NZZ Folio 04/94 - Thema: Südafrika   Inhaltsverzeichnis

Herren und Knechte

Südafrikas Geschichte von Gewalt und Ausbeutung.

Von Shula Marks

Am 27. April 1994 werden in Südafrika die ersten demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes stattfinden, zu denen Angehörige aller Rassen zugelassen sind. Während in Europa Rassismus und ethnische Spannungen zunehmen, tritt just in jenem Land, das seiner rassistischen Praktiken wegen so lange der Paria der Welt war, keine der an den Wahlen teilnehmenden wichtigen Parteien offen für Rassismus ein - auch keine jener, die zum Wahlboykott aufriefen. Das sind nicht zu unterschätzende Fortschritte. Doch allein die Aussicht auf Veränderungen bringt für die Millionen von Schwarzen Gefahren mit sich, da jene Kräfte, die bisher von der Apartheid profitiert haben, die letzten Gespräche zur Konfliktlösung zum Scheitern zu bringen versuchen.

Im Gegensatz zu dem, was in den Medien gern als «ethnischer Bürgerkrieg» und als «Gewalt von Schwarzen gegen Schwarze» dargestellt wird, kämpfen in Kwazulu/Natal, lange Zeit der Hauptschauplatz dieser Auseinandersetzungen, Zulu-Anhänger der Inkatha gegen die zahlenmässig überlegenen Zulu-Anhänger des African National Congress (ANC). Keine der Konfliktparteien lässt sich durch die ethnische Zugehörigkeit ihrer Mitglieder beschreiben: Die Inkatha Freedom Party, gegründet vom Inkatha Zulu Cultural Movement, hat auch weisse Parlamentarier und kann nicht auf die Unterstützung aller Zulu zählen. Die weissen, afrikaanssprachigen Buren sind erst recht zersplittert: Neben der National Party (NP) gibt es mehr als fünfzig rechtsextreme Organisationen, in deren Führung sich aber auch englischsprachige Mitglieder finden, und verbündet haben sie sich mit jenen ultrakonservativen schwarzen Führern, die ihre Positionen der Apartheidpolitik verdanken und ebenfalls Machteinbussen bei Wahlen fürchten. Ein Grossteil der Schwarzen wird im April für den ANC stimmen.

Obschon der Population Registration Act, der die Südafrikaner in Weisse, Schwarze, Coloureds genannte Mischlinge sowie Asiaten aufteilte, abgeschafft worden ist, sind diese Kategorien nach wie vor eine Realität für die meisten der 5 Millionen Weissen (58 Prozent afrikaans, 37 Prozent englischsprachig), 29 Millionen Schwarze (oder Bantu, zu denen Zulu, Xhosa, Swasi zählen), 3,25 Millionen Coloureds (mehrheitlich afrikaanssprachig) und die knappe Million Asiaten. Was einst vom Gesetz bestimmt wurde, wird heute durch soziale Gewohnheiten und den Markt aufrechterhalten. Politischen Veränderungen zum Trotz ist Südafrika eine rassisch geschichtete Gesellschaft geblieben, geprägt von politisch explosiver Ungleichheit, was Macht und Reichtum betrifft.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: In Südafrika leben 16 Millionen Menschen unter dem Existenzminimum; fast alle von ihnen sind schwarz, und die Hälfte davon ist absolut mittellos. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von 1991 ist unter schwarzen Kindern die Sterblichkeit innerhalb der ersten sechs Lebensmonate sechsmal höher als unter weissen, wobei diese Schätzung wahrscheinlich noch zu niedrig ist. Im Bildungssektor, dessen Kosten über die Jahre ständig gestiegen sind, wird für weisse Kinder immer noch fast fünfmal mehr ausgegeben als für schwarze. Und so können 99 Prozent der Weissen lesen und schreiben, aber nur 48 Prozent der Schwarzen. Während es in fast allen weissen Wohngebieten Strom und fliessendes Wasser gibt, haben 65 Prozent der Schwarzen keine Stromversorgung, und bloss die Hälfte der ländlichen Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Wasser.

