«BLEIBET FEST in brüderlicher Liebe», schrieb Paulus an die Hebräer (13,1) – und dabei wusste er doch, was Brüder einander antun können: Kain erschlug den Abel, durch Mord halbierte sich sogleich das erste Bruderpaar (1. Mose 4); Joseph, Sohn des Jakob, wurde von seinen Brüdern an arabische Händler verkauft – was die Brüder schon als eine Art Begnadigung empfanden, denn eigentlich hatten sie ihn erwürgen wollen (1. Mose 37). Und Romulus, nach der Legende der Gründer Roms, erschlug den Remus, seinen Zwillingsbruder.
Welche Vorstellung von Brüderlichkeit hatten Juden und Römer? Und wie viel Bruderangst herrschte bei jenen orientalischen Despoten, die, von der Antike bis ins 17. Jahrhundert, vor oder nach der Thronbesteigung grundsätzlich ihre Brüder umbringen liessen, zur Ausschaltung der Konkurrenz und zur Sicherung der Erbfolge? Sultan Mo hammed II., der 1453 Konstantinopel eroberte, trug seinen Nachfolgern dieses Verfahren sogar testamentarisch auf. «Alle Menschen werden Brüder», von Schiller gedichtet, von Beethoven vertont – ist das demnach eine Hoffnung? Oder eher eine Drohung? Oder vielleicht ein Traum weltfremder Einzelkinder? (Vier Schwestern hatte Schiller – einen Bruder nicht.)
Es war der griechische Philosoph Zenon der Jüngere, der vor 2300 Jahren als erster die Brüderlichkeit aller Menschen in einem Weltstaat forderte – eine dramatische Abkehr von der Gesinnung unserer steinzeitlichen Ahnen: Ein Wort wie «Mensch» als Oberbegriff für die Mitglieder ihrer Horde und die Nachbarstämme kannten sie nicht. Der Mensch aus dem anderen Stamm war ein Feind, der Jaguar war auch ein Feind, also zerfiel die lebende Welt in Feinde und die Mitglieder des eigenen Stamms.
Die frühen Apostel der Menschenliebe kannten nur jeweils einen homogenen Sprengel der Erde: Zenon den hochzivilisierten östlichen Mittelmeerraum, Jesus Palästina, Buddha das nördliche Indien; und Rousseau, der 1754 die Rückkehr zum angeblichen Naturzustand der Gleichheit aller Menschen forderte, hatte allein die Kulturlandschaft zwischen Genf und Paris bereist. Je weniger Menschen man kennt, desto leichter ist es natürlich, alle, die man kennt, zu lieben. So liessen Frankreichs Revolutionäre von 1789, die der Brüderlichkeit zum Weltruhm verhalfen, zwei Arten von Menschen vorsichtshalber nicht als Brüder gelten: nicht die Sklaven in den französischen Kolonien (die wurden 1790 von der Nationalversammlung ausdrücklich ausgenommen) und nicht Bürger, die sich der jakobinischen Definition von Brüderlichkeit verweigerten: «La fraternité ou la mort!» schallte es ihnen entgegen, in Deutschland wurde daraus der Spruch: «Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.»
Da ist es kein Wunder, dass auch Marx und Lenin zur Brüderlichkeit ein eigentümliches Verhältnis hatten. Him melweit war Karl Marx davon entfernt, die Proletarier, die er doch zur Herrschaft führen wollte, als seine Brü der zu betrachten: «Ochsen», «Knoten», «komplette Esel» hiessen sie in seiner Korrespondenz mit Engels. Lenins Verwandtschaft mit Marx ging so weit, dass beide nie eine Stunde Lohnarbeit geleistet hatten und kaum je einem Proletarier begegnet waren.
Aber 1902 stellte Lenin mit seiner denkwürdigen Schrift «Was tun?» Marx auf den Kopf: Die Arbeiter, hiess es darin, seien unfähig zum Klassenkampf; den Sozialismus habe ja die bürgerliche Intelligenz ersonnen und ihn dem Proletariat nur «mitgeteilt»; folglich müsse auch die Intelligenz, zu einer Truppe von Berufsrevolutionären organisiert, die Arbeiterklasse zum Sieg führen. So war die Diktatur des Proletariats durch die Diktatur einer Kaderpartei über das Proletariat ersetzt und der letzte Anflug von Brüderlichkeit beim Teufel.
Die deutschen Sozialdemokraten singen zwar noch das Kampflied «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit» – die Brüderlichkeit aber ist bei den Sozialisten aller Schattierungen schon vor Jahrzehnten der Solidarität gewichen: «Freiheit, Gleichheit, Solidarität» heisst das Schlagwort heute. Der Begriff hat ja zwei Vorzüge: zum einen fehlt ihm die Aura enger Verwandtschaft, die nicht jeder mag, Brudermord hin oder her – nach dem schönen bösen Satz von Karl Kraus: «Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.»
Zum anderen aber benennt die Solidarität keine Pflicht zur allgemeinen Menschenliebe, wie sie der chilenische Lyriker Pablo Neruda noch 1950 predigte («Friede für alle, die leben!»), sondern: Wer sich solidarisiert, tut dies mit einer Gruppe Gleichgesinnter und gegen Widerstände von aussen. In der DDR wurde Solidarität definiert als «brüderlicher Zusammenhalt der revolutionären Klasse eines Landes mit der internationalen Arbeiterbewegung». Alle Arbeiter also sollen Brüder werden – alle Menschen nicht.
Inzwischen ist die Brüderlichkeit nicht nur durch die einengende Solidarität bedroht, sondern auch durch die political correctness: Könnte es nicht ebenso «Schwesterlichkeit» heissen, mindestens «Geschwisterlichkeit», geschlechtsneutral? «Alle Menschen wer den Geschwister», hätte Schiller dichten sollen! Aber vielleicht hätte Beethoven das nicht gemocht – und jedenfalls hätte es weder den Abel noch den Remus zum Leben erweckt.