NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Des Schweizers Telefon

Was die Liberalisierung gebracht hat - und was nicht.

Von Kurt Pelda

Wenn Liberalisierung zu Mehrarbeit führt, herrscht nicht überall Freude. Der Justiz etwa bereiten die neu gewonnenen Freiheiten der Telefonbenützer in der Schweiz Kopfschmerzen. Statt mit einem einzigen staatlichen Fernmeldemonopolisten müssen sich die Ermittlungsbeamten nun mit verschiedenen Anbietern herumschlagen, die das Bespitzeln nicht zu ihren Kernkompetenzen zählen und andere Prioritäten setzen als die Behörden. Abhör- und Überwachungsaktionen werden komplizierter und zeitaufwendiger.

Besonders lästig ist der Einzug des Marktes in der mobilen Telefonie. Längst sind Drogendealer und andere dunkle Gestalten aufs Handy umgestiegen, das ihnen handfeste Vorteile bietet. Mittlerweile weiss man zwar, dass auch digitale Mobiltelefone abgehört werden können. Das Natel easy von Swisscom und die entsprechenden Produkte der Konkurrenz sind in Verbrecherkreisen aber immer noch äusserst begehrt. Für den Kunden sind sie einfach im Erwerb und in der Benützung. Den Beamten hingegen fällt es schwer, diese Geräte zu registrieren, weil die Gebühren von einem im voraus bezahlten Guthaben abgebucht werden.

Das war natürlich schon vor der Liberalisierung so. Doch seitdem neben Swisscom auch die jungen Firmen Diax und Orange um die Gunst der mobilen Kundschaft buhlen, gibt es grössere Schwierigkeiten. Die Polizei will nämlich nicht nur abhören. Manchmal will sie auch wissen, mit wem ein Verdächtiger in der Vergangenheit telefoniert hat. Weil Swisscom für ankommende Telefonate beim Natel easy Gebühren verrechnet und das Aufbewahren von Rechnungsdaten während sechs Monaten gesetzliche Pflicht ist, lässt sich hier jeder Gesprächspartner im nachhinein leicht ermitteln. Diax und Orange wollen und müssen jedoch günstiger sein und bieten eingehende Telefonate zum Nulltarif an. Wo keine Gebühren erhoben werden, fallen auch keine Rechnungsdaten an. Das gefällt den Behörden nicht.

Die meisten Mobiltelefonierer kümmern sich allerdings kaum darum, wer ausser dem Gesprächspartner sonst noch mithört. Besonders Männer scheinen die Distanz zum unsichtbaren Gegenüber überbrücken zu wollen, indem sie besonders laut ins Mikrophon sprechen. Und immer weniger Leute nehmen an solchem Gehabe Anstoss, möglicherweise weil in immer mehr Taschen auch ein Telefon auf den nächsten Anruf wartet. Selbst in Kreisen, in denen Handys noch vor kurzem als absolut uncool galten, hat sich die neue Kommunikationsgewohnheit etabliert. Telefoniert wird immer und überall, in der Szenebar, auf dem Velo oder auf der Toilette.

Bevor das Natel von Swisscom im letzten Dezember Konkurrenz von Diax erhielt, besass etwa jeder vierte Schweizer ein Mobiltelefon, und pro Monat kamen 50 000 neue Natel-Kunden dazu. Die massiven Werbekampagnen von Diax und Orange haben dem Markt im Zusammenspiel mit zahllosen Medienberichten gewaltigen Auftrieb verliehen. Mittlerweile wächst der Markt um monatlich schätzungsweise 100 000 Handykunden, davon melden sich mehr als 40 000 bei Diax an. Bei Orange, die ihr Netz Ende Juni eingeschaltet hat, hält sich der Ansturm noch in Grenzen.

Inzwischen besitzt jeder dritte Schweizer ein Mobiltelefon, die Kinder mitgerechnet, und noch ist kein Ende des Booms abzusehen. Die Kettenreaktion ist in vollem Gange: Je mehr mobil telefoniert wird, desto schneller wächst die gesellschaftliche Akzeptanz der Handys und desto nützlicher erscheint es, ebenfalls dauernd erreichbar zu sein. Dass aus den klobigen Mobiltelefonen von anno dazumal modische Accessoires wurden, die trotz kleineren Ausmassen immer mehr können, hat die Handyeuphorie zusätzlich angeheizt.

