NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wenn Fische in die Luft gehen

Von Herbert Cerutti

MIT DEM SCHLANKEN, gut zwanzig Zentimeter langen Körper gleicht Exocoetus volitans, der Atlantische Flugfisch, einem Hering. Seine aeronautische Vorliebe macht den im warmen Atlantik lebenden Fisch zum Kuriosum. Noch unter Wasser beschleunigt der Flugfisch mit raschem Hin und Her der kräftigen Schwanzflosse die Fahrt. Mit einer Kadenz von bis zu siebzig Schlägen pro Sekunde erreicht der Sprinter nach etwa zwanzig Metern um die 50 km/h, durchbricht die Wasseroberfläche und spreizt seine flügelähnlichen Brustflossen.

Meterhoch über dem Wasser segelt nun der Fisch während mehrerer Sekunden 40 bis 50 Meter weit. Mit ihrem leuchtend blauen Rücken und dem blitzenden Silber an Flanken und Bauch sind Schwärme von Fliegenden Fischen eine Augenweide. Bei günstigem Gegenwind kann der Flug schon mal fünf Meter hoch gehen, was die Tiere gelegentlich auf dem Deck kleinerer Schiffe landen lässt.

Wer einen Fliegenden Fisch genau betrachtet, sieht, dass der untere Teil der gegabelten Schwanzflosse verlängert ist. Dies ermöglicht am Ende des Flugs ein spektakuläres «Touch and Go»: Knapp über der Wasseroberfläche beschleunigt der Fisch mit sehr schneller Bewegung seines jetzt schon halb eingetauchten Schwanzes erneut die Fahrt, was ihn bald ein weiteres Mal hochsteigen lässt. Mit drei bis vier solcher Zwischenstarts sind bis zu 13 Sekunden lange Flüge über eine Gesamtstrecke von mehr als 200 Metern beobachtet worden - ähnlich dem Kieselstein, der nach flachem Wurf über das Wasser hüpft.

Die Familie der Fliegenden Fische (Exocetidae) zählt einige Dutzend Arten, von den Kurzflossigen Flugfischen, die in riesigen Schulen die westindischen Gewässer bewohnen, bis zum Atlantischen Kinnbartelflugfisch, der neben seinen Brustflossen auch noch die beiden Bauchflossen zu Tragflächen spreizen kann und so als Vierflügler durch die Luft segelt. Mit 45 Zentimetern Körperlänge ist der Kalifornische Flugfisch der grösste Vertreter der Fliegenden Fische.

Auf der untersten Pilotenstufe stehen die hechtähnlichen Halbschnäbler. Ihre Performance gleicht eher grossen Luftsprüngen, denn die relativ kleinen Brustflossen erlauben keinen eigentlichen Gleitflug.

Die Fähigkeit, das nasse Element für kürzere Luftfahrten zu verlassen, hat in der Welt der Fische Tradition. Schon vor 200 Millionen Jahren lebte in der Tethys, dem frühen Ozean in der Gegend des heutigen Mittelmeers und der Alpen, Thoracopterus niederristi, ein erster Vertreter der Fliegenden Fische. In den Fossilienfunden sind die stark verbreiterten Brustflossen und der verlängerte Unterteil der Schwanzflosse deutlich zu erkennen. Das macht den archaischen Wasserflieger den heutigen Modellen erstaunlich ähnlich.

Puristen meinen, die Fliegenden Fische seien keine Flieger wie die Vögel, sondern dem Flugzeug vergleichbar. Denn beim Fliegenden Fisch sorgt (wie der Motor beim Flugzeug) allein der Schub durch die Schwanzflosse für die nötige Startgeschwindigkeit. Das anschliessende «Fliegen» ist dann lediglich ein passives Gleiten auf starren Flügeln. Anders der Vogel, bei dem das Auf und Ab der Flügel sowohl für Schub wie für Hub, also für den Antrieb wie für den Auftrieb, sorgt. Dass die Fliegenden Fische während des Fluges die Flossen nicht bewegen, zeigten Filmaufnahmen schon vor Jahrzehnten.

Echte Flieger wie die Vögel oder Schmetterlinge gibt es trotzdem im Reich der Fische - auch wenn sie zoologisch nicht zu den Flugfischen zählen. Im Amazonas lebt die zu den Salmlern gehörende Familie der Beilbauchfische (Gasteropelecidae). Lediglich etwa sechs Zentimeter lang, zeigen die Fische einen sehr speziellen Körperbau: Aus Teilen des Schultergürtels hat sich ein schmaler, weit nach unten reichender Brustknochen entwickelt, der wie ein Rundkiel am Fischkörper sitzt. An den grossen Seitenflächen des Knochens sind starke Brustmuskeln mit sichelförmigen Brustflossen verankert.

