schlussbummel mit Zelten am Wissbach und schliesslich die Vorführung des von den Schülern gedrehten Videofilms mit Sketches in Anlehnung an Wilhelm Buschs «Max und Moritz».
Verständlich, dass sich Eltern bisweilen fragen, ob ihre Kinder bei Pascal Hofstetter, diesem erst 25 Jahre alten Junglehrer und unermüdlichen Animateur, auch noch etwas lernen in den obligatorischen Schulfächern wie Deutsche Sprache, Mathematik oder Französisch. - Zweifel, die spätestens dann wieder zerstreut werden, wenn die Kinder eine der vielfach ganz schön kniffligen Lernkontrollen zur Unterschrift nach Hause bringen. Oder wenn die Eltern auf Schulbesuch gehen, zu dem sie jederzeit eingeladen sind.
Die vom Kanton gesteckten Lernziele haben die Schüler der Klasse 6b im Schnitt gut erreicht; die Beurteilung erfolgte mit einem schriftlichen Zeugnisbericht, einem Beurteilungsgespräch von Lehrer und Eltern sowie in Form einer Selbstbeurteilung durch die Schüler. Grössere Probleme, auch disziplinarische, hat Lehrer Hofstetter mit dieser Klasse keine gehabt. Das mag an der natürlichen Autorität liegen, die der sportliche Hüne mit seinen 1 Meter 90 ausstrahlt; es mag aber auch damit zu tun haben, dass die Klasse lediglich 14 Schüler zählt, 8 Buben und 6 Mädchen. Alle sind deutscher Muttersprache, alle kommen aus einigermassen stabilen sozialen Verhältnissen. In Niederteufen, so scheint’s, ist die Schule noch in Ordnung.
Niederteufen liegt in Appenzell Ausserrhoden, gehört zur Gemeinde Teufen, ist aber gleichzeitig so etwas wie ein Vorort von St. Gallen. Ein Eigenheim im Grünen mit Blick auf den Alpstein und ein günstiges Steuerklima locken Zuzüger aus der nahen Stadt. Die Primarschule steht mitten in einem Geflecht von Einfamilien- und Terrassenhäusern, das sich von den bevorzugten Hanglagen in den letzten Jahren mehr und mehr in die Ebene hinuntergefressen hat. Um die 150 Kinder gehen hier zur Schule, die Unterstufe im blauen Schulhaus, die Mittelstufe im roten. Zum Areal gehören ausserdem zwei Kindergärten, eine Turnhalle und ein Sportplatz sowie die Familienwohnung des Schulhausabwarts Ruedi Gerner, der sich mit seiner Frau Ruth um mehr als bloss um das Putzen und Rasenmähen kümmert. Jeden Morgen um zehn vor acht steht Frau Gerner - sie ist hier früher selber zur Schule gegangen - am Eingang und begrüsst jedes Kind persönlich mit einem Händedruck; so wie es früher üblich war.
Es ist Donnerstagmorgen. Für die eine Hälfte der Klasse steht Französisch auf dem Stundenplan. Die anderen können noch ein bisschen ausschlafen. Denn von der fünften Klasse an wird in Appenzell Ausserrhoden Französisch als erste Fremdsprache unterrichtet (derweil sich die Innerrhoder - in Schulfragen herrscht kantonale Hoheit! - in Frühenglisch üben). Der Zugang zur zweiten Landessprache ist ein spielerischer, die Lehrmittel, zu denen neben Büchern mit Comics und Übungen auch CDs und Videos gehören, stammen aus dem Kanton Zürich. Nur sieben Kinder sind da. Sie sitzen plaudernd an ihren Pültchen, die zu Vierertischen zusammengeschoben sind. Ganz hinten im Schulzimmer steht eine bequeme Polstergruppe, wohin sich die Schüler zum Lesen oder zu Besprechungen bei Gruppenarbeiten zurückziehen können. Daneben thronen zwei iMac-Computer mit Internetanschluss.