Die Wurzel des Rassismus steckt in einer kriegerischen Kolonialgeschichte, und die Ungleichheit wurde aufrechterhalten durch Gesetze, Konventionen und Repression. Obschon die Apartheid eine relativ neue Erfindung ist, gehen die Ursprünge der weissen Vorherrschaft auf die ersten europäischen Ansiedlungen Mitte des 17. Jahrhunderts am Kap der guten Hoffnung zurück.

Vom Kap, ursprünglich einer Proviantstation für die Schiffe der Niederländisch-Ostindischen Kompanie, breitete sich bald eine Kolonie europäischer Siedler aus. Zum allergrössten Teil waren es die aus den Niederlanden, Buren, später kamen kleinere Gruppen von Franzosen, Skandinaviern und Deutschen hinzu. Sie alle beuteten Sklaven aus, die aus den Küstengebieten des Indischen Ozeans herbeigeschafft wurden, oder die spärliche einheimische Hirten- und Jägerbevölkerung, die sogenannten Khoi-San (auch Hottentotten genannt). Ihrer aller Abkömmlinge sind die Coloureds.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Siedlern und der Bantu-Bevölkerung im Osten des Kaplandes, Nachkommen jener Bauern, die schon im dritten vorchristlichen Jahrhundert im heutigen Natal und Transvaal ansässig gewesen waren. Als Grossbritannien während der Napoleonischen Kriege das Kapland 1806 annektierte, hatte es zwischen den Siedlern und den Bantu-Bauern schon zahllose Scharmützel und zwei grössere Schlachten um Land, Vieh und Handel gegeben; Resultat war eine Pattsituation, die bis zum Auftauchen britischer Truppen an der Ostgrenze anhielt.

Die Briten änderten zu Beginn nichts an den bestehenden Besitzverhältnissen am Kap: Innerhalb der Kolonie blieben die meisten Weissen «Herren» und die Schwarzen «Knechte». Doch im Laufe der dreissiger Jahre wurde die Position der holländischen Bauern am Kap durch lokale politische und durch Landreformen sowie die Befreiung der Sklaven bedroht. Zwischen 1834 und 1838 verliessen an die 15 000 burische Siedler - die sogenannten Voortrekkers - die Kapkolonie, um im Innern Südafrikas eigene Republiken zu gründen: Natal, Oranje-Freistaat und Transvaal. Dieser Exodus - der «Grosse Treck» - ist die zentrale Saga, die von den nationalistischen Buren unseres Jahrhunderts immer wieder beschworen wird.

Jenseits der Kapkolonie stiessen die Voortrekkers auf eine lebendige, komplexe afrikanische Welt. Es kam zu einer Reihe von bewaffneten Auseinandersetzungen, doch gelang es den Siedlern nicht, die afrikanische Mehrheit zu unterwerfen. Im Gegensatz zu den Eingeborenen anderer Kolonien waren die Bantu wohlorganisiert; mächtige Königreiche wie das der Zulu wurden erst von den Briten Ende des 19. Jahrhunderts erobert, die so die Voraussetzungen für die Entwicklung der südafrikanischen Bergbauindustrie schufen.

Segregation und Apartheid des 20. Jahrhunderts gehen keineswegs nur auf den tiefsitzenden Rassismus der Buren in den Grenzgebieten zurück, sondern auch auf die Politik der Engländer in der von ihnen annektierten Kolonie Natal. Die ursprüngliche Bevölkerung wurde mit Hilfe von willfährigen Häuptlingen, die ihr aufgezwungen wurden, unter Kontrolle gebracht. Doch die Schwarzen hatten noch immer ein Anrecht auf Land und Vieh, und um ihre Zuckerplantagen in Gang zu halten, holten die britischen Pflanzer Inder in grosser Zahl ins Land. Von diesen stammt die Mehrheit der asiatischen Südafrikaner ab.

