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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Das Ja-Wort

© Julian Salinas
«Die kirchliche Trauung als Show – da mache ich nicht mit.» Pfarrerin Käthi La Roche vom Zürcher Grossmünster. Linktext
Trotz besserem Wissen schwören sich Paare ewige Liebe. Vor Gott und den Menschen. Warum, um Himmels willen, tun sie das? Pfarrerin Käthi La Roche weiss es.

Von Anja Jardine

Frau Pfarrerin, was erhoffen sich Brautleute von einer kirchlichen Trauung?

Wir alle wissen um die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen. Und wie fragil unsere Versprechungen sind. Vielen geht es darum, in der Unverbrüchlichkeit der Treue Gottes Zuflucht zu suchen und sich auch bewusstzumachen, dass wir Menschen nicht alles allein in Händen halten. Die Leute suchen den Segen Gottes. Es müssen aber nicht immer religiöse Motive sein.

Welche Motive gibt es denn noch?

Mir reicht es auch, wenn die Brautleute sagen, es geschehe aus Rücksicht auf ihre Eltern. Denn eine Hochzeit ist nicht die Angelegenheit von zwei Leuten, sondern es ist ein Öffentlichmachen der Beziehung. Man bittet nicht nur Gott, sondern auch die Mitmenschen, die Gemeinde und die beiden Familien um Unterstützung. Es geht darum, von aussen als Paar wahrgenommen zu werden.

Aber das Eheversprechen kann man sich schlecht im Namen der Eltern geben.

Das ist richtig. Deswegen ist es mir auch wichtig, dass mindestens einer von beiden an Gott glaubt und Mitglied unserer Kirche ist, also von reformierter Konfession. Und wir klären im Traugespräch, was die beiden eigentlich unter der Ehe verstehen. Vor allem junge Leute heiraten meist ziemlich romantisch drauflos, sie lieben sich sehr, ohne zu wissen, was Liebe ist, sind naiv und unerfahren. Aber voller Zuversicht. Das freut mich immer. Dennoch versuche ich zumindest anklingen zu lassen, dass die Ehe ein Vertrag ist, und zwar kein normaler, denn es gibt keine Klausel der Auflösung. Was heisst das für den Einzelnen?

«…bis dass der Tod euch scheidet»?

Genau. Ich frage: Wollt ihr euch das wirklich versprechen? Im Grunde geht es schon darum, für immer zusammenzubleiben. Das ist der Wunsch. Aber wenn es nicht klappt, lande ich dann in der Hölle? Die Formulierung hat etwas Unmenschliches, die Unauflöslichkeit kann zur Bürde werden. Also schlage ich vor, nur zu sagen: «in guten und in schlechten Tagen» oder «bis an das Ende eurer Tage» oder «solange ihr lebt», weil ich ungern vor dem Ja der Brautleute von Tod und Scheidung spreche.

Kann man sich in der reformierten Kirche die Hochzeitsliturgie selbst zusammenstellen?

Ich bestehe darauf, dass es Gebete gibt und eine Bibellesung. Wenn die Brautleute sagen: Wir wollen ein bisschen Max Frisch und einen Spruch von Khalil Gibran, dann frage ich: Warum kommen Sie zu mir? Die Leute sind zum Teil sehr unwissend, aber unsere Kirche hat auch selber schuld. Es gibt bei uns die Tendenz zu spiritueller Knochenerweichung und esoterischem Synkretismus; das verwirrt.

Begegnen Ihnen überhaupt noch bibelfeste Brautleute mit konkreten Text- und Liedvorschlägen?

Einmal kam ein junger Journalist, der hatte ganz klare Vorstellungen, er wollte die Geschichte von der Stillung des Seesturms, in der die Jünger in Seenot geraten und Jesus den Sturm zum Schweigen bringt. Der junge Mann sagte, er setze sich jetzt in ein solches Eheschiff und fahre nicht in den Hafen ein, sondern hinaus auf See. Der konnte gut formulieren, seine Worte haben mich sehr berührt, doch das ist eher selten. Die meisten sagen: Suchen Sie mal.

Verfassen viele eigene Texte?

O ja. Ich kann es ihnen meist nicht ausreden, ich probiere es aber. Sie haben einfach das Bedürfnis, ihr Innerstes preiszugeben, was nicht leicht ist, vor allem wenn die Kirche voll ist. Dann wird es oft furchtbar peinlich. Und gleichzeitig so konventionell.

Wie meinen Sie das?

Ich habe in all den Jahren als Pfarrerin die Erfahrung gemacht, dass wir bei allem, was uns ganz persönlich betrifft – sei es heiraten oder auch sterben –, das Gefühl haben, es sei einmalig. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich versuche den Brautleuten zu erklären, dass sie sich mit diesem Schritt in eine Generationenreihe stellen und dass es hilfreich sein kann, eine gebundene Form zu wählen. Eine, von der man weiss, dass sie schon andere getragen hat. Aber der Individualismus unserer Gesellschaft zwingt zu Originellem. Dabei sind selbst die Kleider Uniformen.

Die Braut trägt unverdrossen jungfräuliches Weiss?

Ja. Und wie wichtig ist dieses Kleid! Vor allem legen die Bräute grossen Wert darauf, erst im Hochzeitskleid vor dem Bräutigam zu erscheinen, der vor dem Altar wartet und nicht weiss, was sie anhat. Der Vater soll sie hineinführen. Dann frage ich schon: Wollt ihr das wirklich? Aus der Herrschaft des einen in die des anderen übergeben werden? Das sind kraftvolle symbolische Handlungen. Jetzt lebt ihr schon drei Jahre zusammen. Wollen wir nicht lieber die Gemeide aufstehen lassen, und ihr zieht ein? Als ein Paar, das etwas zu feiern hat?

