GUMMIBÄRCHEN kann man kochen, tieffrieren, anzünden, in die Luft werfen, ersäufen, an die Wand schmeissen und auch essen. Beim Kochen in Wasser lösen2 /. Gummibärchen sich schon vor dem Siedepunkt auf und hinterlassen bunte Flecken auf dem Pfannenboden - die grünen einen grünen, die gelben einen gelben und so fort - sowie in der Pfanne eine trübliche Brühe. Friert man den Gummibär tief, wird er hart, worauf er in Stücke bricht, wenn man ihn an die Wand wirft, während er aufgetaut einem Gleiches nicht gleich krumm nimmt. In der offenen Flamme zischt, dampft und verkohlt das Gummibärchen rasch. Über Nacht in kaltes Wasser eingelegt, quillt es auf ein Vielfaches seiner Originalgrösse auf und wird esoterisch und schwabbelig, ähnlich wie es bei gleicher Behandlung auch unsereins wird.
Platthauen kann man das Gummibärchen nicht (soll man auch nicht!), jedenfalls nicht mit einem Hammer handlicher Grösse; also kann man es auch nicht plattfahren, weshalb zum Beispiel der Verkehrstod nicht zu den häufigen Todesarten von Gummibärchen zählt. Gummibären fallen nicht, wie beispielsweise die Katzen, stets auf die Füsse: im Feldversuch von sechs Würfen fielen von zwölf Gummibärchen vielmehr vier auf den Rücken, vier auf die Seite und nur drei auf die Füsse, während eins immer oben blieb. Gegessen, schliesslich, machen Gummibärchen glücklich und dick.
Soweit das, was über den Gummibär nicht schon geschrieben war, ehe man selber ihn auch nur richtig wahrgenommen hat; denn der Gummibär ist deutsch und - dachte man - jung, während man selber schweizerisches Mittelland ist (mit Betonung auf «Land») und nicht mehr so jung und die Naschphase in fernen gummibärlosen fünfziger Jahren hatte, als es noch nur Cocifrösche, Caramelbouchés, Bärendreckschiffli und Fünfermocken gab sowie Limonadenwürfel (Himbo!), an denen man sich auf der Schulreise die Zunge wundschleckte.
Deutsch stimmt, und die Schweiz hat das Gummibärchen tatsächlich erst in den siebziger Jahren grossflächig erobert, das allerdings in bestandenem Alter: In Wirklichkeit ist der süssliche, weichliche, unschuldig-jungfräuliche Gummibär, der sich zwischen Fingerspitzen schön wie Katzenpfotenbällchen anfühlt, der in der Schilderung einer deutschen Sexberaterin ein erotischer Genuss ist, wenn man ihn isst, fast so, als ob man an einem Ohrläppchen knabbere, der «das Kuschelige einer Frau und die Stärke des Manns» symbolisiert - in Wirklichkeit ist der Gummibär, auch Ursus latex genannt, ein Greis; vor siebzig Jahren in einer miefigen Bonner Waschküche vom damals knapp 30jährigen Hans Riegel erschaffen, von Hans Riegel, Bonn, also - Ha-ri-bo, Haribo macht Kinder froh (und Erwachsene ebenso) -, von wo aus er, der Bär, sich zunächst tapsig und dann in grossen Sprüngen aufmachte, zunächst Deutschland und dann Europa und schliesslich die ganze Welt, nämlich Amerika, zu erobern, wo er in modifizierter Version, noch süsser und bunter, sich ganz besonderer Beliebtheit erfreut, weil er nicht an den Zähnen klebt.
340 Gummibärchen soll der durchschnittliche deutschsprachige Europäer im Jahr essen, was wie alle Durchschnitte nicht viel aussagt, weil vielleicht drei Millionen deutschsprachiger Europäer das ganze Jahr kein einziges Gummibärchen essen, dafür womöglich fünftausend andere eine Million Bärchen im Jahr jeder für sich. Zusammengezählt stellt Haribo Bonn, unterdessen ein Unternehmen mit gegen 2000 Mitarbeitern und einem geschätzten Jahresumsatz von 500 Millionen Mark (weltweit 5000 Mitarbeiter und Umsatz weit über eine Milliarde Mark, doch das Unternehmen knausert mit Geschäftszahlen), zusammengezählt stellt Haribo Bonn jedenfalls täglich 70 Millionen Gummibärchen her, 70 Millionen gelbe, rote, orange, weisse und prallgrüne bis blassgrüne Bärchen, ein jedes 2 Zentimeter gross, 1,8 Gramm schwer, vergesslich und «trotz ihrer Glibbrigkeit grundehrlich», wie man dem unlängst erschienenen liebenswürdigen Gummibärbuch des Cartoonisten Hans Traxler entnimmt. Beispielsweise könne man ihnen ohne Bedenken einen Gebrauchtwagen abkaufen. Nur seien da die Sitze oft etwas klebrig.
