Harald Weinrich, geboren 1927, ist Professor für Romanistik am Collège de France in Paris. Als Gastprofessor war er an den Universitäten von Michigan und Princeton sowie am Wissenschaftskolleg Berlin tätig. An der Scuola Normale von Pisa hatte er den Galilei-Lehrstuhl inne. Weinrich ist Mitglied mehrerer Akademien sowie des Pen-Club. Mit seinem soeben im Verlag Ch. Beck, München, erschienenen Buch «Lethe - Kunst und Kritik des Vergessens» zeigt er in einer bildungsreichen Tour d'horizon durch die europäische Kultur- und Geistesgeschichte, wie neben der Kunst des Gedächtnisses (ars memoriae) auch die Kunst des Vergessens (ars oblivionis) um die Gunst der Menschen buhlt. Erst in unserem Jahrhundert werden die Grenzen sichtbar, innerhalb deren das Vergessen tätig werden darf, ohne moralische Schuld auf sich zu laden.
Das Gespräch mit Harald Weinrich führte Stephan Krass.
Herr Professor Weinrich, so weit das kulturelle Gedächtnis Europas reicht, fliesst auch Lethe, der Strom des Vergessens. Warum bleiben Sie nicht am sicheren Ufer, sondern steigen in die Fluten des Flusses des Vergessens, um ein Kapitel europäischer Geistesgeschichte zu erzählen?
Eigentlich wollte ich eine Kulturgeschichte des Gedächtnisses schreiben und stellte dann fest, dass man für die Neuzeit eine Geschichte seines Niedergangs schreiben müsste. Denn seit der Erfindung des Buchdrucks und besonders mit der Entwicklung moderner Speichermedien hat man das Gedächtnis ausgelagert und durch Bibliotheken und Computer ersetzt. Seitdem hat die Gedächtniskunst, die jahrhundertelang kulturtragend war, an Prestige eingebüsst.
Liegt nicht auch eine Provokation darin, wenn man eine geistesgeschichtliche Studie unter das Vorzeichen des Vergessens stellt?
Nein. Wenn Platon recht hat, wurde mit der Erfindung der Schrift eine Technik geschaffen, das Gedächtnis zu entlasten. Was man schriftlich fixiert hat, muss man nicht im Kopf behalten. Man kann nachschlagen. Heute haben wir Diskette und Festplatte. Das Problem ist nur, dass wir immer weniger wissen, was wir von all den gespeicherten Informationen wirklich verfügbar machen wollen.
Dem Vergessen stellen Sie in Ihrer Untersuchung als Begriff das Gedächtnis gegenüber. Wie verhält sich dazu der Begriff der Erinnerung?
Zur Unterscheidung von Gedächtnis und Erinnerung können wir uns vor Augen führen, dass dem Gedächtnis eine umfassende und schulmässige, der Erinnerung eine eher subjektive Bedeutung zukommt. Die Gedächtniskunst ist als Bildungsziel eine öffentliche Angelegenheit geworden, die Erinnerung gehört eher der Privatsphäre an. In beiden Fällen ist das Vergessen der Gegenbegriff.
Steht das Gedächtnis im öffentlichen Bewusstsein immer noch auf der Haben-Seite, während das Vergessen eher auf der Soll-Seite angesiedelt ist?
Vereinfacht gesagt, hat die europäische Kultur von der Antike über das Mittelalter bis in die Renaissance einem Bildungsideal gehuldigt, in dem Gedächtnis und Kultur als synonyme Begriffe gehandelt wurden. Mit den Moralisten und Aufklärern ab dem 16. Jahrhundert, also von Montaigne bis zu Rousseau und Voltaire, fand eine Kulturrevolution statt, die dem Gedächtnis die Vorherrschaft nahm. Montaigne sagte: «Auswendig wissen ist nicht Wissen.» Nutzniesser dieser Entwicklung war zunächst der Verstand. Mit der Aufklärung kam es zu einem regelrechten Krieg zwischen Gedächtnis und Urteilskraft. Kant betrachtete das Gedächtnis lediglich als «Lastesel des Verstandes».
Wie hat das Vergessen von dieser Entwicklung profitiert?