Heute gilt es, in Gruppen den Stoff des Schuljahres zu repetieren, und zwar in Form eines Postenlaufs, bei dem an 12 Stationen Aufgaben gelöst werden müssen. Kevin, Lukas und Armando beginnen beim Posten Nummer 5. Sie müssen einen Tanz einstudieren, den es dann auf Französisch zu erklären gilt. Valeria, Jasmin und Miriam wählen Posten Nummer 2. Sie müssen das Menu für ein Festessen vervollständigen, einen Einkaufszettel mit allen Zutaten erstellen und ausserdem ein eigenes Gourmetmenu komponieren.
Um 8.50 Uhr trudelt die andere Hälfte der Klasse ein. Nur Sämi fehlt noch. Das rotviolett gefärbte Haar arg zerzaust, schleicht er sich mit fünfminütiger Verspätung an seinen Platz. «Ich habe verschlafen», entschuldigt er sich. Da dies selten vorkommt, ist die Sache damit erledigt. Ausserdem ist Sämi in Mathematik der Klassenprimus, und da ist es gut, dass er überhaupt da ist: Auf dem Programm steht nämlich ein Test im Rahmen der Untersuchung Klassencockpit, bei der die Leistungen verschiedener Klassen der Ostschweiz erhoben und verglichen werden.
Als Herr Hofstetter die Aufgabenblätter verteilt, ist es in der Klasse mucksmäuschenstill. Bruch- und Sachrechnen werden geprüft, und mit figürlichen Aufgaben mit Würfeln wird auch das räumliche Vorstellungsvermögen getestet. Sobald der Lehrer die Ergebnisse korrigiert hat, kann er die Punktzahlen der einzelnen Schüler auf einer Website eingeben und die Leistung mit einer repräsentativen Vergleichsgruppe von 436 Schülern aus der Ostschweiz vergleichen. Er erhält so Aufschluss darüber, wo er mit seiner Klasse steht. Pascal Hofstetters Klasse liegt auch diesmal ziemlich genau im Durchschnitt; bei den Deutschprüfungen schneidet sie jedoch regelmässig besser ab, was angesichts der Zusammensetzung kaum erstaunt.
In tadelloser Aussprache lesen die Schüler nach der Pause einen Text von Gerhard Zwerenz, eine witzige Kurzgeschichte über einen Nachbarschaftsstreit, der sich an einer ausgeliehenen und nicht mehr zurückgebrachten Bratpfanne entzündet und in einen Atomkrieg mündet. Nach der Lektüre müssen die Sechstklässler Nomen, Verben und Adjektive bestimmen und neue Sätze bilden, indem sie Verb oder Adjektiv als Nomen gebrauchen.
Frontalunterricht ist bei Pascal Hofstetter eher die Ausnahme. Er legt Wert auf Projekt- und Gruppenarbeiten sowie individuelles Lernen. Dazu gehört der Wochenplan, bei dem er ein Aufgabenpensum vergibt, das die Schüler nach freiem Ermessen zu Hause oder in der Schule erledigen, wenn sie mit einer andern Arbeit bereits fertig sind.
Als Hofstetter vor zwei Jahren nach Niederteufen kam, war dies seine erste feste Stelle nach dem Lehrerseminar. Er schätzt die grosse Freiheit, die ihm der Lehrplan bietet, namentlich im Fach, das früher Realien hiess und heute unter dem Begriff Mensch und Umwelt zusammengefasst wird. In Projektarbeiten lernen hier die Schüler das Recherchieren und Aufarbeiten von Informationen zu Berichten oder Vorträgen. Bei der Wahl der Themen werden sie oft einbezogen. So durften sie sich - für den Lernbereich Biologie - ein «Klassentier» wünschen. Sie entschieden sich für eine Schlange, und der Zufall wollte es, dass dem Lehrer von einem Kollegen kurz darauf eine Königspython angeboten wurde. Seither steht auf dem Fenstersims des Schulzimmers ein Terrarium, das Zuhause von Cosimo. Der muss nun alle vier Wochen mit einer lebendigen Maus gefüttert werden, und wie man das macht, haben auch die Zaghaften mittlerweile gelernt.
