NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Ein moderner Multi

Von Peter Haffner

Ist Johannes Paul I., der unglücklich kurze Zeit amtierende Vorgänger des jetzigen Papstes, einer Verschwörung zum Opfer gefallen und ermordet worden? Handelte der Papst-Attentäter Ali Agca im Auftrag von CIA, KGB und Teilen der römischen Kurie? Und musste der Kommandant der Schweizergarde sterben, weil er zuviel wusste?

An Leuten, die eine Spekulation für um so glaubwürdiger halten, je wilder sie ist, hat es in der Welt noch nie gemangelt. Was den Vatikan angeht, hat seine Geheimniskrämerei mit dafür gesorgt, dass der Gerüchteküche das Feuer nie ausgegangen ist. Dass sie zumeist Unsinn produziert, wäre schon daran erkennbar, dass ihre Behauptungen so beliebig sind wie widersprüchlich.

Was aber ist Wahrheit? Das römische Papsttum ist die vielleicht stabilste Institution der Weltgeschichte; ein Grosskonzern, der schon global agierte, als das Wort noch in keinem Mund war. Eine Kirche, die in Erwartung des Endes der Zeiten und der unmittelbaren Wiederkunft des Messias gegründet worden war, hat zwei Jahrtausende überlebt und ist allen Krisen zum Trotz grösser und mächtiger geworden. Geographisch der Ort der Grabstätte des Apostels Petrus und logistisch der Dienstleistungsbetrieb für den Heiligen Stuhl, ist der Vatikan ein Kleinstaat, der Weltpolitik macht - nicht nur in Fragen der Sexualmoral. Seine Organisationsstruktur ist geprägt von historischen Vorbildern wie dem antiken römischen Senat, dem kaiserlich byzantinischen Hof und der französischen Kanzlei. Modernes Management hat dies nicht umkrempeln können, sondern allem einfach eine weitere Dimension hinzugefügt. Durchschaubarer ist das Unternehmen dadurch nicht geworden, und selbst für Eingeweihte ist es immer wieder voller Rätsel: ein Quadratmeter Vatikan, so geht das geflügelte Wort, wird von sieben Instanzen verwaltet.

Grund genug, einen Blick hinter die Leoninischen Mauern zu werfen, wo es, wie die Einwohner gerne scherzen, mehr Sünder als Heilige gibt. Und wo es so menschlich zugeht wie überall: Jener amerikanische Kardinal jedenfalls, der zum Entsetzen seiner italienischen Brüder kurzbehost in den vatikanischen Gärten zu joggen pflegt, sorgt für kaum weniger Gesprächsstoff, als Glaubensfragen es tun.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.