Dank dieser Physiologie kann der Fisch die Brustflossen wie Kolibriflügel schwirren lassen. Um in Fahrt zu kommen, beschleunigt der Beilbauchfisch nach Art moderner Gleitboote an der Wasseroberfläche, bis er nach etlichen Metern hoch auf seinem Rundkiel dahinrauscht. Mit raschem Flossenschlagen schwirrt das Tier schliesslich in die Luft und schafft so Flugstrecken von etlichen Metern. Beobachter erzählen, der Flug der Beilbauchfische sei von eigenartigem Summen begleitet.

Sind bei den Fliegenden Fischen und den Beilbauchfischen die Flugkünste unbestritten, kursieren über andere «fliegende» Fischarten recht unterschiedliche Meinungen. Schon die Griechen und Römer berichteten von «Schwalben» der Meere, die mit surrendem Geräusch ihrer Brustflossen aus dem Wasser in die Luft steigen. Gemeint war die Fischfamilie der Flughähne (Dactylopteridae), die im Mittelmeer und in den subtropischen Gewässern des Atlantiks und im indopazifischen Raum lebt. Mit Dornen und Stacheln bewehrt, sind die Fische offenbar recht giftig. Dank mächtigen, flügelähnlichen Brustflossen sollen Flughähne in grossen Schwärmen bis zu fünf Meter über die Wellen steigen und nach hundert Metern wieder ins Meer abtauchen. So löse sich Schwarm um Schwarm im Luftraum ab. Und wenn nachts durch das aufgewirbelte Plankton ein Feuerwerk phosphoreszierender Leuchtpunkte aufblitze, sei dies die marine Wunderschau.

Ob die gepanzerten Flughähne mit ihren dicken Schuppen und der eher kurzen Schwanzflosse überhaupt fliegen können oder ob die Beobachter sie allenfalls mit Fliegenden Fischen verwechselten, wird noch diskutiert. Ähnlich kontrovers sind die Meinungen über den Afrikanischen Schmetterlingsfisch (Pantodon buchholzi). Der in den Flüssen im tropischen Westafrika heimische Fisch wartet knapp unter der Wasseroberfläche regungslos, bis ein Insekt vor seiner Schnauze landet. Um sich die Beute auch aus der Luft zu holen, könne der Schmetterlingsfisch wie ein Falter über dem Wasser gaukeln, berichtete sein Entdecker Buchholz.

Gehört solches Luftleben heute ins Reich der Fabel, kennen Fischzüchter doch die Notwendigkeit, den Schmetterlingsfisch in gut abgedecktem Aquarium zu halten, denn er vermag auf seinen grossen Brustflossen in der Tat zwei Meter weit durch die Luft zu segeln.

Warum wollen Fische überhaupt in die Luft? Hauptmotiv ist vermutlich die Flucht vor Räubern. «Brehms Thierleben» schildert schon 1884, wie eine grosse Goldmakrele einen Schwarm Fliegender Fische jagte. Mit Sprüngen von sechs Metern Länge landete der Räuber möglichst dort, wo einer der Fliegenden Fische nach dem Gleitflug wieder eintauchen würde. Und die Fliegenden Fische versuchten ihrerseits die Goldmakrele auszutricksen, indem sie bei jedem Neustart die Flugrichtung wechselten, ähnlich wie Hasen, die hakenschlagend ihr Heil suchen. Dank ihrer Körperkraft und Ausdauer räumte die Goldmakrele schliesslich einen um den andern der schlaffer gewordenen Flieger ab.

Die luftige Flucht der Fische kann auch vom Regen in die Traufe führen. Es war wiederum Brehm, der beschrieb, wie ein durch die Luft sausender Schwarm Flughähne von Möwen und Sturmvögeln erwartet und mit akrobatischem Manöver im Luftraum geerntet wurde.

Alexander Freiherr von Humboldt warf im 19. Jahrhundert auch noch ein poetisches Argument in die Diskussion: «Ich bezweifle, dass sich die fliegenden Fische einzig und allein, um der Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den Schwalben schiessen sie zu tausenden fort, geradeaus und immer gegen die Richtung der Wellen . . . als gewähre es ihnen Vergnügen, Luft zu athmen.»


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