Als Wahrzeichen der Stadt ist das Zürcher Grossmünster doch bestimmt eine begehrte Hochzeitskirche?

Wenn mir Menschen glaubhaft machen können, dass sie einen emotionalen Bezug zum Grossmünster haben, weil einer von ihnen zum Beispiel hier getauft wurde, traue ich sie. Sonst müssen die Brautleute in dieser Gemeinde wohnen. Ich mache nur noch sehr wenige Hochzeiten für Auswärtige, der Aufwand ist einfach zu gross.

Dient die Kirche vielen nur als Kulisse?

Ich habe schon Leute nicht getraut, weil sie mich nicht davon überzeugen konnten, dass es ihnen ein ernsthaftes Anliegen ist. Die kirchliche Trauung als Show – da mache ich nicht mit.

Worauf legen Sie bei der Trauung grossen Wert?

Mir ist wichtig, dass diese Feier stimmig ist und auch einen Inhalt hat, nicht nur Atmosphäre. Deswegen schenke ich dem Brautpaar nach der Trauung nicht nur die Traubibel mit dem Trauspruch, sondern auch die Traupredigt. Während der Trauung hören viele nicht richtig zu, weil sie sehr bewegt sind.

Warum sind wir so sehr bewegt? Warum heult bei jeder Fernsehübertragung einer Hochzeit die halbe Nation?

In einem Augenblick, in dem zwei Menschen wirklich von Herzen Ja zueinander sagen, gehen einem eigene Lebensgeschichten vom Gelingen und Versagen durch den Kopf. Was man einst versprochen hat und wie es nun aussieht mit dem Mann da neben einem. Oder man trauert einem verlorenen Geliebten nach oder einem Verstorbenen oder denkt an die Tochter, die jetzt auch endlich heiraten sollte.

Haben Sie jemals erlebt, dass einer der Brautleute nicht Ja sagt, sondern Nein?

Nein, das ist bei mir noch nie vorgekommen, aber ich habe schon erlebt, dass der Bräutigam eine Woche vorher gesagt hat: «Alles abblasen!» – weil er sich Hals über Kopf in eine andere Frau verliebt hatte. Für die Braut war das ein ziemlich dramatischer Moment.

Die Zahl der Zweit- und Drittehen nimmt zu. Sind das Unbelehrbare oder Besserqualifizierte?

Ich habe nicht die Rolle des Prüfers und bin in einer solchen auch nicht gefragt. Die Leute kommen ja nicht, weil sie ein Problem haben, sondern weil sie heiraten wollen.

Aber woher, glauben Sie, rührt der ungebrochene Wille, sich ewig zu binden?

Ich glaube, es ist oft die Unfähigkeit, allein zu sein.

Für die Zweisamkeit bedarf es doch heutzutage nicht mehr der Heirat?

Doch, ich glaube schon. Es ist zum einen das Verbindlichmachen einer Beziehung. Und hinzu kommt eine noch immer weitverbreitete Grundhaltung – und zwar bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern: Die Sinnstiftung im Leben soll der Partner liefern.

Die Ehe als Sinnquelle?

Ja. Es gibt die Tendenz, den Partner beziehungsweise das gemeinsame Glück, das oft exklusiv ist, zu seinem Gott zu machen. Eine kirchliche Trauung ist eine Chance, darüber zu sprechen: Gibt es neben eurer Liebe zum Partner noch etwas anderes in eurer beider Leben – etwas, das die Zweisamkeit auch relativiert? Was bedeutet euch denn eigentlich die Beziehung zu Gott?

Spüren Sie manchmal bereits im Traugespräch, dass es mit zweien wohl kaum gutgehen wird?

Wie gesagt, ich prüfe nicht. Aber es gibt Situationen, in denen ich spüre: Das geht nicht gut. Es ist die Dynamik, wie zwei miteinander sprechen oder eben nicht, wie sie einander ins Wort fallen, oder wenn immer nur einer redet.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Das Ja-Wort - NZZ-Folio Heiraten (04/07)

Sicher liegt es für das NZZ-Folio nahe, die Pfarrerin vom Zürcher Grossmünster zu interviewen. Das Portrait der prominenten Pfarrerin wirkt jedoch sehr streng. Auch im Interview drückt die Pfarrerin Distanziertheit aus, mehrmals nennt Käthi La Roche Bedingungen und Hürden für eine kirchliche Trauung. Schade, dass die kirchliche Handlung im NZZ-Folio so lustlos dargestellt wird. Ich verheirate als ebenfalls reformierter Pfarrer seit 20 Jahren Paare und habe eine riesige Freude daran. Für mich gibt es nichts Schöneres, als zwei verliebten Menschen den liturgischen Rahmen für ihr Ja-Wort zu gestalten. Mag sein dass ich unter „spiritueller Knochenerweichung“ (Zitat von Käthi La Roche) leide, aber ich erlebe jede einzelne Trauung so intensiv wie meine eigene. Jede Trauung – auch wenn es sich um Wiederverheiratungen handelt - ist individuell, einmalig und persönlich. Und keineswegs konventionell.
Peter Vogelsanger, Schaffhausen Herblingen



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