NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Vier Fragen zu Europa an . . .

Von Jürg Dedial

. . . Günther Nonnenmacher, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Deutschland.

1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?

Die Osterweiterung weckt in Deutschland Ängste beim Mittelstand, vor allem im Handwerk und bei den Arbeitnehmern, die pauschal als Ängste vor «Billiglohnländern» zu bezeichnen wären. Das ist eine spezifische, auf Osteuropa fixierte Variante der Globalisierungsangst. Der andere Widerstand wächst aus Fremdheit: Franzosen, Engländer, Italiener, Spanier kennt und versteht man - schon sprachlich - in Massen. Wer aber weiss wirklich etwas über Polen, die Tschechische Republik oder Ungarn?

2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?

Institutionell nicht viel anders als heute. Wirtschaftlich womöglich stärker, politisch wahrscheinlich schwächer.

3. Erwarten Sie eine weitere Verschlechterung des deutsch-französischen Verhältnisses?

Ich erwarte, dass die Normalisierungs- beziehungsweise Banalisierungskrise im deutsch-französischen Verhältnis noch einige Zeit dauern wird, vermutlich auch mit streitigen Zwischenfällen. Aber das wechselseitige Aufeinanderangewiesensein wird einen tiefen Absturz verhindern.

4. In welchen Politikbereichen braucht es aus deutscher Sicht mehr Europa beziehungsweise weniger Europa?

Mehr Europa brauchte es in der Aussen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik - aber da ist der Weg weit, weil die Europäer ohne die USA als «cheer leader» wenig zustande bringen. Weniger Europa wäre besser in Fragen, welche die Gestaltung des unmittelbaren Lebensumfeldes der Bürger betreffen: Das sind Teile der europäischen Struktur- und Regionalpolitik.

Die Fragen stellte Jürg Dedial, NZZ-Redaktor.


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