Keiner von Alan Nevills über 130 wissenschaftlichen Artikeln erregte auch nur annähernd die Aufmerksamkeit des kurzen Briefs, den er 1999 der Fachzeitschrift «Lancet» schickte. Der Wissenschafter von der Universität Wolverhampton in England konnte seinen Namen danach in der «Washington Post» lesen und auf BBC hören. Alan Nevill hatte aber weder ein Malariamedikament entdeckt noch Einstein widerlegt. Er hatte den Heimvorteil im Fussball enträtselt. Mit einem raffinierten Experiment hatte der Statistiker herausgefunden, warum eine Mannschaft zu Hause eher gewinnt als auswärts.
Fussball und Wissenschaft sind auf den ersten Blick ein unwahrscheinliches Paar. Doch in Wahrheit gibt es keinen auch noch so entlegenen Aspekt dieses Spiels, der einem Wissenschafter nicht eine Studie wert wäre. In der Zeitschrift «Athletic Insight» etwa zum Thema «Kompetenzerwartung und psychologische Fähigkeiten an der Fussballweltmeisterschaft der Amputierten», in den «North American Society for Sport History Proceedings» über «Fussballspieler und andere Helden der lateinamerikanischen Sportpoesie» oder im «Journal of the Philosophy of Sport» zu «Im Zentrum des schönen Spiels: auf dem Weg zu einer Merleau-Pontischen Phänomenologie des Fussballs». Mit «Soccer & Society» haben die Fussballforscher seit 2000 sogar ihre eigene Fachzeitschrift. Darin schreiben sie über «Die frühe Geschichte des indischen Fussballs» oder «Die Ehefrauen von Fussballern: die Rolle der Partnerin eines Fussballspielers bei der Konstruktion einer idealisierten Männlichkeit». Der «Erste Weltkongress für Wissenschaft und Fussball» fand übrigens 1987 statt, der «Erste internationale Kongress der Sportmedizin angewendet auf Fussball» schon acht Jahre früher.
Torjubelverletzungen
Aus der Medizin kommt denn auch ein grosser Teil der Fussballforschung. Das hat vor allem damit zu tun, dass für einen Teil der Fussballer das Spiel nicht nach neunzig Minuten, sondern nach einer Oberschenkelzerrung endet. Wer in einer Medizindatenbank nach Fussballverletzungen sucht, stösst auf die erwarteten Kreuzbandrisse und Kontaktallergien auf Schienbeinschoner.
Zu ernsthaften Verletzungen kommt es überraschenderweise auch bei den Jubelszenen nach Toren. Paulo Diogo von Servette Genf verlor 2004 seinen linken Ringfinger, als er nach einem Tor an einem Absperrgitter hochsprang und sich mit dem Ehering darin verhakte. Daraus den Schluss zu ziehen, nur Ehemänner sollten nach einem Tor nicht zu sehr jubeln, wäre allerdings falsch. Von 152 Verletzungen – zum Teil unverheirateter – türkischer Fussballspieler, die für die Studie «Torjubelverletzungen unter Fussballspielern» im «American Journal of Sports Medicine» untersucht wurden, stammten neun von «Post-Goal Celebrations». Sie reichten von Bänder- und Muskelzerrungen über Schlüsselbein- und Rippenbrüche bis zu einer Fraktur des Fussgelenks, die eine Operation nötig machte. Als Folge ihrer überschwänglichen Freude mussten diese Spieler durchschnittlich fünf Wochen pausieren.
Schutzalter für Kopfbälle
Besondere Aufmerksamkeit schenkte die Sportmedizin in letzter Zeit dem Kopfball. Nach einer Zählung in englischen Ligen muss ein Spitzenfussballer in seiner Karriere mit 2000 Kopfbällen rechnen (ohne Training). Das sind 2000 Schläge an den Kopf, bei denen der Ball Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde erreicht. Diese Tatsache liess die Fussballer in der Beliebtheitsskala der Neurologen zu den Boxern aufschliessen. Nach einer langen Reihe psychologischer Tests und Gehirnscans ist allerdings immer noch umstritten, welche Wirkung die Schläge haben. Einige Studien fanden bei kopfballstarken Spielern Gedächtnisstörungen und Konzentrationsschwächen, andere konnten keine Unterschiede zwischen Spielern mit häufigem Ball-Kopf-Kontakt und anderen nachweisen.
