NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Sage und Schreibe -- Schnee von gestern

Von Manfred Papst

Mais ou sont les neiges d'antan?», heisst es in François Villons «Ballade des dames du temps jadis». «Antan»: das ist das lateinische «ante annum», das vorige Jahr; der Plural «les neiges» lässt sich nicht ins Deutsche retten. «Doch wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?», fragt der Dichter.

Im Deutschen ist das wunderbare Bild bekanntlich längst zum lapidaren «Schnee von gestern» geworden. Warum? Verschiedene Gründe können einem einfallen. Zunächst einmal ist «Schnee von gestern» die griffigere Formel. Damdadida, eine kleine Satzmelodie, die leicht über die Lippen geht und als Sprachbild einleuchtet, solange man nicht über es nachdenkt. Hinzu kommt, dass es in weiten Teilen des deutschen Sprachraums der Erfahrung zumindest nicht widerspricht. Wenn es im Flachland einmal schneit, ist der Schnee am nächsten Tag oft tatsächlich schon wieder verschwunden. Man kann deshalb etwas, das weg, überwunden, vergessen sein soll, hier unten durchaus «Schnee von gestern» nennen.

Wie anders in der hehren Alpenwelt! («Ach, es hängt der Gebirgssohn mit kindlicher Lieb an der Heimat», hat Johann Ladislav Pyrker gedichtet, Schubert hat's aufs innigste vertont, und als Heimweh-Davoser kenne ich das Gefühl sehr wohl.) Im Gebirg ist der Schnee von gestern noch lange da, Tage, Wochen, Monate gar: der zum Betrachten und der zum Schaufeln. Deshalb kommt man in der Höhe nicht auf Metaphern wie «Schnee von gestern», sondern weiss sich eins mit Villon und schaut mit einer Spur Verachtung hinab auf die Flachlandtiroler, die zürcherischen natürlich ganz besonders.

Was aber lehrt uns das? Dass es nichts nützt, wenn man recht hat. «Schnee von gestern» sagen landauf, landab alle, die an ein gebrochenes Versprechen, einen verschossenen Elfmeter, einen verlorenen Krieg nicht erinnert werden wollen. Dagegen kann man wettern, wie man will. Und höhnte man so schneidend wie Karl Kraus, grantelte so anmutig wie Eckhard Henscheid: es hülfe alles nichts. Die Sprache selbst, so scheint es, hat entschieden, den Ausdruck auch in seiner verkürzten Form zu akzeptieren. Nun wissen wir ja, dass «die Sprache» sich nicht ohne menschliches Zutun ausgestaltet, sondern von eben den Brummköpfen gemacht wird, die sich täglich neu auf sie einigen: zum Beispiel von Ihnen und mir. Das aber heisst: Wir sind nicht ganz machtlos. Wir sind sogar gefordert. Es ist allerdings wie in der Kindererziehung: Belehrung ist nichts, Vorbild ist alles.

Sagen wir deshalb gelassen, ohne sichtbare Anstrengung, ohne erhobenen Zeigefinger: «Der Schnee vom vergangenen Jahr.» Einmal. Zweimal. Hundertmal. Wir werden sehen, ob wir's durchhalten. Oder ob wir zum Schluss kommen, «Schnee von gestern» sei vielleicht doch gar nicht so schlecht. Weil wir ja verstehen, was gemeint ist. Weil die Wendung kürzer ist. Weil sie Rhythmus hat. Damdadida. Eine kleine Melodie. Fast wie «Les neiges d'antan».


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