Am scharfsinnigsten ausformuliert hat das später Nietzsche. Die zweite seiner «Unzeitgemässen Betrachtungen» ist eine reine Apologie des Vergessens. Nietzsche schreibt: Wer leben will, wer handeln will, muss vergessen können. Um frei zu sein, muss man den Ballast der Erinnerung abwerfen können. Spätestens seit Nietzsche ist das Vergessen hoffähig geworden und muss als ernsthaftes kulturelles Phänomen behandelt werden.
In Ihrer Studie berichten Sie, dass sich schon der Feldherr Themistokles in der Kunst des Vergessens unterrichten lassen wollte. Gibt es eigentlich in der Geschichte eine Systematik oder eine Logik, auf deren Spur wir die Kunst des Gedächtnisses oder die Kunst des Vergessens antreffen?
Nein, eine Systematik nicht, wohl aber Konjunkturen, bei denen bald die eine Kunst, bald die andere im Vordergrund steht. Schon Cicero hat eine Kunst des Vergessens entworfen, die er an Europa weitergab. Die erfolgreichste Vergessenskur aber hat in den Dionysos-Kulten der alten Griechen Triumphe gefeiert. Man huldigte dem Wein als Vergessensdroge. Das haben die Dichter seitdem in ihren Werken vielfach dargestellt. Manch ein Dichter hat auch selbst in diesem Fluss des Vergessens ausgiebig gebadet.
Wenn das Vergessen im Bild des Flusses dargestellt wird, dann müsste das Gedächtnis Festland sein.
Die erfolgreichste Metaphorik der Gedächtniskunst ist das Bild einer Landschaft, in der man bestimmte Orte aufsucht, um dort die Gegenstände der Erinnerung aufzufinden. Noch vor wenigen Jahren hat das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin Experimente durchgeführt, in denen sich diese jahrhundertealte Vorstellung bestätigte. Auf dem räumlichen Bild des Gedächtnisses fussen all die grossen Bildungserfolge, die die Gedächtnisgiganten des Mittelalters und des Humanismus erzielt haben.
Und von diesem Gipfel der Gedächtniskunst stürzen sich die Giganten in den Fluss des Vergessens?
Der Humanismus war ein gewaltiger Bildungsschub, in dem ein zuvor nie gekanntes Mass an neuem Wissen, an neuen Informationen angesammelt wurde. Da entstand die erste grosse Gedächtniskrise. Es war plötzlich so viel Wissen verfügbar, dass sich das Problem der Selektion stellte. Wir erleben heute die zweite grosse Gedächtniskrise, in der wir nicht einmal mehr wissen, was wir alles gespeichert haben und wer das eigentlich abrufen kann.
Vielleicht findet der alte Begriff «Lethe» seine zeitgemässe Entsprechung auf der Computertaste mit der Aufschrift «Delete»/löschen?
Diese Pointe ist sprachgeschichtlich verwegen, passt mir aber sehr gut. Die häufige Betätigung dieser Taste müssen wir erst noch lernen.
Mit Nietzsche wurde das Vergessen in den Adelsstand einer Kulturleistung erhoben. Wenig später sollte es dann nachhaltig an Ansehen einbüssen.
Sie sprechen auf Freud an, in dessen Theorie das Vergessen seine Unschuld verloren hat. Natürlich kennt auch Freud eine alltägliche Form des Vergessens. Das Neue seines Ansatzes liegt aber darin, dass er an die menschliche Fähigkeit des Vergessens die Warum-Frage knüpft und im Begriff des Verdrängens auch die Frage nach der Schuld gestellt hat. Es ist die geniale Entdeckung Freuds, von diesem Verdrängt-Vergessenen anzunehmen, dass es nicht einfach weg und erledigt ist, sondern als Unbewusstes weiterwirkt und die Seele ängstigt. Dagegen setzt der Psychoanalytiker die Kunst des Gedächtnisses ein, um das Verdrängte im Modus des Erzählens wieder ans Licht zu holen.
Mit Freud hat die Kunst des Vergessens die Unschuld verloren und mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch ihre letzte Berechtigung. Sie überschreiben ein zentrales Kapitel Ihres Buches mit «Auschwitz und kein Vergessen».
