NZZ Folio 07/01 - Thema: Käfer und Co   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Nomen est omen

Von Reto U. Schneider

Wer etwas über die Lebensweise von Insekten, Spinnen und anderen Gliederfüssern erfahren will und über die Leute, die sie erforschen, braucht nicht viel mehr als eine Liste ihrer wissenschaftlichen Bezeichnungen. Es gibt über 10 000 Hundert- und Tausendfüsserarten, 70 000 Spinnen und 800 000, vielleicht auch schon 900 000 beschriebene Arten Insekten. Das sind mehr Namen, als Worte im Duden stehen.

Da gibt es zum Beispiel die Dasselfliege Cuterebra emasculator, die in den Hoden von Nagetieren lebt, mit den im Namen angedeuteten Folgen, oder die Motte Erechthias beeblebroxi mit einem zweiten Tarngesicht, benannt nach Zaphod Beeblebrox, der doppelköpfigen Gestalt aus Douglas Adams' Science-fiction «Hitchhiker's Guide to the Galaxy». Und wie nennen die Forscher eine Spinne, deren Tastorgan einem futuristischen Gewehr gleicht? Hortipes terminator.

Auch der Zeitpunkt der Entdeckung lässt sich mit Geschichtswissen aus den Namen extrahieren. Eine schwere historische Last trägt das versteinerte Rieseninsekt, das 1934 nach einem aufstrebenden Politiker benannt wurde: Rochlingia hitleri. Einige Jahre später wurde dann ein blinder, brauner Höhlenkäfer auf Anophthalmus hitleri getauft. Unverfänglicher der Name der Pferdebremse Stenotabanus sputnikulus, die 1958 entdeckt wurde, kurz nachdem der erste Satellit in den Weltraum geschossen worden war.

Oft verraten die Namen allerdings mehr über die Vorlieben der Wissenschafter als über die Eigenschaften der Tiere oder die Zeitgeschichte. Mindestens einige Filmliebhaber finden sich unter den Entomologen. Das belegen die Fliege Campsicnemius charliechaplini, die Zikaden Baeturia laureli und Baeturia hardyi und die Wespe Polemistus vaderi nach dem Bösewicht aus «Star Wars». Und auch Musik mögen die Insektenkundler: Da gibt es die Wespe Mozartella beethoveni, die Biene Villa manillae und die Zuckmücke Dicrotendipes thanatogratus, die sich mit etwas Griechisch und Latein als Reminiszenz an die Rockgruppe Greatful Dead herausstellt.

Dass den Wissenschaftern die Namen ausgehen, ist unwahrscheinlich. Österreichische Forscher nannten eine dritte, eine vierte und eine fünfte Unterart einer Fliege kurzerhand adryte, aphyrte und aphynfte.




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