«Dynamisch», «verantwortungsvoll», «gemeinsam», «transparent», «konstruktiv»: Unter diesen Stichworten haben Schulkommission und Lehrer vor gut einem Jahr ein Leitbild für die Schule erarbeitet. Es ist ein Bekenntnis zu einer offenen und modernen Schule, die auf die individuellen Fähigkeiten der Kinder Rücksicht nimmt. Ausdruck davon ist neben anderem das seit einigen Jahren praktizierte «Integrative Modell mit schulischer Heilpädagogik»; Schüler mit Lernschwierigkeiten erhalten Nachhilfe von Heilpädagogen, die individuellen Stützunterricht anbieten, für einzelne Lektionen aber auch in die Klasse kommen. Manchmal genügen ein paar wenige Stunden. Christian hatte Konzentrationsschwierigkeiten, die ihn von sehr guten Leistungen abhielten. Nach ein paar «Spezialtrainings» besserte sich das bald. Martina dagegen benötigt den Stützunterricht seit es ihn gibt, sowohl in Deutsch als auch in Mathematik.
Wie ihre Mitschüler wird sie nach dem Sommer in die Sekundarschule wechseln. Eine Realschule gibt es in Teufen nicht mehr; alle Schüler wechseln ohne Prüfung in die Sekundarschule, wo sie gemäss ihren Fachleistungen in eine Stammklasse mit erhöhten Anforderungen oder in eine mit grundlegenden Anforderungen eingeteilt werden. Für Deutsch, Mathematik und Französisch gibt es ausserdem drei verschiedene Niveaugruppen.
Die auf Unter- und Mittelstufe mit erheblichem Aufwand betriebene Integration der Lernschwächeren entspringt edlen Motiven, ist jedoch nicht unumstritten. Kritisiert wird bisweilen, dass bei all der Rücksichtnahme auf die Leistungsschwachen die Förderung der Begabten vergessen gehe.
Pascal Hofstetter kann diese Kritik zum Teil nachvollziehen. «Die Lauten und die, die Schwierigkeiten haben, geniessen die grösste Aufmerksamkeit. Wer ruhig arbeitet und das Pensum locker erfüllt, wird zu wenig beachtet, sein Potential nicht immer voll ausgeschöpft.» Grundsätzlich stellt er sich die Frage, ob es richtig sei, den Kinder alle Hürden aus dem Weg zu räumen. Die Erfahrung einer wichtigen Prüfung habe durchaus auch positive Seiten. «Die Schüler müssen lernen, mit Stress und Erwartungsdruck umzugehen, so wie es später im Leben immer wieder der Fall sein wird.» Er selbst scheut sich nicht, die Kinder ab und zu an ihre Leistungsgrenzen zu führen, sei es beim Sport mit einem Mini-Triathlon oder im Deutschunterricht mit einer Lesenacht: Da hatten die Schüler am Abend mit Schlafsack und Lieblingsbüchern in die Schule einzurücken, durften die ganze Nacht durch lesen und plaudern. Der folgende Tag war dann schulfrei.
Nicht immer ist es leicht, bei Kids, die ihre Freizeit mit Computerspielen oder auf dem Golfplatz verbringen, Begeisterung zu wecken - etwa beim Werken, wo man bastelt, strickt und näht. Am Donnerstagnachmittag stehen gleich drei Lektionen in diesen Disziplinen auf dem Stundenplan.
Pascal Hofstetter hat den Schülern als Abschlussarbeit den Auftrag erteilt, aus Kleister ein Tier oder Fabelwesen zu fertigen, das gleichzeitig als Gebrauchsgegenstand dienen kann. Die Schüler haben Schildkröten, Käfer und Säuli gekleistert, die als Kässeli, als Handyhalter oder als Fruchtschale benutzt werden können. Nun müssen sie die Objekte noch bemalen, was ebenfalls Sitzleder verlangt. «Dürfen wir ein bisschen Radio hören?», fragt Armando den Lehrer. Der stellt DRS 3 ein. Lehrer und Schüler haben auch einen ähnlichen Musikgeschmack. Früher undenkbar, auch das.
Andreas Heller ist Redaktor bei NZZ Folio.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|