Letzten Monat war an dieser Stelle zu lesen, wie zäh die neuen Retro-Trainingsanzüge von Adidas zum Zerlegen sind. Sie unterscheiden sich in ihrer robusten Fertigungsweise kaum von ihren Urahnen, die ab Mitte der 1960er Jahre in Mode kamen, bombensicher gefertigt waren und deshalb heute noch oft unversehrt in Brockenhäusern oder Secondhand-Geschäften hängen.
Dass der Trainingsanzug auch das Terrain ausserhalb des Sportplatzes erobert hat, ist noch nicht so lange her. War der Stretchanzug mit drei Streifen in den 1 960ern noch Olympioniken und Nationalmannschaften vorbehalten, so wurde er in den 1970ern auf breiter Basis populär und tauchte in den frühen 1 980ern immer häufiger in der Jugendszene auf – namentlich in den schwarzen «Urban Tribes» amerikanischer Grossstädte, die die Sportswear für sich okkupierten.
Schöne Beispiele dieser «Bastardisierung» des kommunen Trainingsanzugs sind in Jamel Shabazz’ Buch «Back in the Days» dokumentiert, das zahllose Fotos der Anfänge der Rap-Kultur in den USA enthält. Von da an war der Trainingsanzug hip – oder auch hop, je nachdem, zu welchem Genre man sich hingezogen fühlte.
Dass Produkte von Sportartikelherstellern nicht nur zur Leibesertüchtigung gekauft werden, ist inzwischen auch mit Zahlen belegt. In den USA werden mehr als die Hälfte der «athletic shoes» nicht auf der Finnenbahn oder im Fitnessstudio getragen, sondern auf der Strasse und im Alltag. Mit den Kleidern verhält es sich nicht anders. Wen wundert es also, wenn Adidas unter dem Begriff «Originals» heute eine Mode produziert, die sich zwar an Aktivsportvorlagen orientiert, aber rein modischen Zwecken dient. Die Kollektionen werden im raschen Rhythmus der Strassenmode erneuert und mit aufwendigen Laufsteginszenierungen auf den Markt gebracht.
Nicht immer ist der Trainingsanzug aber modisch – man sieht ihn sehr oft auch in den Gärten von Vorstädten, zu «Adiletten» (natürlich mit Socken!) und einem über den Bierbauch gespannten Ripp-Unterleibchen. Nicht sehr schön, wohl wahr, aber unter Zugewanderten wie Eingeborenen gleichermassen verbreitet. Heute gibt es ausserdem eine Vielzahl junger Szenen, die sich der Sportkombination angenommen haben und sie vor der Vulgarisierung retten wollen. Skatergirls wie Hip-Hopper-Jungs tragen sie und Jungmänner, die mit einer Trainerhose zum Veston das angesagte «Crossdressing» üben.
Man kann die Supergirl Pant mit den mintfarbenen Streifen, dem Stretch-Taillenbund und den Reissverschluss-Schlitzen am Fuss «nature» mit der dazu passenden Trainingsjacke tragen und so dem klassischen Trainingsanzug die Reverenz erweisen. Witziger ist es aber, wenn man diese vergleichsweise primitive Hose zu einem Pailletten-Top, einer schönen Smo kingjacke oder zu Highheels kombiniert. Dann bekommt das in Indonesien gefertigte Stück Synthetik-Massenmode einen individuellen Dreh und modischen Schmiss. Erhältlich sind diese Stücke
ausschliesslich in speziellen Originals-Stores, von denen es auch in der Schweiz seit rund einem Jahr einen gibt.