Noch wichtiger für die Entstehung des heutigen Südafrika war die sogenannte Bergbaurevolution als Folge der Entdeckung von Diamanten bei Kimberley im Jahre 1868 und von Gold im Witwatersrand 1886. Diese Entdeckungen veränderten das Leben aller Südafrikaner, weisser wie schwarzer. Die Notwendigkeit, unabhängige afrikanische Völkerschaften zu unterwerfen, um genügend Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben, führte zu einer sozioökonomischen Gesellschaftsordnung, die bereits vor dem 20. Jahrhundert stark rassistisch geprägt war. Arbeitsbestimmungen wie die sogenannten Pass laws, welche die Migration von Schwarzen innerhalb des Landes - insbesondere vom Land in die Städte - regelten und ursprünglich die Landwirtschaft betroffen hatten, wurden nun systematisch im Bergbau angewandt. Namentlich die Goldminen, wo sich internationales Kapital und neuste technische Errungenschaften konzentrierten, wurden zum wirtschaftlichen Herzstück Südafrikas. Keine Regierung konnte ihre Bedürfnisse ausser acht lassen. Ohne das Wanderarbeitersystem, das immer mehr schlechtbezahlte, ungelernte Arbeiter aus dem ganzen Subkontinent in die Bergbaugebiete zog, wäre eine wirtschaftliche Ausbeutung der minderwertigen, tiefliegenden Goldadern gar nicht möglich gewesen.

In den Anfängen der Bergbauindustrie waren Facharbeiter rar und konnten nur mit dem Versprechen hoher Löhne, die in starkem Kontrast zu den Löhnen der Schwarzen standen, ins Innere Südafrikas gelockt werden. Angesichts der Bedrohung durch billigere schwarze Arbeitskräfte festigten diese weissen Arbeiter, die politische Rechte und Gewerkschaftserfahrung hatten, ihre Positionen durch die sogenannte Job colour bar, eine berufliche Rassenschranke. Durch sie blieben «qualifizierte» Arbeiten Weissen vorbehalten. Obschon die speziellen gesetzlichen Barrieren zur Einschränkung der beruflichen Mobilität der Schwarzen im Laufe der letzten fünfzehn Jahre aufgehoben worden sind, besteht wegen der ungleichen Bildungsmöglichkeiten bei beruflichen Qualifikationen und Löhnen nach wie vor ein grosser Unterschied. Und obwohl die Schwarzen heute 64 Prozent der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung stellen, besetzen sie nur 15 Prozent der technischen und leitenden Stellen.

Die Schwarzen erfuhren nicht als einzige, was Eroberung durch die Briten hiess. Von 1899 bis 1902 führten die Briten einen erbitterten Krieg gegen die Buren um die Herrschaft in Transvaal, von wo Ende des Jahrhunderts zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Weltgoldproduktion stammte. Der Krieg endete mit der Unterwerfung des Oranje-Freistaats und Transvaals. Er entzweite die weissen Südafrikaner und lieferte der im Entstehen begriffenen nationalistischen Bewegung der Buren Helden und Märtyrer. Genährt wurde diese Bewegung weiter von der anhaltenden Benachteiligung von Buren im Berufsleben, der Ausbreitung britischer Kultur und der Dominanz englischen Kapitals. Die ethnisch bestimmte Politisierung der Buren und ihre Beziehung zu den englischsprachigen Südafrikanern sollte die Politik prägen, bis Südafrika 1961 Republik wurde.

Mit dem Burenkrieg hatten die Briten das ganze Land unter ihre Kontrolle gebracht, das moderne Südafrika war geboren. 1910 wurden die verschiedenen Kolonien - Kapprovinz, Natal, Oranje-Freistaat und Transvaal - durch einen Erlass des britischen Parlaments zur Südafrikanischen Union, einem Dominion, zusammengeschlossen. Weisse Erwachsene erhielten das Wahlrecht; nur in der Kapprovinz war das Wahlrecht nicht von der Rasse, sondern vom Besitz abhängig. Ausserhalb des Kaps durften weder Schwarze noch Frauen wählen. Während weisse Frauen ausserhalb des Kaps aber 1930 das Wahlrecht erhielten, wurde es auf der anderen Seite dann in der Kapprovinz 1936 auch den Schwarzen und 1957 den Coloureds entzogen. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg trieben mehrere Regierungen der Union, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, die Rassentrennung systematisch voran. Die Segregation stützte die Macht der Weissen in einer Zeit sozialen Wandels und rasch fortschreitender Verstädterung von Schwarzen und Weissen; sie war ein Slogan, unter dem sich die unterschiedlichsten und einander widerstrebenden weissen Interessen vereinigen liessen, und sie dämmte schwarze Militanz ein. Die Existenz einer armen weissen Unterschicht von Buren trieb die segregationistische Politik am meisten an. 1930 galt jeder fünfte Bure als «armer Weisser» - entweder weil der Burenkrieg ihn von seinem Land vertrieben hatte, oder weil die Landwirtschaft wegen Schulden, Dürren oder wirtschaftlicher Depression immer kapitalintensiver wurde. Ungelernt und kaum des Lesens und Schreibens kundig, mussten sich die Buren in den Städten einerseits mit qualifizierten und hochbezahlten englischsprachigen Arbeitern messen, andererseits mit schlechtbezahlten Schwarzen. Ihre Notlage lieferte den nationalistischen Buren in der Zwischenkriegszeit zu einem Gutteil die rassistischen Parolen.