Natürlich tragen auch die sinkenden Gerätepreise zum rasanten Marktwachstum bei. So hat Diax damit begonnen, den Detailhändlern für jeden Neuabonnenten etwa 300 Franken zu zahlen. Die Verkäufer wiederum benützen einen Teil dieser Summe, um die Handys drastisch zu verbilligen. Bereits hat ein Anbieter Mobiltelefone zum Nulltarif verscherbelt, allerdings unter der Bedingung, dass sich der Kunde zu einem mehrmonatigen Abonnement verpflichtet.

Weniger stark gesunken sind die Tarife für mobile Telefonate. Vor zwei Jahren verlangte Telecom PTT, die Vorgängerin von Swisscom, 79 Rappen für ein einminütiges Gespräch mit dem populären Natel Swiss. Heute bezahlt man dafür noch 59 Rappen, also einen Viertel weniger. Aber die Dienstleistungen wurden erweitert. Bei allen drei Anbietern kann man zwischen mehreren Kostenmodellen wählen, die auf verschiedene Bedürfnisse zugeschnitten sind. Allgemein gilt: Wer mehr telefoniert, kommt in den Genuss tieferer Minutenpreise. Die Konkurrenz unterscheidet sich von der Ex-Monopolistin weniger durch tiefere Minutentarife als durch niedrigere Monatsgebühren.

Der Werbeschlacht zum Trotz ist der Wettbewerb in der Mobiltelefonie noch längst nicht so hart wie derjenige im Festnetz. Das liegt zum einen daran, dass Funkfrequenzen knapp sind und der Bund die Zahl der Handyanbieter auf drei beschränkt hat. Im Festnetz hingegen tummeln sich unzählige Konkurrenten. Zum andern ist der Wettbewerb im Mobilfunk noch nicht einmal ein Jahr alt, während im Festnetz mit dem Auftritt von Sunrise Anfang 1998 schon fast doppelt so lange Konkurrenz herrscht. Kein Wunder, sind die Preise für Telefonate von zu Hause oder vom Büro aus weit stärker ins Rutschen geraten als jene für Handygespräche.

Mitte 1997, also ein halbes Jahr vor der Markt- öffnung, verlangte die damalige Staatsmonopolistin Telecom PTT für ein dreiminütiges Gespräch zwischen Zürich und Genf im Normaltarif nicht weniger als 3  Franken 30. Heute bietet die teilprivatisierte Swisscom dieselbe Verbindung für 80 Rappen an. Die vielen Kunden, die der Ex-Monopolistin treu geblieben sind, zahlen für nationale Ferngespräche dank der Markt- öffnung also rund drei Viertel weniger als zuvor, und zwar ohne einen Finger gerührt zu haben und ohne Einbussen an Qualität. Im Gegenteil: Der Service des Fernmelderiesen hat sich verbessert.

Wer sich allerdings dazu aufraffen konnte, den Anbieter zu wechseln, zahlt für ein dreiminütiges Ferngespräch innerhalb der Schweiz im günstigsten Fall noch rund 36 Rappen, also weniger als die Hälfte des Swisscom-Tarifs. Ebenfalls gefallen sind die Tarife für Auslandgespräche. Mitte 1997 kostete eine einminütige Verbindung in die USA bei Telecom PTT einen Franken. Heute verrechnet Swisscom dafür noch 49 Rappen. Und bei den Konkurrenten liegen die günstigsten Angebote bereits bei 23 Rappen. Hier hat die Liberalisierung erstaunlicherweise zu weniger massiven Preissenkungen geführt als bei den nationalen Ferngesprächen. Der Grund ist, dass vom Ausland operierende sogenannte Call-back-Services Telecom PTT schon vor längerer Zeit dazu zwangen, ihre Tarife zu senken. 1990 hatte ein Telefonat von der Schweiz in die USA noch sage und schreibe zwei Franken pro Minute gekostet.

Was die Freude an den tieferen Gebühren trübt, ist der beinahe undurchschaubare Tarifdschungel. Eine Rabattaktion am Muttertag hier, heiteres Sammeln von Bonuspunkten dort: Hinter unzähligen Sonderangeboten verbirgt sich vor allem, wer seine Tarife nicht gerne mit jenen der Mitbewerber vergleichen lässt. Tatsächlich sind die Unterschiede massiv. Einen Pfad durch das Dickicht bahnt man sich am einfachsten via Internet, wo verschiedene Firmen kostenlose Preisvergleiche anbieten (zum Beispiel www.comparis.ch oder www.bbb.ch).

