NZZ Folio 09/97 - Thema: Wanne-Eickel   Inhaltsverzeichnis

So gut wie Castrop-Rauxel

Über die Gelassenheit der Wanne-Eickeler.

Von Wolfgang Laufs

WANNE-EICKEL BESTEHT aus nur vier Silben, aber sie haben magische Wirkung: Kaum dringen die Laute ins Ohr, gibt das Hirn der Gesichtsmuskulatur automatisch den Befehl, die Mundwinkel zu einem ironisch-süffisanten Lächeln zu verziehen. Das geht weder mit Kayhude noch mit Friesoythe, vielleicht noch mit Castrop-Rauxel, das sich nur wenige Kilometer östlich von Wanne-Eickel befindet und mit dem Jux leben muss, dass es sich bei der unausgewogenen Verteilung von Vokalen und Konsonanten um die lateinische Übersetzung von Wanne-Eickel handeln müsse.

Doch bei Wanne-Eickel verbieten sich erläuternde Umschreibungen ohnehin von selbst. So ziemlich jeder in Deutschland nannte den Ort schon beim Namen, obwohl kaum jemand sein Wesen kennt. Offensichtlich spricht Wanne-Eickel für sich, und das ist um so erstaunlicher für eine Stadt, als es sie eigentlich nicht mehr gibt. Sie ist die westliche Hälfte eines kommunalen Gebildes, das den Namen Herne trägt. Herne, schon mal gehört? Die beiden Silben haben längst nicht die magische Wirkung von Wanne-Eickel, sind dafür aber auch nicht so belastet.

Vorurteile haben ihre Krankengeschichte, und die beginnt hier beim Fluch des Doppelnamens, den streng konservative Meinungsforscherinnen, sozialdemokratische Schatzmeisterinnen und liberale Ex-Justizministerinnen zur Genüge kennen. Doch zum allgemeinen Vorurteil gesellt sich bei Wanne-Eickel noch das besondere, wenn man sieht, wie schnell Journalisten bei Nachrichtenmagazinen oder in Rundfunkanstalten das viersilbige Synonym für das Simple und Provinzielle einfällt. Sogleich ist Wanne-Eickel herbeizitiert, und die Menschen in dieser Stadt müssen einmal mehr damit leben. Denn dieser Stempel brennt sich ebenso dauerhaft ins Stammhirn ein wie die düsteren Bilder mit den qualmenden Schloten, die auch für das Revier schlechthin stehen.

Doch Wanne-Eickel ist eine deutsche Kleinstadt wie jede andere, gewiss auch einmalig und - auch das zu sagen muss erlaubt sein - eine geschundene Stadt noch dazu. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Strukturwandel schleppend und der volle Name nur noch auf alten Strassenkarten zu finden. Grüne Hügel, über die Füchse streifen, und auf denen Orchideen blühen, sind aus Kohleabraum geformt. Seiner eigenen Identität beraubt, versucht Wanne-Eickel, seine Rolle zu finden in einem kommunalpolitischen Konstrukt, das vor über 22 Jahren durch einen freiwilligen Entschluss der zuvor selbständigen Städte Wanne-Eickel und Herne entstand. Mehr als zwei Jahrzehnte hält nun diese Vernunftehe. Eine lange Zeit und doch zu kurz, als dass man sich nicht mehr an die Zeit der Eigenständigkeit erinnern könnte. Allerdings: Der Anpassungsprozess ist in dieser scheinbar zweigeteilten Stadt mit ihren unsichtbaren Grenzen besser gelungen als anderswo im Ruhrgebiet. Und seit es in Deutschland die fünfstelligen Postleitzahlen gibt, ist die oft genug als Schmach empfundene amtlich verordnete Klassifizierung in 469 Herne 1 und 469 Herne 2 dem Vergessen anheimgefallen. Jetzt gibt es nur noch Herne - strassenweise alphabetisch geordnet von 44623 bis 44653 im dicken Wälzer der Post AG.

Eine einheitliche Region ist das Ruhrgebiet immer noch nicht, obwohl es sich so darstellt. Die Strassenbahnschienen haben hier keine gemeinsame Spurweite. Das Revier ist halb Rheinland, halb Westfalen und wird vom vornehmen Düsseldorf aus regiert. Obwohl das Ruhrgebiet mancherorts als ein grosses Stadtgebilde erscheint, denken und fühlen die Menschen zunächst einmal lokal und erst in zweiter Linie regional. Sie wohnen nicht im Kohlenpott, sondern in Bottrop, Gelsenkirchen oder Dortmund. Am liebsten aber in Stadtteilen, die Batenbrock, Bulmke-Hüllen oder Bövinghausen heissen.

Die Vorurteile sitzen tief. Und weil Vorurteile immer auch einen wahren Kern enthalten, werden Hochglanzbroschüren, teure Imagekampagnen und ein vielbeschworenes Wir-Gefühl nicht den erhofften Erfolg bringen. Also lassen wir es lieber. Mit der Meinung, die man mancherorts über Wanne-Eickel äussert, lässt es sich leben. Soviel Selbstbewusstsein muss sein, auch wenn es Menschen gibt, die den Namen ihres Wohnortes verschämt verschweigen. Die echten Wanne-Eickeler schlürfen den Kakao, durch den sie manchmal gezogen werden, mit Gelassenheit und servieren ihren Gästen ein sichelförmiges Gebäck mit Nougatfüllung und Schokoladenüberzug, das den Namen «Der Mond von Wanne-Eickel» trägt.

Den schmunzelnden Umgang mit dem Vorurteil haben die Bewohner von Neustadt wahrscheinlich nicht nötig. Dafür müssen sie sich fragen lassen, ob es nun Neustadt am Rennsteig oder doch Neustadt am Rübenberge ist. Aber wen interessiert es wirklich? Als meine Kollegin einmal fernen Lesern ihre Heimat erklären wollte, suchte sie ein Beispiel: Wanne-Eickel - eine Art Bexleyheath bei London oder ein Checy bei Orleans, ein Irgendwas bei Bochum, irgendwie bei Gelsenkirchen? Sie hat sich letztlich konsequent für Kürze entschieden und auf jedwedes Beiwerk verzichtet. Wanne-Eickel kennt man eben. So oder so.

Wolfgang Laufs ist Redaktor der «WAZ» in Wanne-Eickel.


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