Zum Wesen des segregationistischen Staats gehörte, dass die Schwarzen von zentralen politischen Institutionen ausgeschlossen waren. Das Wanderarbeitersystem wurde ausgefeilt; dazu kamen die berufliche Rassenschranke und ein Netz von Gesetzen, die die Mobilität der Schwarzen, den Aufenthalt in Städten und die Organisation von Gewerkschaften regelten. Ferner wurde die Autorität von Häuptlingen und der Stammeszugehörigkeit in jenen Gebieten aufgewertet, welche die Schwarzen nach den Kämpfen behalten hatten und die einzig für sie «reserviert» waren. Ausserhalb dieser «Reservate» - ungefähr 12 Prozent der Gesamtfläche Südafrikas - durften Schwarze Land weder besitzen noch erwerben, noch pachten. Dass die Familien in den Reservaten Sozialhilfe bekamen, war entscheidend für die Aufrechterhaltung des Wanderarbeitersystems; und durch die Einschränkung des Landbesitzes wurden die afrikanischen Bauern eliminiert, die seit dem 19. Jahrhundert für die Weissen eine Konkurrenz gewesen waren.

Die Rassentrennung brachte wohl gewisse Vorteile für die Häuptlinge in den ländlichen Gebieten, aber kaum für die afrikanische Bevölkerung, die sich in den Städten niederliess und die in den dreissiger und vierziger Jahren, der Blütezeit der südafrikanischen Industrie, stark anwuchs. In den vierziger Jahren wurden die schwarzen Städter dann von den Gewerkschaften, den unabhängigen Kirchen und nationalistischen Organisationen mobilisiert, die von den in den Missionsstationen ausgebildeten Intellektuellen gegründet worden waren. Die wichtigste dieser Bewegungen war der ANC, 1912 von der schwarzen bürgerlichen Elite für die schwarze Elite ins Leben gerufen. In den vierziger Jahren änderte sich das Gesicht des ANC durch die neue, rasch wachsende städtische Wählerschaft, und in den fünfziger Jahren machte er sich zum Sprachrohr einer breiten afrikanischen Protestbewegung. Dass die weisse Bevölkerung sich von der Verstädterung und Militanz der Schwarzen bedroht fühlte, war ein wesentlicher Grund dafür, dass die von den Buren getragene National Party mit dem Slogan, das Problem der «schwarzen Gefahr» lasse sich mit «Apartheid» lösen, 1948 an die Macht kam.

Die NP hatte im wesentlichen drei Ziele: ihre Machtposition zu festigen, die Interessen der Buren zu vertreten und die weisse Vorherrschaft zu wahren. In den nächsten zwei Jahrzehnten nutzte die NP ihre Macht, um die Buren wirtschaftlich zu stärken. Farmer genossen Protektion, die öffentliche Verwaltung und die Staatsbetriebe wurden in grossem Stil ausgebaut. In den siebziger Jahren dann war unter den Buren eine neue Klasse von Farmern und Unternehmern herangewachsen, die sich erfolgreich gegen ihre englischsprachigen Konkurrenten behaupten konnten, auch auf so wichtigen Gebieten wie Bergbau und Finanzwesen. Für diese Gruppe waren Apartheid und Burentum indes nicht mehr so dringende Anliegen wie früher: Zusammen mit der neuen Schicht gehobener Berufstätiger in den Städten bildeten sie die Basis für die «Reform»-Strategien des Staats und dessen neue Hinwendung zu Technokratie und mehr Effizienz.

