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Duftnote -- Das andere No 5
© Fabienne Boldt
Von Luca Turin
In Mexiko lebt ein Mann, der von seinen Grosseltern einen Parfumladen geerbt hat und seit einigen Jahren Stück für Stück die Bestände verkauft. Anfangs hatte er keine Ahnung und stellte ungeöffnete Rosendüfte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg für 99 Cent bei Ebay zum Verkauf ein. Sie brachten ihm 1000 Dollar die Flasche, und er begann zu begreifen, dass er zum Millionär geworden war. Er machte seine eigene Website auf (eurofinegifts.com). Letzte Woche hat sich meine Kollegin Tania Sanchez das Lager angesehen und eine kleine Flasche von Molyneux’ Numéro Cinq gekauft, einem Duft, von dem ich schon viel gehört, den ich aber noch nie gerochen hatte.
Über Numéro Cinq gibt es zwei Geschichten, und ich habe keine Ahnung, welche stimmt. Laut der ersten eröffnete Hauptmann Edward Molyneux, der im Weltkrieg ein Auge verloren und ein Verdienstkreuz gewonnen hatte, 1919 in Paris eine Modeboutique. Er freundete sich mit Chanel an, die gerade dasselbe getan hatte, und die beiden verfielen auf die Idee, am selben Tag im Jahr 1921 je ein Parfum mit der Nummer 5 herauszubringen und abzuwarten, wer das Rennen machen würde. Der Sieger des Wettstreits ist heute unbestritten, aber laut dieser Version der Geschichte soll Molyneux’ No 5 jenes von Chanel während mehrerer Jahre weit überflügelt haben.
Die andere Version besagt, Molyneux habe 1925 mehrere Parfums gleichzeitig herausgebracht und sie nach den Hausnummern der verschiedenen Firmensitze benannt: 3, 14 und eben 5. Letztgenanntes sei «Le Parfum Connu» genannt worden, um Ärger mit Chanel zu vermeiden. Ob diese oder die andere Version: Fest steht, dass Modeschöpfer damals wesentlich mehr Humor hatten als heute.
Chanel besass ausserdem fraglos das bessere Auge: Das Flacon von Molyneux sieht fade aus. Doch das Parfum! Ich erwartete einen altmodischen, umständlichen Duft – aber was für eine Überraschung! No 5 ist über die Massen schön und fremd, das einzige mir bekannte Beispiel eines orientalischen Irisdufts. Geht man davon aus, dass die Komposition nicht verändert wurde, ist die Frage nach dem Entstehungsjahr so aufregend wie die Entdeckung einer ägyptischen Mumie mit einem iPod unterm Kopfkissen.
1921 war das Jahr, in dem das erste orientalische Parfum herauskam, Cotys Emeraude. 1925 ist das Geburtsjahr seines berühmten Nachfolgers Shalimar. Wenn Molyneux’ No 5 von 1921 stammt, dann muss die Parfumgeschichte neu geschrieben werden. Datiert es jedoch von 1925, dann sind sowohl No 5 wie Shalimar Nachahmungen von Emeraude, und man muss sich fragen, weshalb Molyneux’ Linie ausgestorben ist. Vielleicht hat sich der Hauptmann ja selbst ein Schnippchen geschlagen, und die Geschichte wäre völlig anders verlaufen, hätte er seinen Duft No 6 genannt.
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.
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Interview mit Luca Turin
NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
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