NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- «Krieg und Frieden», umbenannt

Von Wolf Schneider

MIT SCHLAGWORTEN wird Politik gemacht, und ihre Wirkung hängt nicht davon ab, ob sie zur Wirklichkeit in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Das Wort Waldsterben zum Beispiel ist völlig falsch, aber ziemlich wirksam. Der Begriff Friedensprozess ist ziemlich falsch und dabei offensichtlich unwirksam. Das ökologische Schlagwort nachhaltige Entwicklung ist zur Hälfte richtig, aber kaum geeignet, irgend etwas zu bewirken.

Wer mit nachhaltig einen politischen Effekt erzielen will, hat zweierlei nicht bedacht: Zum einen gehört das Wort nicht der Umgangssprache an, und je höher die Stilebene, desto geringer die Gemütsbewegung. Zum anderen aber sagt seine Bedeutung - sich auf längere Zeit auswirkend - nichts darüber aus, ob es sich um eine erwünschte oder eine schlimme Wirkung handelt; Hitler hat Deutschland gewiss nachhaltig ruiniert.

Und nun sollen wir also im Umgang mit Luft, Wasser, Wald und allen Schätzen der Natur eine nachhaltige Entwicklung anstreben, lautet die Generalforderung der Ökologen. Sie meinen: Mit Kahlschlag, Vergeudung und Vergiftung soll es ein Ende haben; wir müssen uns auf Mengen und Methoden beschränken, die sich durchhalten lassen zugunsten künftiger Generationen. Der Begriff lehnt sich an ein Fachwort der Forstwirtschaft an: Sie spricht von nachhaltiger Nutzung, wenn ein Wald in hundert Jahren noch genausoviel Holz abwirft wie heute.

Mit Nutzung kombiniert, ergibt das Adjektiv Sinn; Entwicklung aber kann auch zum Schlechteren führen - worüber die meisten nur deshalb nicht erschrecken, weil das Schlagwort ohnehin halb verstanden an ihnen vorüberrauscht.

Zu dem, was sich durchhalten lässt, fehlt uns leider das Eigenschaftswort «durchhaltbar». Die Französischsprachigen können soutenable sagen, in der Presse hat sich jedoch développement soutenu durchgesetzt - was mit «nachhaltig» den Nachteil teilt, dass, wer eine Entwicklung bloss durchhält, ja eben bei jener Katastrophe landen kann, die er doch vermeiden möchte. Sustainable development, das ist das englische Urwort, und nur in ihm ist alles, worauf es ankommt, unmissverständlich enthalten.

Deutsche Umweltwissenschaftler versuchen inzwischen, «nachhaltig» durch zukunftsfähig zu ersetzen. Das ist verständlicher und dem Gemeinten näher. Aber natürlich streiten sich die Experten längst, worin die Zukunftsfähigkeit bestehen soll, im Städtebau zum Beispiel: So viele Häuser bauen, wie es dem derzeitigen Wohnraumbedarf entspricht - oder umgekehrt darauf hinwirken, dass der luxuriöse mitteleuropäische Bedarf sich halbiert? Das Wort ist nichts, die Definition ist alles, und «zukunftsfähig» geht so wenig wie «nachhaltig» unter die Haut.

Anders das Waldsterben. Das war zwar schief von Anfang an, aber so saftig, dass es Erschrecken hervorrief und ein paar Taten und Unterlassungen nach sich zog - politisch also gut gewählt. Journalisten hätten freilich immer nur von Waldschäden oder der Krankheit des Waldes schreiben dürfen; wenn es denn ihre Aufgabe ist, nicht Politik zu machen, sondern ihren Lesern und Hörern ein möglichst faires Abbild der Wirklichkeit zu liefern. «Sterben» heisst ja: dem Tod unwiderruflich entgegentreiben. Stürbe der Wald, so brauchten wir keinen Filter und keinen Katalysator, denn ändern könnten wir nichts mehr. Indem wir den Wald zu retten versuchen, unterstellen wir, dass er eben nicht stirbt, sondern an einer Krankheit leidet, die geheilt werden kann.

Was unterstellt das Schlagwort Friedensprozess? Dass zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen Bosniern und Serben eine Entwicklung zum Frieden im Gange wäre, allerdings immer wieder ins Stocken geratend oder vom Scheitern bedroht. Welchem Frieden? Ein Kleinkrieg findet statt, von zeitweiligem Waffenstillstand unterbrochen und mit Absichtsbekundungen garniert - bestenfalls also ein langes Ringen um einen fernen Frieden, vielleicht aber ein blosser Kampf um die Macht, der Bomben und Provokationen in Kauf nimmt.

Wer kam auf die Idee, dieses blutige Gerangel einen «Friedensprozess» zu nennen? Wer will hier welche Absicht, welches Scheitern tarnen? Hofft da jemand, man könnte eine Kette von Rückschlägen dadurch dem Frieden näherbringen, dass man sie voreilig, aber hartnäckig «Frieden» nennt? Das hiesse dann die Hoffnung auf den Rat setzen, den der englische Geistliche John Wesley, der Begründer des Methodismus, von seinem deutschen Mentor Peter Böhler bekam: «Predige den Glauben, bis du ihn hast, und dann wirst du predigen, weil du ihn hast.»

Gerade beim Frieden ist die Hoffnung freilich schwach - zu inflationär wird das Wort verwendet. Die Uno spricht mit Vorliebe von «friedenserhaltenden Massnahmen», auch wenn längst geschossen wird; sogar beim Golfkrieg war dies die Sprachregelung im Sekretariat der Vereinten Nationen. Die amerikanische Uno-Delegierte Jane Kirkpatrick merkte dazu 1994 an: «Dann war also auch der Zweite Weltkrieg eine friedenserhaltende Massnahme.» Für eine Neuauflage von Tolstois grossem Roman sollten wir uns den Titel wünschen: «Friedenserhaltende Massnahmen und Frieden». Für einen Friedensprozess aber hat Tolstoi auf allen 1500 Seiten keinen Platz gehabt.




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