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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
Zerlegt -- Die Falttasche für alle
© Patrick Rohner
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| Tasche Pliage, beschichtetes Nylon und Leder, Longchamp, 80 Franken. |
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Von Jeroen van Rooijen
Ihr Name ist Pliage, sie ist eine Tasche und ein Phänomen: Wer in diesen Tagen durch eine grössere Stadt geht, etwa durch Zürich, sieht das geräumige Ding aus Nylon mit den zwei ledernen Tragriemen an fast jedem Arm baumeln. Für die jungen Gymnasiastinnen, die aus den nobleren Gemeinden kommen, und für Jurastudentinnen scheint sie unabdingbar. Sabine Hörner, die seit drei Jahren die Zürcher Longchamp-Boutique führt, setzt täglich Dutzende Exemplare des Klassikers ab. «Jede kauft sie, ob Prinzessin, Frau Normalverbraucher oder junges Mädchen.»
Was macht diese Tasche denn so attraktiv? Die Pliage ist ein grundsolides, unspektakuläres und auch preislich sehr demokratisches Stück Alltag, erhältlich in zwölf Farben und sieben Grössen. Seit 1993 wurden mehr als 10 Millionen dieser Taschen verkauft – heute geht laut dem Hersteller Longchamp alle fünfzehn Sekunden irgendwo auf der Welt eine über den Tresen.
Man kann die kastig geschnittene, mit wenigen Nähten zusammengefügte Einkaufstasche mit ordentlich Gewicht bepacken oder, wenn man sie nicht braucht, mit der patentierten Faltweise und den Druckknöpfen flach auf einen Sechstel ihres ursprünglichen Formats zusammenlegen. Dieses Prinzip gab der Tasche ihren Namen: «Pliage» steht für «Faltung» und wurde von Longchamp für den Taschentypus als Markenzeichen eingetragen. Eine Prägung auf der Lederklappe über dem Reissverschluss verweist auf den Markenschutz. Was die restliche Welt nicht daran hindert, die Tasche trotzdem in allen Varianten zu kopieren.
Longchamp, 1948 vom Franzosen Jean Cassegrain gegründet und nach der berühmten Pferderennbahn in Paris benannt, debütierte als Manufaktur für Raucheraccessoires, genauer gesagt als Hersteller für Lederschutzhüllen für Tabakpfeifen. Zehn Jahre später war man schon umfassender im Bereich der Lederaccessoires tätig, und in den 1970er Jahren gelang mit dem faltbaren X-tra-Bag, dem Vorläufer der Pliage, der grosse Wurf.
Die im Winter 1993 erstmals präsentierte Pliage ist für Longchamp inzwischen einer der wichtigsten Umsatzträger. Allerdings ist die relativ günstige Tasche auch eine Hypothek für den Hersteller, der zu seinem 60.?Geburtstag gerade mit viel Aufwand versucht, sich auch als Luxuslabel für Lederwaren Ansehen zu verschaffen. Longchamp stellt sich gern als urfranzösische Firma dar und ist Mitglied der Unternehmervereinigung Comité Colbert, des Interessenverbands der französischen Hersteller von Luxusprodukten, in dem auch Chanel, Boucheron oder Guerlain sitzen.
Gefertigt wird ein Grossteil der Longchamp-Erzeugnisse in den eigenen Fabriken in Segré im Département Maine-et-Loire – nicht aber die auf dieser Seite zerlegte Pliage, die von einem Produzenten aus China stammt. Aber natürlich werde auch dort streng nach den Vorschriften aus Paris genäht, beschwichtigt Longchamp. Für die Kunden sei die geographische Herkunft der Tasche ohnehin kein bedeutendes Thema, sagt Sabine Hörner von der Zürcher Longchamp-Boutique.
Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.
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