Die unübersichtlichen Tarife haben auch schon die Konsumentenschützer beschäftigt. Sie fordern zum Teil sogar, dass der Gesetzgeber eingreift und den Telefonbenützern quasi von Staates wegen zum Durchblick verhilft. Dabei wird jedoch häufig vergessen, dass uns Preis- und Angebotsvielfalt nur stören, wo ein Monopol zu Fall gebracht wurde und neue Anbieter wie Pilze aus dem Boden schiessen. In anderen Gebieten haben wir uns längst an Unübersichtlichkeit gewöhnt. Wer kann schon das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Computern, Stereoanlagen oder Autos richtig einschätzen?

Anders als diese langlebigen Konsumgüter ist die Telefongesellschaft bei Nichtgefallen aber im Nu gewechselt. Die gewaltigen Werbeausgaben dieser Branche, die in der Schweiz in diesem Jahr erstmals die Grenze von 150 Millionen Franken überschreiten werden, kommen nicht von ungefähr. Manche Benützer haben sich sogar bei mehreren Anbietern angemeldet. Sie wählen sich vor dem Telefonat den jeweils Günstigsten mittels Eintippen eines fünfstelligen Zahlencodes aus. Bei der einen Firma sind nämlich Inlandgespräche billiger, während die andere bei Verbindungen in bestimmte Überseegebiete unschlagbar ist. Manche Nischenanbieter konzentrieren sich auf ausländische Minderheiten, denen sie Telefonate in die Heimat zu Konditionen anbieten, mit denen die Konkurrenz nicht mithalten kann oder will. Wieder andere nehmen hohe Anfangsinvestitionen in Kauf, um Firmenkunden mit eigenen Leitungen an ihr Netz anzuschliessen.

Auf die Tarife wirkt sich auch aus, dass die Telefonnetze immer häufiger für anderes als die Übertragung von Gesprächen genutzt werden. Datenübermittlung gewinnt rasant an Bedeutung, und die Telefongesellschaften drängen zunehmend in dieses Geschäft. Um Kunden an sich zu binden, haben viele Firmen die monatlichen Gebühren für den Zugang zum Internet abgeschafft, und bei manchen kann man von massiv verbilligten Telefongebühren profitieren, während man am Surfen ist.

Der Markt entwickelt sich sehr schnell. Die Liberalisierung hat neuen Firmen neue Geschäftsfelder eröffnet und zwingt die einstige Monopolistin zu besserem und billigerem Service. Und wer von all dem nichts hören und wissen will? Der behält sein altes schwarzes Telefon mit Wählscheibe und profitiert dennoch vom Wettbewerb. Auch das ist eine Art, mit der neuen Freiheit umzugehen.

Nur einen Zwang gibt es noch: Wer nicht ganz auf einen Anschluss ans Festnetz verzichten will, muss Swisscom-Abonnent sein und dafür monatlich 25 Franken bezahlen. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn die Regulierungsbehörde der Konkurrenz das Recht einräumt, die letzten Leitungsmeter, die Swisscom gehören, mietweise zu benutzen und den Kunden dafür eigene Anschlussgebühren zu verlangen.

Swisscom hält sich trotz massiver Konkurrenz erstaunlich gut. In kaum einem Bereich hat die Ex-Monopolistin bisher viel mehr als zehn Prozent Marktanteil eingebüsst, und dies, obwohl ihre Konkurrenten oft massiv billiger sind. Das hängt sicher auch mit der Trägheit der Schweizer Konsumenten zusammen, für die nur gut sein kann, was teuer ist. Die Schweizer sind kein Volk von Schnäppchenjägern. Die Jahrzehnte der Kartelle und der regulierten Preise haben die Konsumenten eingelullt.

Die Schweiz ist auch kein Hort der freien Marktwirtschaft. Reformen wie die Telekom-Liberalisierung sind nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern gehen auf den Druck des Auslands zurück: Weil die Fernmeldemärkte in der EU auf Anfang 1998 geöffnet wurden, blieb der Schweiz nämlich gar nicht viel anderes übrig, als nachzuziehen. Wenn Swisscom in den Nachbarländern auf Einkaufstour gehen und den dort ansässigen Ex-Monopolisten Konkurrenz machen sollte, musste man den ausländischen Gesellschaften hierzulande Gegenrecht gewähren. Und tatsächlich stehen heute hinter den meisten neuen Telefongesellschaften potente ausländische Partner. Sie brachten nicht nur das nötige Kleingeld mit, sondern vor allem auch das Know-how.

