TIERE SIND VON NATUR aus Egoisten, der Mensch eingeschlossen. Denn Selbstlosigkeit kostet Kraft und lohnt sich in der Regel nicht. Wenn Tiere trotzdem mit Artgenossen kooperieren, liegen der Freundlichkeit gemeinsame Interessen wie Futter oder Sex zugrunde.
Diese können sogar verschiedene Tierarten zusammenbringen. So finden sich in der afrikanischen Savanne Impalaherden und Paviantrupps zu einem Zweckverband: Während die aufmerksamen Antilopen eine anschleichende Raubkatze früh erkennen und mit ihrer Flucht auch die Affen warnen, profitieren die Antilopen von der erbitterten Verteidigung der Paviane, falls es dennoch zum räuberischen Angriff kommt.
Eine der ungewöhnlichsten Partnerschaften pflegen ein kleiner Vogel und ein kräftiger Vierbeiner. Schon vor dreihundert Jahren berichteten Afrikareisende von einem drosselgrossen Vogel, der mit lautem Rufen ein dachsähnliches Raubtier zu den Baumnestern von Wildbienen führe. Dann klettere der Räuber behende auf einen Baum, öffne mit seinen Krallen das im Stamm verborgene Nest und fresse die honigtriefenden Waben. Was nach der Schlemmerei in der Baumhöhle oder am Boden verstreut übrigbleibe, hole sich das Vögelchen gleichsam als «Führerlohn».
Spätere Beobachtungen bestätigten diese Berichte und etablierten den legendären «Bienenverrätherkukuk» als «Honiganzeiger», eine Vogelfamilie mit siebzehn Arten, die in Afrika südlich der Sahara, am Südhang des Himalaja und in Südostasien von Thailand bis Borneo leben.
Indicator indicator, der Schwarzkehl-Honiganzeiger, ist in Kenya heimisch. Mit lautem «tirr, tirr» macht der Vogel auf sich aufmerksam, sobald er einen Ratel sieht. Wegen seines muskulösen Körperbaus und des schwarzen Fells mit dem Silberrücken wird der Ratel auch Honigdachs genannt, biologisch jedoch ist er dem Marder verwandt.
Kommt der Honigdachs näher und antwortet mit einem Grunzen, fliegt der Vogel in wippendem Flug fort, wobei er immer wieder ruft und den Schwanz mit den weissen Randfedern wie eine Flagge spreizt. Etwa fünfzig Meter entfernt wartet der Honiganzeiger auf einem Ast, bis der Ratel nachgetrottet ist. So geht die Reise weiter und weiter, manchmal bis zu einer Stunde lang und mehr als einen Kilometer weit durch den Wald.
Plötzlich bleibt der Vogel auf einem Baum sitzen und hört auf zu rufen – das Zeichen für den Ratel, in unmittelbarer Nähe nach dem summenden Bienennest zu suchen. Flink knackt der Räuber mit Krallen und Vorderarmen die Baumhöhle und frisst die honiggefüllten Wabenteile. Vor den Stichen der wütenden Bienen schützt ihn eine sehr dicke und derbe Haut; als zusätzliche Waffe trägt er unter dem Schwanz eine Duftdrüse, deren stark riechendes Sekret die Bienen betäuben soll.
Hat der Honigdachs das Feld wieder geräumt, macht sich der Vogel über die in den Waben verbliebenen Bienenlarven und das Wachs her. Wie sehr der Honiganzeiger auf Wachskonsum spezialisiert ist, zeigen die Bakterien im Vogeldarm, die den Bienenwachs in einfache Fettsäuren spalten und so verdaulich machen.
Laut neueren Erkenntnissen kann der bienensuchende Honiganzeiger das Wachs selbst auf grössere Distanz riechen. Was den Bericht eines portugiesischen Missionars aus dem 16. Jahrhundert plausibel macht, laut dem solche Vögel ins Innere einer Kirche geflogen seien, wo sie auf dem Altar an den Wachskerzen geknabbert hätten.
Irgendwann in der Entwicklungsgeschichte begann der Honiganzeiger, auch Menschen zum gemeinsamen Jagen zu animieren. In Nordkenya pflegt das Nomadenvolk der Boran noch heute das traditionelle Joint Venture. Mittlerweile wartet der Mensch aber nicht mehr, bis ihn der Vogel rekrutiert, sondern ergreift selber die Initiative.
Macht sich ein Boran auf Honigsuche, marschiert er in den Busch und pfeift schrill, indem er über die geschlossene Faust oder ein leeres Schneckenhaus bläst. Nicht selten fliegt innert Minuten ein Honiganzeiger herbei und meldet sich mit lautem Gezwitscher. Dann nimmt der Vogel den Menschen ins Schlepptau, wobei der Nomade bemüht ist, durch lautes Reden und Pfeifen seinen Führer bei Laune zu halten.
Unter dem Bienenbaum muss der Mensch das fehlende dicke Fell durch Know-how kompensieren: Mit einem rauchenden Holzfeuer treibt er das Bienenvolk in die Flucht und macht so den Weg frei für die Kletterpartie und das Ausräumen des süssen Vorrats mit Buschmesser und Stock. Wie es sich für ein faires Geschäft gehört, lässt der Nomade am Fuss des Baumes eine Portion der Wabe für seinen gefiederten Jagdkumpel zurück.