In den USA ist der Streit um die Wirkung des Kopfballs zum Kulturkampf ausgeartet. Mit dem Aufkommen des Fussballs bei der Jugend wurde das Angstrepertoire der Mütter am Spielfeldrand um eine neue erweitert. Im Oktober 20 0 1 hielt das Institute of Medicine at the National Academy of Sciences eine eintägige Konferenz zum Thema Kopfball ab. Doch die Wissenschafter konnten sich nicht einigen. Die einen fanden, der gegenwärtige Forschungsstand würde kein Kopfballverbot für Kinder rechtfertigen, andere wollten das Schutzalter für Kopfbälle auf 1 8 Jahre setzen. Der Mediziner David Janda vom Institut für präventive Sportmedizin in Ann Arbor, Michigan (USA), will bei Kindern, die den Ball oft mit dem Kopf spielen, «kleine, aber messbare verbale Defizite» festgestellt haben. Er empfiehlt Anfängern, beim Fussball Helme zu tragen, und wird mit den Worten zitiert: «Wir sind daran, einen Haufen kleiner Mohammed Alis hevorzubringen.» Der Mangel an europäischen Kopfballstudien, den Janda ausmacht, hält er für die Folge des Unwillens des «fussballverrückten Europa», die Ikone Fussball zu kritisieren.
Selbst wer in seinem Leben nie einen Kopfball spielen wird und Fussball grundsätzlich nur mit der Fernbedienung betreibt, hat die Chance, zur Fallstudie in einer Medizinfachzeitschrift zu werden. So wie jener 38-jährige Londoner, der sich während der Fussballweltmeisterschaft 1 986 derart über die schlechte Leistung seiner Mannschaft aufregte, dass er nach ihrer Niederlage gegen Portugal augenblicklich einen Ausschlag bekam. Als vier Tage später beim Spiel England gegen Marokko ein englischer Spieler vom Platz musste, kam das Nesselfieber wieder, worauf er am nächsten Tag einen Arzt besuchte. Der Artikel über «den ersten gemeldeten Fall von Nesselfieber, verursacht von der Frustration, der englischen Mannschaft beim Spielen zuzusehen», wurde im «Journal of the Royal Society of Medicine» publiziert.
Heimvorteil: ein halbes Tor pro Spiel
Da beschäftigt sich Alan Nevill mit wichtigeren Dingen. Der Heimvorteil gehört zu jenen faszinierenden Phänomenen im Fussball, die einfach zu belegen, aber schwer zu erklären sind. Dass eine Mannschaft eher gewinnt, wenn sie zu Hause spielt, lässt sich leicht überprüfen: In mehreren grossen Studien haben Statistiker festgestellt, dass von insgesamt 40 493 Spielen 68,3 Prozent die Heimmannschaft gewann. Ungefähr ein halbes Tor pro Match geht auf das Konto des Heimvorteils (für alle, die nicht mit halben Bällen spielen: in jedem zweiten Spiel fällt ein unverdientes Tor zugunsten der Heimmannschaft).
Drei mögliche Gründe sind den Wissenschaftern dazu eingefallen: die Reise zum Spielort, die Vertrautheit mit dem Stadion, die Unterstützung durch die Zuschauer. Die Reise konnte bald ausgeschlossen werden. Es zeigte sich, dass die Distanz, die eine Mannschaft zurücklegte, in keinem Zusammenhang stand mit der Tendenz, auswärts zu verlieren. Auch Teams, die bloss in der Nachbarstadt antraten, bekamen den Auswärtsnachteil zu spüren. Die Vertrautheit mit dem Stadion konnte ebenso wenig der Grund für den Heimvorteil sein, sonst hätten zum Beispiel Mannschaften mit Kunstrasen im Heimstadion – wie es ihn in England vorübergehend gab – auswärts auf richtigem Rasen überproportional schlecht abschneiden müssen. Das war aber nicht der Fall.
Blieben noch die Zuschauer. Nevill analysierte die Zuschauerzahlen in verschiedenen englischen Ligen und sah, dass der Heimvorteil mit der Anzahl Matchbesucher zunahm. Wird die Heimmannschaft auf den Wogen des Jubels ihrer Fans zu besonderen Leistungen getragen? Nevill zweifelte daran, denn bei Sportarten wie Golf oder Tennis, bei denen das subjektive Urteil des Schiedsrichters eine kleinere Rolle spielt als im Fussball, gibt es keinen Heimvorteil. Seine Statistik zeigte, dass der Schiedsrichter nur 30 Prozent der Regelverstösse bei der Heimmannschaft sah. Konnte es sein, dass Tausende von tobenden Fans den Unparteiischen parteiisch werden liessen?