Um für den Markt fit zu werden, erhielt auch Swisscom eine dicke Finanzspritze. Mit der im letzten Herbst erfolgten Teilprivatisierung flossen die für Investitionen im In- und Ausland nötigen Mittel in ihre Kassen. Ein Interessenkonflikt war dabei allerdings unvermeidlich: Der Staat musste als Besitzer der äusserst rentablen Monopolgesellschaft und als zukünftiger Mehrheitsaktionär der Nachfolgerin zugleich faire Rahmenbedingungen für den Wettbewerb schaffen. Die Einnahmen aus dem Börsengang waren natürlich hochwillkommen und ebenso die Buchgewinne von über zehn Milliarden Franken, die der Bund mit seiner Beteiligung einfuhr. Denn die Teilprivatisierung von Swisscom war ein voller Erfolg: Die Aktien stiegen und stiegen - zur Freude der Mitarbeiter, die sich zu Sonderkonditionen eingekauft hatten, und zur Freude des Finanzministers. Wer hätte diese Party, die erst im laufenden Jahr ihr Ende fand, durch allzu forsche Liberalisierungsschritte vorzeitig stören wollen?

So ist der Markt seit dem 1. Januar 1998 zwar offen, aber den neuen Anbietern wurden anfangs einige Hindernisse in den Weg gelegt. Swisscom verlangte absurd hohe Gebühren für den Zugang zum Ortsnetz und senkte sie erst, als Sunrise und später Diax mit Beschwerden an den Regulator, die Eidgenössische Kommunikationskommission, gelangten. Die vorerst letzte und vielleicht entscheidende Senkung erfolgte - wen erstaunt es? - erst nach dem Börsengang.

Viele Leute verstehen nicht, weshalb ein angeblich freier Markt eine mit Personal gut dotierte Regulierungsbehörde erfordert. In der Telekommunikation ist Wettbewerb aber nur um den Preis der Regulierung zu haben. Völlige Deregulierung wäre hier fehl am Platz. Denn solange Swisscom eine Monopolstellung bei den Telefonanschlüssen innehat, muss eine neutrale Instanz der Konkurrenz den Zugang zu den alles entscheidenden letzten Leitungsmetern in die Haushalte offenhalten, andernfalls bleibt der Markt eine Illusion.

Das Ortsnetz mit Gesetzesparagraphen zu öffnen und unter die Aufsicht eines Regulators zu stellen ist eines, die Umsetzung aber etwas ganz anderes. Das zeigte sich etwa, als es um wichtige technische Details der Liberalisierung ging. Hier gebärdete sich Swisscom entgegen allen Beteuerungen aus der Chefetage als Wettbewerbsbremserin. So wurden die nötigen Anpassungen, damit Kunden aus der ganzen Schweiz permanent zu einem anderen Anbieter wechseln können, erst mit mehrmonatiger Verzögerung ausgeführt. Und das Übertrittsverfahren zu einer anderen Telefongesellschaft schikaniert die Konkurrenz auch jetzt noch.

Eigentlich wäre Swisscom verpflichtet, einen Kunden, der dies wünscht, innert fünf Tagen auf das Netz eines Mitbewerbers umzuschalten. Die Umschaltung wurde aber so kompliziert und zeitraubend organisiert, dass dies in vielen Fällen nicht möglich ist. Die Swisscom-Angestellten, die sich mit den unzähligen Wechselgesuchen beschäftigen, verheimlichen nicht, dass die Arbeit zugunsten der Konkurrenz bei ihnen keine Priorität geniesst.

Doch damit nicht genug: Weil sämtliche Anbieterwechsel bei Swisscom beantragt werden müssen, verfügt der Fernmelderiese über einen einmaligen Informationsvorteil gegenüber der Konkurrenz. Diese Informationen, so die entsprechende Verordnung, dürften eigentlich nur im Rahmen der Netzzusammenschaltung verwendet werden. Es kommt aber vor, dass die Marketingabteilung von Swisscom Kunden, die abspringen wollen, gezielt anschreibt und ihnen vom Wechsel abrät, weil das Netz des Konkurrenten angeblich häufig überlastet sei.

Ein weiteres Ärgernis und ein Verstoss gegen den Geist der Liberalisierung ist der Kleinkrieg, den Swisscom der Konkurrentin Diax bei den SMS-Nachrichten liefert. Nach wie vor verhindert die Ex-Monopolistin, dass ihre eigenen Kunden Kurzmitteilungen auf Diax-Handys senden können. Selbst von öffentlichen Telefonkabinen aus ist das nicht möglich. Derartige Praktiken zeigen, dass der faire Wettbewerb im Interesse des Konsumenten immer noch nicht ganz Wirklichkeit ist.


Kurt Pelda ist Wirtschaftsredaktor bei der NZZ .


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