Nach dem Machtantritt der NP änderte sich auch die Lage der schwarzen Arbeiter. Während es 1951 noch eine ansehnliche weisse Arbeiterschicht gab, hatten 1970 die meisten Weissen eine gute Berufsausbildung oder einen Universitätsabschluss und waren Theologen, Juristen, Mediziner oder Manager geworden oder in den rasch wachsenden Staatsdienst eingetreten. Dennoch hatten die fortschreitende Automatisierung in der Industrie sowie die Rezession von Mitte der siebziger Jahre für einen Teil der weissen Arbeiter, vornehmlich Buren, zum erstenmal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder Arbeitslosigkeit zur Folge. Zusammen mit jenen Bauern, die wegen Industrialisierung der Landwirtschaft, wegen Dürre oder Schulden ihre Farm verloren haben, und Beamten, die fürchten, in einem Post-Apartheid-Südafrika ihren Job zu verlieren, bilden sie heute die Basis für eine rechtslastige Politik.

Ursprünglich wollte die NP im wesentlichen die segregationistische Politik der Vorgängerregierungen vervollkommnen und das Netz von Gesetzen zur Kontrolle afrikanischer Arbeitskräfte weiter verdichten. Da es nicht gelang, alle in der Stadt lebenden Arbeiter aufs Land hinauszudrängen, verlegte sich der Staat darauf, die in der Industrie tätigen Wanderarbeiter in riesigen, seelenlosen Vorstädten, sogenannten Townships, unterzubringen. Diese wurden zum Schauplatz einiger der gewalttätigsten Zusammenstösse in Südafrika.

Eine Reihe von Gesetzen richtete sich auch gegen die Minderheit der Coloureds und Asiaten, indem sie diese voneinander und von den Schwarzen und Weissen isolierte. Trotz der Unterordnung unter die weisse Herrschaft und den Demütigungen der Rassendiskriminierung waren die Coloureds und Asiaten verglichen mit den Schwarzen in gewisser Hinsicht privilegiert. Ende der siebziger Jahre zielte die staatliche Politik darauf ab, diese Unterschiede zu vertiefen, was den Zulauf zur NP aus den asiatischen Wählerschichten zu einem Teil erklärt.

Die Politik der NP nach 1948 hatte eine verstärkte Opposition der Schwarzen zur Folge. Als Antwort darauf wurden immer drakonischere Sicherheitsgesetze verabschiedet; 1951 wurden die Kommunistische Partei (SACP), 1960 der ANC und sein Ableger, der Pan Africanist Congress (PAC) verboten. Parallel dazu wurde in einem Versuch, der Militanz in den Städten den Nährboden zu entziehen, in den alten Reservaten das Stammeswesen restituiert. Die Reservate, die von der Regierung in Bantu Homelands und später in Nation states umbenannt worden waren und lange Zeit der Wirtschaft als Arbeitskraftreservoire gedient hatten, wurden nun zu den Eckpfeilern eines neuen politischen Programms, bei dem die Häuptlinge als Kollaborateure funktionierten. Zwischen 1976 und 1982 wurden Transkei, Ciskei, Venda und Bophuthatswana für unabhängig erklärt, während in den übrigen sechs Reservaten die Bantu verschiedene Selbstverwaltungsrechte erhielten. Doch unabhängig vom Status waren sie wirtschaftlich alle von Südafrika abhängig, das auch die leitenden Verwaltungsbeamten und das Sicherheitspersonal stellte.

Für die armen Bewohner wurde die Fiktion von der Unabhängigkeit der Homelands insofern harte Wirklichkeit, als Citizenship, also Staatsbürgerschaft, zum Kriterium dafür wurde, ob man im restlichen Südafrika arbeiten und wohnen durfte. Den entsprechenden Gesetzen zum Trotz strömten Landbewohner, die verzweifelt Arbeit suchten, in grosser Zahl aus den Homelands in die Städte. Lange bevor der Staat 1986 die Pass laws aufhob, waren die den Zustrom regelnden Kontrollmechanismen schon zusammengebrochen, und an den Stadträndern entstanden riesige Squatter-Siedlungen. Die Bevölkerungsmehrheit der Homelands - wohl auch in Bophuthatswana und Kwazulu - möchte zum neuen Südafrika gehören.

