NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Herr über 1700 Hektaren

Portrait eines Grossfarmers.

Von Andreas Rüesch

«SCHNELL, SCHNELL, SCHNELL!» Wer nach dem Klischee des russischen Bäuerleins sucht, das den ganzen Tag über die Wodkaflasche nicht aus der Hand gibt, ist bei Alexander Objedkow an der falschen Adresse. Mit Riesenschritten führt er durch seinen Hof, zeigt da ein neues Getreidelager und dort eine neue Erntemaschine. «Ich kann nichts langsam machen», entschuldigt er sich, wenn er seinen Wolga mit 120 Kilometern pro Stunde über die löchrige Landstrasse jagt.

Mit vierzig Hektaren Ackerland im Gebiet Tambow hat er, der Proletariersohn, vor sieben Jahren begonnen. Heute ist er bereits Herr über 1700 Hektaren, die er zum grössten Teil vom Staat und von den zerfallenden Kolchos-Wirtschaften gepachtet hat. Wie der Maschinenpark, so expandiert auch die Familie. Objedkow ist fünfundvierzig, wirkt aber um Jahre jünger und hat vor einigen Monaten seinen fünften Enkel bekommen. Seine Schwiegersöhne sehen aus, als würden sie ihre Traktoren nach der Arbeit unter den Arm klemmen. Auch die zwei älteren Töchter leisten Schwerarbeit im Stall, die dritte hat der Familienpatriarch zum Studium geschickt, damit sie ihm dereinst den Papierkram abnimmt.

Das Tambower Schwarzerdeland ist sehr fruchtbar, wenn man es richtig bearbeitet und es nicht, wie das in den Kollektivbetrieben geschieht, verganden lässt. 1600 Tonnen Weizen hat Objedkow letztes Jahr geerntet, daneben pflanzt er Gerste, Hafer und Sonnenblumen an.

«Er ist der beste Farmer weit und breit», sagen selbst seine Feinde im nahen Städtchen Raskasowo. Zu diesen gehört die Steuerbehörde, und deshalb lässt sich Objedkow nichts über seinen Reingewinn entlocken. Ohnehin steckt er alle Erträge gleich wieder in den Aufbau seiner Latifundien. Allein im letzten Jahr kamen drei Autos, eine Schweinezucht, ein Getreidehangar, dann eine Hebebühne, acht Traktoren und ein Mähdrescher dazu. Auch zwei Lebensmittelläden gehören zu dem Landgut, das sich schon durch seinen Namen von den Kooperativen der Gegend abhebt. Nicht «Roter Oktober» oder «Lenin», sondern «Gute Vorsätze» hat es der Besitzer getauft.

Das Geheimnis seines Erfolgs sieht Objedkow darin, dass in einem Familienbetrieb (je nach Saison beschäftigt er höchstens noch zehn Hilfskräfte) ein ganz anderes Verhältnis zur Arbeit und zum Boden herrsche als in den Kollektivgütern. Dort werde, wie überhaupt in ganz Russland, einfach zuviel geklaut.

Wäre der Unternehmergeist dieses Agrarkapitalisten keine Ausnahmeerscheinung, so müsste Russland nicht jedes Jahr im Westen um Nahrungsmittelhilfe bitten. Doch verlief Objedkows Aufstieg zum Grossfarmer wirklich so bruchlos? Darüber spricht er erst, nachdem wir gemeinsam in der Banja geschwitzt und uns im Eiswasser abgekühlt haben. Am nächsten Tag müsse er gleich zweimal vor Gericht erscheinen.

Der eine Fall ist eine Lappalie; er verprügelte zwei Bauern, die heimlich eines seiner Felder abernteten. Schwerer wiegt die Klage des Schatzamtes, er habe einen Hilfskredit nicht vorschriftsgemäss verwendet. Objedkow hält solche Anfechtungen für den Ausfluss des alten planwirtschaftlichen Denkens in der Verwaltung. Er habe das Darlehen fristgemäss zurückbezahlt und seinen Standpunkt bereits zweimal vor Gericht durchgesetzt.

Die Heerscharen russischer Bürokraten hält er für Parasiten, die sich an den Unternehmern satt essen anstatt sie von ihren Fesseln zu befreien. Bei den Präsidentenwahlen stimmt Objedkow deshalb für den reformfreundlichen Gouverneur von Samara, Titow. Dieser führte in seiner Provinz auf wackliger Gesetzesbasis den Handel mit Privatland ein. In der Verfassung besteht das Recht auf Privateigentum an Land zwar schon lange. Aber die linke Mehrheit in der Moskauer Staatsduma hat die Einführung eines freien Bodenmarktes bisher verhindert. Objedkow kann das Brachland in seiner Region deshalb nicht kaufen, sondern nur pachten.

Erste unternehmerische Gehversuche machte der einstige Bauarbeiter schon zu Beginn der Perestroika. Doch bald kam er in Konflikt mit der äusserst rigiden Wirtschaftsgesetzgebung und landete für sechs Jahre im Gefängnis. Sein Häuschen wurde enteignet. Objedkow liess sich dadurch nicht unterkriegen.

Jahrelang vegetierte er mit seiner Familie in engen Wohncontainern. Auch diese Bleibe wurde eines Tages vernichtet, wohl von einem Neider in Brand gesteckt. Ihre verkohlten Reste sind jetzt noch im Schnee zu erkennen. Heute wohnt die zehnköpfige Sippe in einer provisorischen Unterkunft aus Holz und Stein, und man nächtigt in Kajütenbetten unter dem Dach.

Das soll sich bald ändern, denn nach sieben Jahren Plackerei sieht das Familienoberhaupt den Moment gekommen, endlich ein richtiges Haus zu bauen - eine Villa mit Tennisplatz. In der Umgebung hat Objedkow bereits drei Karpfenteiche und einen Rosengarten anlegen lassen. Auch eine romantische Gartenlaube über dem Wasser kündet von dem feudalen Gutsherrenleben, das hier bald Einzug halten soll.

Irritierend wirkt höchstens der ausrangierte Raketen-Abschussbehälter, den der pragmatische Farmer vom Militär erworben und bei sich im Garten aufgepflanzt hat. Er schiesst damit keine Beamten auf den Mond, sondern hat ihn zu einem Wasserturm umfunktioniert.


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