NZZ Folio 10/92 - Thema: Die EG - Modell und Wirklichkeit   Inhaltsverzeichnis

Portfolio -- Lipizzaner - die barocken Prunkpferde

Von Claudia Kühner

Sind sie das wirklich? Diese verspielten, zierlichen jungen Hengste in allen Farbschattierungen zwischen Braun und Grau, die hier oben auf der Alm grasend dahinziehen, dazwischen raufen und ihre Kräfte messen, auf der Hinterhand, schnaubend? Das also sollen Lipizzaner sein, die Prachthengste, wie man sie aus der Spanischen Reitschule kennt? Sie sind es wirklich. Was sich hier auf den Weiden des steiermärkischen Piber tummelt, das sind die jungen Tiere, die äusserlich (noch) wenig gemein haben mit dem makellosen und kraftvollen weissen Pferd, das wie kein anderes in der Welt die Hohe Schule beherrscht. Bis zum Empire etwa waren die Lipizzaner keineswegs nur weiss gewesen - es gab Falben, Isabellen, Braune, Gescheckte. Erst dann setzte sich, aus rein geschmacklichen Beweggründen, in der Zucht das Weiss der Schimmel durch. Geboren werden die Pferde aber immer grau oder braun. Mit jedem Haarwechsel werden sie dann um eine Nuance heller, und erst nach sieben bis zehn Jahren sind sie schneeweiss.

Der Lipizzaner ist so etwas wie ein lebendes Kulturdenkmal aus einer früheren Epoche - er ist das Prunkpferd des Barock und die älteste Kulturpferderasse Europas. Seine Ursprünge gehen zurück bis ins Jahr 1580, als der Sohn des österreichischen Kaisers Ferdinand I. in einem verwahrlosten istrischen Dörfchen mit Namen Lipica nahe Triest ein Gestüt gründete. Hier sollten Pferde für den Wiener Hof gezüchtet werden.

Zwar gab es in dieser Karstgegend nicht viel mehr als spärliches Gras, ein paar Kräuter und viele Steine; dennoch waren hier schon seit der Griechenzeit Pferde gezüchtet worden. 24 Stuten und 9 Hengste wurden zum Grundstock der Lipizzanerzucht. Die Stuten waren bodenständige Karststuten, die Hengste hatte man aus Spanien geholt - daher die Bezeichnung Spanische Reitschule -, denn im 16. und 17. Jahrhundert wurden in Spanien die prächtigsten und berühmtesten Pferde von ganz Europa gezüchtet. Jeder Fürstenhof bemühte sich um diese edlen Tiere. Deren Urahnen wiederum und damit auch jene der Lipizzaner waren Berberpferde aus Nordafrika, die die Mauren um 800 n. Chr. nach Spanien mitgebracht hatten.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als Istrien an Italien gefallen war, musste der Gestütsbetrieb in Lipica aufgegeben werden. 1920 fanden die Pferde schliesslich ihre neue Heimat in Piber bei Graz, auf einem herrlichen barocken Schlossgut, wo schon seit langem für das Heer Pferde gezüchtet worden waren.

Diese voralpine Gegend weist Ähnlichkeiten mit der Karstlandschaft um Lipica auf und stellte sich als die richtige Wahl heraus. Das Klima kann relativ rauh werden, und die Almen, wo die jungen Tiere den Sommer verbringen, sind steil und steinig. Aber nur so werden die Pferde widerstandsfähig. Lipizzaner sind alles andere als verzärtelte Tiere, und die Anforderungen sind hoch. Das Pferd soll hart sein, ausdauernd, gehfreudig, gelehrig, fromm und genügsam. Artgerechte Pflege danken die Tiere dafür mit einem biblischen Alter: Wenn Pferde anderer Rassen längst ihr Gnadenbrot fressen oder so alt gar nicht werden, tun nicht wenige Hengste mit 20 oder gar 25 Jahren in der Spanischen Reitschule noch ihren anstrengenden Dienst und werden in Piber als Deckhengste eingesetzt.

Die einzige Aufgabe des Gestüts sind die Züchtung des barocken Prachtpferdes von einst und die Sicherung des Pferdenachwuchses für die Spanische Reitschule. Mit dreieinhalb Jahren fängt ein Lipizzaner seine Ausbildung und den Dienst in der Spanischen Reitschule an, und es braucht einen zehn- bis fünfzehnjährigen Prozess des Lernens, Übens und Trainierens, bis das Pferd und sein Bereiter zusammen die einzigartige Harmonie und Perfektion erreicht haben.

Insgesamt leben in Wien und Piber 320 Lipizzaner, und beschäftigt sind in den beiden Institutionen 130 Mitarbeiter. In den Stallungen der Wiener Hofburg stehen an die 70 Hengste aller Alters- und Ausbildungsstufen, während in Piber vor allem Stuten leben: 85 Zuchtstuten (10 Reservestuten), 4 bis 5 Deckhengste, 48 heurige Fohlen, 56 ein- bis dreijährige Hengste und 58 Jungstuten bevölkern zurzeit Ställe und Weiden.

