NZZ Folio 05/00 - Thema: Fit   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Thomas Bär, Banker und Bauer

Von Peter Rüedi

BRECHTS FRAGE, was denn ein Bankraub sei gegen die Gründung einer Bank, verbietet sich in der sordiniert eleganten Atmosphäre der Chefetage der Anwaltskanzlei Bär & Karrer. Fragen wir Dr. Thomas Bär, der in seinem 63. Jahr nicht nur Anwalt und Verwaltungsratspräsident der gleichnamigen Bank ist (der Julius Bär Holding AG), sondern auch Patron eines Weinguts in Chianti, nach den Erfahrungen, die er beim Aufbau von Gagliole bei Castellina so mit dem Amtsschimmel gemacht hat, scherzt er seinerseits: «Ich habe mehr Konsulenten als Weinstöcke, und es ist leichter, in Italien eine Bank zu gründen als einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb.»

Vor zehn Jahren kaufte Bär den Antico Podere Gagliole, 23 Hektaren, auf bröckelnden Trockenmauer-Terrassen Oliven und 3 1/2 Hektaren Reben, die noch verpachtet waren. Bald kümmerte er sich dann auch um diese, mit seiner Frau Monika, dem Agronomen Tobias Frommann, dem Önologen Luca d'Attoma, einem Fattore-Ehepaar und vier Landarbeitern. Nach dem Prinzip «learning by doing» verwandelte er das heimatgeschützte Anwesen aus einem verlorenen Paradies in ein real existierendes. Er pflegte alte Reben und pflanzte neue, baute einen Keller vom Punkt null auf, folgte einer vernünftigen biologischen Linie (Mischkultur, keine Chemie). Und nun versteht er also auch etwas von Agrikultur, Abteilung Wein. Thomas Bär: Ökonom, Önologe, Ökologe. Selbstverständlich, dass sich der Herr Verwaltungsratspräsident auch selbst hinter den Stand seiner Azienda Agricola an die «Vinitaly» bemüht. Dies bei einer Produktion von nur gerade gut 20 000 Flaschen. Ganz so unbedingt, räumt er ein, seien die ökonomischen Grundsätze des Anwalts und Banquiers auf den Weinproduzenten nicht anzuwenden.

Allein, die drei sind einer, und so denkt der Feind des Fundamentalismus gern in Analogien: das Dehydrieren, das Konzentrieren des Weins hält er für eine Übertreibung. Löblich sei die Anstrengung, einen vollkommenen Wein herzustellen, Unfug, ihn mit allen Mitteln herbeizuzwingen. Wie es verdienstvoll sei, dem Aktionär zu Gewinn zu verhelfen, aber beklagenswert, wenn darob «die beiden Stakeholder Kunde und Mitarbeiter» aus dem Blick geraten.

Sorgen bereitet Thomas Bär die zunehmende Weinproduktion: «In der Toscana wird doch heute der hinterste Quadratmillimeter bepflanzt. Ein massives Überangebot ist absehbar, und dann wird nur noch die oberste Qualität eine Chance haben.»

Und die unverkennbare Individualität. Wie jene des Weinguts von Bärs Nachbarn in der Toscana, dem Zürcher Werber und Weinhändler Bruno Widmer, dessen Brancaia 1995 vor uns im Glas steht: Sangiovese, Merlot und ein wenig Cabernet-Sauvignon. Ein Wein nach Bärs Gusto. «Merlot und Cabernet nehmen dem Sangiovese etwas die Eckigkeit, die Spitzigkeit, aber insgesamt bleibt die elegante Frische. Grossartiger Purpur, und in der Nase erinnert mich dieser Brancaia an die Gerüche, die Gewürze der Toscana, ein Wein, der zum Verweilen einlädt, zur Anschauung, zum Ausblick. Und im übrigen: ein Wein, bei dem man nicht nach dem ersten Schluck ins Bett sinkt wie bei gewissen grossen und durchaus bewundernswerten Piemontesern.» Spricht's, und schenkt nach, und eilt zum nächsten Termin. Die Stiftung Zoo Zürich präsidiert er nämlich auch, der Freund aller Natur.


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