Entstand während der ersten zwanzig Jahre der NP-Herrschaft ein scheinbar monolithisches Apartheidsgebilde, brachten die nächsten zwanzig Jahre dessen Zerfall. Erste Risse wurden 1969 sichtbar, als das Black Consciousness Movement sich formierte und es zu ersten tiefen Zerwürfnissen in der NP kam. Sie sah sich seitdem mit vielfältigen Krisen konfrontiert, die - nach einer unsteten Periode von Reformen und Repressionen - zu den nun anstehenden Wahlen geführt haben.

Die Gründe für diesen Ausgang sind vielfältig. Mitte der siebziger Jahre zeigte die Wirtschaft, die bis dahin floriert hatte, zunehmend Zeichen von Schwäche, die Inflation stieg rapide an, und das Bruttosozialprodukt fiel dramatisch. Technische Entwicklungen führten einerseits zu einem Mangel an Fachleuten, der sich nicht mit Weissen beheben liess, andererseits zu einer hohen Arbeitslosenrate unter ungelernten Schwarzen. In Anbetracht der demographischen Voraussagen waren diese Entwicklungen besonders bedrohlich: Hatte 1960 der weisse Bevölkerungsanteil 19 Prozent betragen, so betrug er 1970 noch 13 Prozent; Berechnungen gemäss dürfte er bis 2010 auf 10 Prozent fallen. Die Probleme des beschränkten Binnenmarkts wurden durch Exportsperren und internationale Sanktionen verschärft, während die Finanzkrise des Staates durch den Krieg in Angola und die Herrschaft in Namibia verschlimmert wurde.

Zur selben Zeit führten wiederauflebende schwarze Proteste auch zu einem Überdenken der Apartheidpolitik. In den siebziger Jahren wurde die schwarze Arbeiterschicht zunehmend selbstbewusster, wovon zum Beispiel das Anwachsen der Gewerkschaftsbewegung nach den Streikwellen 1972/73 zeugte. Und angeregt vom Black Consciousness Movement und von der neu gewonnenen Unabhängigkeit der Nachbarstaaten - Moçambique und Angola 1976, Simbabwe 1980 -, rief eine neue Generation zum Widerstand gegen den Staat auf, nachdem 1976 Truppen auf friedlich demonstrierende Schüler geschossen hatten, die gegen Afrikaans als obligatorische Sprache demonstriert hatten.

Während der Staat gegen die Protestierenden sofort mit der gewohnten Härte vorging, wurden in politischen und hohen Wirtschaftskreisen Stimmen laut, die zu versöhnlicherem Vorgehen rieten. Eine kurze Zeit lang, von 1978 bis 1981, schien der Staat Veränderungswünschen gegenüber aufgeschlossen, und es gab eine Reihe von Sozialreformen, von denen der zahlenmässig kleine schwarze Mittelstand der Städte und die gelernten Arbeiter profitierten. Diese Reformbestrebungen führten innerhalb der NP zu noch tieferen Zerwürfnissen, vermochten aber - da sich politisch doch nichts änderte - die Schwarzen nicht zu versöhnen. Parallel dazu lebte die Unterstützung für den ins Exil gedrängten ANC in bemerkenswertem Masse auf.

Obschon es Ende der achtziger Jahre zu einer Pattsituation gekommen war, gaben das Ende des kalten Kriegs und die Wahl von Frederik de Klerk zum Staatspräsidenten den letzten Anstoss zu Veränderungen. Die Bedrohung durch den Kommunismus liess sich nun nicht mehr als Ausrede gegen den ANC benutzen, und während dieser etwas an Unterstützung von aussen verlor, wurde die Regierung vom Westen zunehmend unter Druck gesetzt, die Apartheidpolitik aufzugeben. Auch wenn für die Zukunft eine Menge Gefahren drohten: Nach der Aufhebung der Verbote von politischen Organisationen und der Freilassung Nelson Mandelas im Februar 1990 gab es kein Zurück mehr.

Shula Marks, in Südafrika geboren, ist Professorin für südafrikanische Geschichte an der School of Oriental and African Studies der Universität London. Zuletzt erschien von ihr «Divided Sisterhood, Race, Class and Gender in the South African Nursing Profession» (Macmillan, London 1994).


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