Für die Zucht, so die unumstössliche Regel, sind nur die besten Pferde gut genug. Jeden Herbst beurteilt eine Musterungskommission die dreijährigen Junghengste danach, ob sie für die Hohe Schule geeignet sind. Und nur etwa ein Drittel der Fohlen wird für geeignet befunden. Aus Wien wiederum kommen nur die leistungsbesten, charaktervollsten und schönsten Hengste für ein bis drei Jahre zurück, um ihre Eigenschaften weiterzugeben. Genauso streng werden die Stuten für das Zuchtprogramm ausgesucht, danach etwa, ob sie sich mehr zum Reit- oder zum Fahrpferd eignen, dazu nach Aussehen und Charakter. Denn die Spanische Reitschule ist nicht nur eine schöne Schau - die Hohe Schule ist mit keiner anderen Leistungsprüfung vergleichbar und stellt an Pferd wie Reiter die höchsten nur denkbaren Ansprüche.

Spanische Reitschule und Gestüt in Piber repräsentieren österreichische Kultur wie die Sängerknaben, Mozart und die Philharmoniker. Sie sind aber, profaner gesagt, auch ganz gewöhnliche Staatsbetriebe mit einem Ausgabenbudget. Das beträgt umgerechnet annähernd 7 Millionen Franken. Unter der Leitung des noch jungen und initiativen Veterinärmediziners Dr. Jaromir Oulehla, der beiden Institutionen vorsteht, werden davon runde 5 Millionen zurückerwirtschaftet: durch Einnahmen der Spanischen Reitschule, durch den Touristenstrom, der jährlich 100 000 Besucher nach Piber bringt, in kleinerem Mass auch durch den Verkauf von Tieren.

Denn jene Hengste und Stuten, die für die Zucht nicht geeignet erscheinen, gehen als Reit- oder Fahrpferde zumeist an private Interessenten. 3000?4000 Franken muss man für ein halbjähriges Fohlen auslegen, und für ein Tier von dreieinhalb Jahren kann der Preis bereits auf 20 000 Franken steigen. (Auch Fredy Knie sen. kauft Lipizzaner für seine Pferdedressur in Piber.) Seit 1983 hat sich der Erlös aus dem Verkauf der Tiere verzehnfacht, und im kommenden Jahr findet - ein Ereignis für jeden Pferdeliebhaber - in Deutschland zum erstenmal eine Auktion mit Lipizzanern aus Piber statt.

Das Tier stammt aus dem Barock, doch die Betreuung ist ganz von heute: Gerade schliesst man in Piber die elektronische Erfassung der Zuchtdaten aller Pferde ab, so dass man am Bildschirm die Daten jedes Tieres bis fünf Generationen zurück verfügbar hat. So weit muss man gehen, um Abstammung und Reinrassigkeit nachzuweisen. Erfasst sind bei den männlichen Tieren die berühmten sechs Hengststämme, deren Namen in den Ohren jedes Lipizzanerkenners vertraut klingen und deren Ursprünge sich im 18. Jahrhundert finden. Die damals in die Zucht eingeführten Stammväter sind: der Schimmel Pluto, 1765 geboren, Conversano, ein 1767 geborener Rappe italienischer Herkunft, Neapolitano, ein 1790 geborener Brauner aus Italien, der Falbe Favory, 1779 in der Tschechoslowakei geboren, Maestoso, ein 1773 geborener Schimmel, ebenfalls aus der Tschechoslowakei stammend, und Siglavy, ein 1810 geborener Araberschimmel, den Fürst Schwarzenberg aus Arabien mitgebracht hatte. Die Stuten werden in Stutenfamilien eingeteilt, von denen es in Piber an die zwanzig gibt. Von welchen Eltern ein Fohlen abstammt, lässt sich am Namen erkennen. Siglavy Beja zum Beispiel hat einen Siglavy-Abkömmling zum Vater und Beja zur Mutter.

Lipizzaner werden indes nicht nur in Piber gezüchtet. Es existieren Gestüte vor allem in den früheren Kronländern, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Rumänien, und selbst im angestammten Lipica gibt es sie wieder (sie sind dort zwischen die Fronten des jugoslawischen Bürgerkriegs geraten). Überall wird aber nach anderen Anforderungen gezüchtet als in Piber: in Rumänien sind es leichte Arbeitspferde, andernorts Reitpferde für den «Normalreiter». Das klassische, das barocke Reitpferd, dieser in seiner Erscheinung unverwechselbare Schimmel, ihn gibt es nur in Piber. Und aus jedem der ausgelassenen Jungpferde auf der Almweide wird ein Prachtpferd werden - auch wenn es heute noch nicht danach aussieht.


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