Dass sich die Zusammenarbeit mit dem Vogel durchaus lohnt, zeigt die Studie des kenyanischen Zoologen Hussein Adan Isack aus dem Jahr 1987: Während ein Boran ohne Vogelhilfe für eine Bienennestsuche im Durchschnitt 8,9 Stunden braucht, findet er unter der kundigen Führung eines Honiganzeigers innert 3,2 Stunden ein Nest.
Unter Verhaltensforschern herrschte lange Zeit die Meinung vor, der Honiganzeiger wisse nicht im Voraus, wo die Bienennester seien, und könne deshalb Raubtier oder Mensch gar nicht gezielt zur Beute führen. Vielmehr reagiere der Vogel auf die Anwesenheit eines potentiellen Jagdgesellen mit dem entsprechenden Lockverhalten. Der Vogel versuche dann, die Begleitung so lange bei der Stange zu halten, bis er per Zufall auf ein Bienennest stosse.
Eine Episode wies jedoch darauf hin, dass der Vogel sehr wohl die Bienennester in seinem Revier kennt und den Honigsucher zum jeweils nächstliegenden Topf führt: Ein englischer Captain campierte in Afrika mit einem Trupp einheimischer Soldaten im Busch. Als ein Honiganzeiger auf einem Ast bei den Zelten landete und beharrlich zum Mitkommen aufforderte, wollte der Captain keinen der Leute gehen lassen.
Er dislozierte die Mannschaft per Lastwagen acht Kilometer weit zu einem anderen Camp. Kaum dort angelangt, war der Vogel schon wieder aufdringlich am Betteln. Jetzt liess der Captain einen der Männer dem Vogel folgen. Und nur wenige hundert Meter vom zweiten Camp entfernt blieb der Honiganzeiger neben einem Bienennest sitzen.
Den Beweis für ein gezieltes Führen zum Bienennest lieferte schliesslich 1989 eine Studie, die Hussein Isack zusammen mit dem deutschen Zoologen Heinz-Ulrich Reyer (heute Professor für Ökologie an der Universität Zürich) wiederum in Kenya machte: Isack, selber ein Boran, führte ausführliche Interviews mit den Nomaden und liess sie über die Kooperation mit den Honiganzeigern erzählen. Dabei beteuerten die Nomaden, der Vogel informiere sie nicht nur über die jeweilige Richtung zum Bienennest, sondern auch über die Distanz und das Ende des Jagdflugs.
Die beiden Forscher prüften die erstaunliche Aussage, indem sie eine Vielzahl von Flugrouten beim «Honigzeigen» exakt kartierten. Und es ergab sich, dass die Abflugrichtungen durchschnittlich auf ein halbes Grad genau zum Bienennest zeigten. Auch nahmen sowohl die Abstände der Zwischenlandungen wie auch die Höhe der Landepunkte über dem Boden umso stärker ab, je näher der Vogel dem Bienennest kam.
Unmittelbar beim Ziel änderte der Honiganzeiger sein Verhalten: Er rief jetzt mit einer Serie sanfter Töne und blieb dann stumm. Näherte sich nun der Mensch, wechselte der Vogel zu einem nahen Ast, wobei er manchmal eine Schleife um den Baum mit dem Bienennest flog.
Zwei weitere Behauptungen der Boran konnten die Forscher mangels Daten zwar nicht verifizieren. Da die Angehörigen des Naturvolks sich aber bei allen anderen Aussagen als hervorragende Beobachter erwiesen hatten, dürften auch diese beiden stimmen: Wenn der Honiganzeiger auf seinem Flug unter der Baumwipfelhöhe bleibt, befindet sich das Bienennest in Bodennähe. Ist das Nest ziemlich weit entfernt (zwei Kilometer oder mehr), schwindelt der Honiganzeiger betreffend der Distanz, indem er kürzere Teilstrecken fliegt, als er gemäss der wahren Distanz eigentlich sollte.
Wie lernt der junge Honiganzeiger sein Verhalten? Von den Eltern sicher nicht. Denn alle Honiganzeiger sind Brutparasiten. Das Weibchen legt seine Eier wie der Kuckuck in fremde Nester und macht sich dann aus dem Staub.
Der frisch geschlüpfte Honiganzeiger, fast immer ein Einzelkind, ruiniert mit speziellen Schnabelzacken sämtliche anderen Eier und Nestlinge und verlässt schliesslich das Nest seiner Pflegeeltern, ohne seine echten Eltern je gekannt zu haben. So hat er die Kooperation am Bienennest wohl von klein auf im Blut, wobei der Vogel im Lauf der Evolution zuerst auf den Ratel als Jagdgehilfen kam und später das vererbte Talent auch auf den Menschen anzuwenden lernte.
Wie sehr der Honiganzeiger sowohl vom dicken Fell des Ratels als auch von der Rauchwaffe des Menschen profitiert, zeigen Funde von toten Honiganzeigern, die mit Hunderten von Stichen unter einem Bienenbaum lagen, den sie vermutlich im Alleingang zu knacken versucht hatten.