Um das herauszufinden, entwarf Nevill 1999, was seine berühmteste Studie werden sollte: Er spielte elf Fussballern, Schiedsrichtern und Trainern am Bildschirm 52 Fouls ab. 26 wurden von der auswärts spielenden Mannschaft begangen, 26 von der Heimmannschaft. Das Band wurde jeweils kurz vor der Entscheidung des offiziellen Schiedsrichters gestoppt, und die Versuchsteilnehmer mussten ihr Urteil abgeben. Die entscheidende Versuchsbedingung: Sechs der Testschiedsrichter bekamen die Szenen ohne Ton zu sehen, fünf mit. Das Resultat: Mit den Schlachtrufen der Fans im Ohr fiel das Urteil signifikant zugunsten der Heimmannschaft aus. Offenbar liessen sich die Schiedsrichter im Zweifelsfall von den Zuschauern leiten. Nevill führt einen grossen Teil des Heimvorteils auf diesen Effekt zurück. Das halbe Tor schiesst der zwölfte Mann, wie das Publikum im Fussball genannt wird.
Wer Schwarz trägt, spielt aggressiver
Einen ganz anderen Vorteil kann sich eine Mannschaft mit der Farbwahl ihrer Trikots ergattern. Das stellten Mark Frank und Thomas Gilovich von der Cornell University, New York, 1988 in einer Studie fest. Schwarz ist in den meisten Kulturen die Farbe des Bösen und des Todes. Die beiden Forscher fragten sich, ob, wer Schwarz trägt, als aggressiver wahrgenommen wird oder sich sogar aggressiver verhält. Die Zählung der Strafen in der National Football League (NFL) und der National Hockey League (NHL) legten diesen Schluss nahe: Mannschaften, die in Schwarz spielten, erhielten mehr Strafminuten als die anderen. Auch wurden Spieler von Mannschaften, die ihre Trikotfarbe von einer Saison zur nächsten wechselten, danach häufiger bestraft, wenn die neue Bekleidung schwarz war.
Mit einer Videoaufnahme, bei der eine Mannschaft in identischen Spielszenen einmal Schwarz und dann Weiss trug, konnten die Forscher nachweisen, dass der Schiedsrichter die Spieler härter bestrafte, wenn sie in Schwarz antraten. Doch das erklärt noch nicht den ganzen Effekt: Als die Forscher die Versuchspersonen unter einem Vorwand baten, schwarze oder weisse T-Shirts anzuziehen, veränderte sich ihr Verhalten: Aus einer Liste von zwölf unterschiedlich aggressiven Sportarten, an deren fünf sie teilnehmen konnten, wählten die Versuchsteilnehmer in Schwarz die aggressiveren aus. Offenbar sehen Spieler in Schwarz eher rot als solche in Weiss.
Bessere Gewinnchancen im roten Trikot
Wo wir gerade bei Rot sind: Eine Analyse der Wettkämpfe in vier Kampfsportarten an den Olympischen Spielen 2004, bei denen den Kontrahenten zufällig blaue und rote Tenues zugeteilt wurden, zeigte, dass die Kämpfer in den roten Tenues eher gewannen. Fussballexperten wird es nicht überraschen, dass, was für den Kampfsport gilt, auch beim Fussball nicht ganz falsch sein kann. Bei der Fussball-Europameisterschaft 2004 haben die Mannschaften in Rot eher gewonnen. Wenn man die Spielstärke der Mannschaften berücksichtigt, zeigt die Analyse der Evolutionsanthropologen Russel Hill und Robert Barton von der Universität Durham (England), dass Kroatien, die Tschechische Republik, England, Lettland und Spanien in ihren roten Trikots durchschnittlich 0,97 Tore mehr erzielt haben, als wenn sie andersfarbige trugen (jede Mannschaft hat zwei Trikotfarben, die je nach der Farbe des Gegners getragen werden).
Warum Rot auf diese Weise wirkt, ist unklar. Die Forscher glauben, dass der Effekt ein Erbe aus unserer Stammesgeschichte ist. Bei vielen Tieren ist Rot das Zeichen von Dominanz. Der dreizehnte Mann auf dem Spielfeld muss also Darwin sein, der uns ständig an unsere Herkunft erinnert. Die Auswertung der Spiele zeigte, dass nicht in Rot spielende Teams defensiver spielten, zu weniger Torchancen kamen und vom Schiedsrichter häufiger gemassregelt wurden als ihre roten Gegner. «Obwohl viele Faktoren die Resultate im Sport beeinflussen, ist es auffallend, dass die erfolgreichsten englischen Mannschaften der letzten Jahrzehnte – Liverpool, Manchester United und Arsenal – Rot trugen», schreiben die Forscher.
Warum die Schweizer trotz rotem Trikot an der EM 2004 in der Vorrunde ausschieden, bleibt ein Rätsel. Vielleicht wäre es an dieser Weltmeisterschaft ratsam, die roten T-Shirts nicht erst nach dem Spiel zu tauschen, sondern schon vorher – gegen 0,97 Tore natürlich.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ-Folio.