|
|
Heim und Hobby -- Laudatio für den Fleischzartmacher
© Anna Sommer
Von Joni Müller
IN KEINEM REZEPT wird er erwähnt, in sämtlichen Kochkolumnen wird er totgeschwiegen, der Gourmet rümpft ob ihm pikiert die Nase, Hausfrauen strafen ihn mit Verachtung, und höchstens schlaue Wirte verwenden ihn, obwohl gerade sie ihn gar nicht brauchen dürften. Der Fleischzartmacher ist zwar sogar in der Migros erhältlich, aber ähnlich tabuisiert wie Inkontinenzprodukte oder Hämorrhoidensalbe: niemand will ihn kennen.
Sogar Leute, die sonst jeden amerikanischen Schwachsinn blind kopieren, ignorieren diese segensreiche Erfindung aus der Neuen Welt, obwohl sie in den States an jedem BBQ anzutreffen ist. Ein überaus ungerechtes Schicksal für ein ebenso ehrenwertes wie nützliches Produkt, weshalb ihm hier endlich einmal sein wohlverdientes Loblied gesungen sei. Fleischzartmacher enthält als Wirkstoff Papain, ein natürliches Enzym, das aus unreifen Papayas gewonnen wird. Es ist ei- weissspaltend und dem Pepsin verwandt, zu dessen Obliegenheiten es gehört, im menschlichen Magen tierisches Eiweiss zu zersetzen. Mit Zartmacher behandeltes Fleisch wird also gewissermassen schon vor dem Braten vorverdaut, was zwar unappetitlich tönt, aber durchaus sinnvoll ist, den Magen entlastet und die Kiefer erst recht. Natürlich wird der Fleischzartmacher nie aus zähem Kuhfleisch ein zartes Rindsfilet machen, aber dies wäre auch ein wenig gar viel verlangt. Doch ein gewisses Upgrading schafft das Pülverchen durchaus, und auf jeden Fall macht es zartes Fleisch noch zarter.
Der Gründe für die allgemeine helvetische Ablehnung des Fleischzartmachers gibt es etliche: er hat den falschen Namen (schon Meat Tenderizer wäre besser), er ist zu billig (100 g kosten nur Fr. 1.50), und vor allem impliziert er den Vorwurf, seine Verwenderin würde ohne unlautere Mittel nur Zähes auf den Teller bringen. Weil sie entweder nicht kochen kann oder zu geizig ist, ein anständiges Entrecôte zu kaufen, oder beides.
Deshalb empfiehlt es sich dringend, das Pulver in ein rustikales Töpfchen mit Korkdeckel umzufüllen und dieses mit der Aufschrift «Miscela di spezie Ristorante Aimo e Nadia» zu versehen. Ihre Gäste werden begeistert sein und Sie darum beneiden.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|