Hitlers Vorhaben, in Europa das jüdische Volk ganz zu vernichten, muss als beispielloses Attentat auf das kulturelle Gedächtnis der Menschheit angesehen werden, als millionenfacher Gedächtnismord, als Memorizid. Denn nirgendwo in der Welt hat sich das Gedächtnis als religiöse und kulturelle Kraft so vollständig verkörpert wie im jüdischen Volk. Hitler und seine Gefolgsleute wussten genau, dass die unerhörte Kraft aus dem Gedächtnis begreifbar ist. Schliesslich haben die Nationalsozialisten den Tod, millionenfach, zum Schergen ihres Kampfes gegen das Gedächtnis gemacht. Dieses Sterben sollte auf Erden nicht die mindeste Gedächtnisspur zurücklassen. Als Zeitgenosse dieser unbeschreiblichen Verbrechen habe ich das Buch «Lethe» meinen Enkeln gewidmet, damit die Generationengrenze nicht auch eine Gedächtnisgrenze wird. Die Vergessensgefahr ist gross, das zeigt die Geschichte. Deshalb ist es eines der Ziele meiner Arbeit, das Vergessen besser kennenzulernen, damit wir seinen Gefahren entgegenarbeiten können. Es gibt eine moralische Grenze, wo die Schuld so gross ist, dass sich jedes Vergessen verbietet. Spätestens im 20. Jahrhundert muss sich die Kunst des Vergessens von der Kritik des Vergessens einholen lassen.
Sie haben von der zweiten grossen Gedächtniskrise gesprochen, die unsere Informationsgesellschaft heute einholt. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Wissenschaft ohne eine «deutliche Vergessenskomponente» nicht mehr praktikabel sei. Muss der Vergessensstrom Lethe auch ins Internet geleitet werden?
Unbedingt. In unserer überinformierten Gesellschaft besteht die Lebensklugheit nicht mehr darin, Informationen herbeizuschaffen, sondern Informationen abzuweisen. Niemand will ernsthaft bezweifeln, dass die gedächtnisgestützte Wissenschaft eine grandiose Karriere hinter sich hat. Sie hat das Gesicht der Welt verändert. Ob immer zum Guten, kann hier nicht entschieden werden. Die Frage ist vielmehr, ob der alte Bund der Wissenschaft mit dem Gedächtnis noch unverbrüchlich gelten kann. Ich meine, dass wir neben den unerlässlichen Techniken der Informationsbeschaffung auch die subtile Kunst der Informationsabweisung brauchen. Keine Gesellschaft kann, ohne ihre Identität zu verlieren, in so kurzer Zeit so viele Informationen verarbeiten, wie ihr angeboten werden. Der Lähmung durch chronische Überinformation können wir nur beikommen, wenn wir eine Kompetenz in der rational gesteuerten Abwehr von Informationen entwickeln. Hier liegt die grosse Herausforderung einer neuen wissenschaftlichen Ethik, für die ein gezieltes Vergessen grundlegend ist.
Ist das am Ende die Rehabilitation der alten Vergessenskunst?
. . . unter den Bedingungen der heutigen Mediengesellschaft. Die Frage stellt sich folgendermassen: Wie findet man unter den viel zu vielen Informationen, die unsere Bibliotheken und Dokumentationszentren zu fast jedem Thema auf Verlangen auswerfen, die vielleicht sehr wenigen Informationen heraus, die wirklich das Denken voranbringen? Vergessenskunst heisst heute, Methoden der Informationsauswahl zu entwickeln, die jeder Wissenschafter beherrschen muss, wenn er nicht in der Flut der Überinformation ertrinken will. Und sei es nur im Sinne der angelsächsischen Aufforderung: Forget it!
In Ihrem Cervantes-Kapitel stellen Sie den Esel von Sancho Pansa auf die Seite des Gedächtnisses und das Pferd des Don Quijote auf die Seite des Vergessens. Dann müssen wir also heute aufs Pferd sitzen?
Das Pferd ist schneller, und der Esel ist genügsamer. Beides zu vereinbaren, dem Widerspruchsgesetz zum Trotz, ist heute die Kunst. Also müssen wir schon beiden Tieren Futter geben oder mit gemässigtem Polytheismus an zwei Altären opfern, an dem der Mnemosyne als Göttin des Gedächtnisses und an dem der Lethe als Göttin des Vergessens.