Der Stoff, aus dem Gummibärchen sind, ist Glukosesirup (was sie durchsichtig macht), Gelatine (macht sie gummig), Zucker (macht sie süss), Stärke (macht sie stark), natürliche und künstliche Aromen (macht sie lecker) sowie die Farbstoffe E 104, E 124 und E 132 (macht sie - nun, was wohl!) sowie Oberflächenbehandlungsmittel (macht sie tiefsinnig). Zu lesen auf der am Zürcher Hauptbahnhof erstandenen Packung Gummibärchen, die aus dem Produktionsbetrieb in Linz, Österreich, stammen. Die Bonner Gummibärchen enthalten gar keine künstlichen Farbstoffe mehr und sind daher etwas blass um die Nase, vor allem die grünen, was vor zwei Jahren die deutschen Grünen zur Anfrage an Haribo bewog, ob der Verzicht auf die sattgrünen Bärchen etwa als Diskriminierung der Ökobewegung zu verstehen sei, worauf Hans Riegel jun. ihnen geantwortet haben soll, die Bärchen hätten sich mit dem Farbverlust lediglich der Partei angepasst.
Hans Riegel jun., einer der zwei Söhne des 1945 verstorbenen Gummibärchenerfinders, nun auch schon seine 69 Jahre alt (von der Belegschaft Dr. Riegel genannt, um ihn von seinem eher in sich gekehrten Bruder Paul, Herrn Riegel, zu unterscheiden), ist überhaupt ein recht lockerer Knabe, der an den Betriebsfeiern am längsten durchhält, eine Sportskanone ist, schwimmt, squasht, joggt, schiesst, schnelle Autos fährt und seinen eigenen Hubschrauber fliegt, sich einen Ruf als Rinderzüchter erworben hat und so fort, für den es nichts Schöneres gibt, als zehn Gummibärchen zusammen mit einer (ebenfalls hauseigenen) Lakritzschnecke zu essen; und der geschäftstüchtig und überaus einfallsreich ist. So hat er, als in den siebziger Jahren ein weisser Wal den Rhein bis Mannheim heraufschwamm, rasch mit «Moby Dicks» aus Fruchtgummi reagiert, die ein Renner gewesen sein sollen, wenn auch nur solange, bis der Wal wieder aus Rhein und Medien verschwunden war. Während Würmer, Vampirchen und kleine Mumien zum Zeitlosen aus dem Haus Haribo zählen, haben auch die Biene Maja und das Heidi in Gummi ihre TV-Serie nicht lang überlebt, und die Heilige Familie in Fruchtgummi, mit der Hans Riegel vor ein paar Jahren das Seine zum Fest der Liebe hatte beitragen wollen - man denke sich: das Jesuskind als Gummibär! -, kam wegen Empörung der Kirche gar nicht erst unter die Leute.
Ein Gummibär ist, wenn man seine Zutaten (Glukose und so fort) zusammenfügt, in eine Bärchenform aus Lebensmittelstärke fliessen und dort trocknen lässt (die Form, selbstverständlich ist es stets mehr als nur eine, wird dann zerstört und sogleich wieder zur Form gepresst, das muss man sich alles unwahrscheinlich schnell vorstellen), dann oberflächenbehandelt und hernach zusammen mit vielen anderen Gummibären in einen jener Säcke steckt, auf denen «Goldbären» steht (wie sie kein Mensch nennt), die immer gleich entzweireissen, wenn man sie öffnet, worauf jeweils etwa die Hälfte der Bärchen zu Boden fällt, die man dann nicht mehr aufessen muss. So ist denn auch der Kaloriengehalt von Gummibären zu relativieren, indem man ihn (6,6 Kilokalorien pro Bär) folglich halbieren kann.
Gummibärchen gibt es als Ohrstecker, Schuheinlagen, Kaffeekannenwärmer, als Schlüsselanhänger, Ehemänner, Topflappen; und als Fischfutter, wenn man zuviel von ihnen isst. In Nordenham (der Himmel weiss, wo das ist) goss ein Gymnasiast 1987 einen Gummibär, der 72 Kilogramm schwer war (lassen Sie mich rechnen: aus 40 000 Gummibärchen!). Der junge chinesische Übersetzer Xiao Lü und der frühere deutsche Aussenminister Hans-Dietrich Genscher sollen gummibärsüchtig sein. Man rätselt über das Geschlecht der Gummibärchen, und die einen sagen, sie machten dumm. Es gibt Gummibärfanclubs und einen Gummibärchor, Gummibärbücher und Gummibärwitze. (Ein Braunbär sitzt im Spital im Wartezimmer des Kreisssaals und wartet auf die Niederkunft seiner Gemahlin. Da kommt die Krankenschwester und stammelt verstört: «Es ist ein Gummibär».)
Im Duden, schliesslich, sitzt das Gummibärchen zwischen Gummiband und Gummibaum, als «Süssigkeit aus gummiartiger Masse von der Form eines kleinen Bären» bzw. als «Dinge, das lange gelutscht oder gekaut werden kann».
Nun, so lange auch wieder nicht.