Tennissport: Ehemals elitäres, auch «weisser Sport» genanntes Ballspiel mit Netz. Vorschrift: «Die Maschen des Netzes müssen ausreichend eng sein. Netzhalter und Netzeinfassung müssen vollkommen weiss sein.» Material: Im 1 6. Jahrhundert wurde der Tennisball noch mit dem Handballen gespielt (Jeu de paume), heute greifen die Spieler infolge Verweichlichung zu Schlägern. Schweizer Tennislegenden: Hingis, Hlasek, Maleeva, Sturdza.
Die Veränderung unserer Gesellschaft lässt sich am Tennissport ablesen: Einst verfügte die Eidgenossenschaft über ein Heer von 300 000 Wehrpflichtigen, heute sind es noch knapp die Hälfte, dafür gibt es in der Schweiz 300 000 organisierte Tennisspieler(innen). Und während die Armee infolge Unterbelegung die schönsten Waffenplätze und die komfortabelsten Kasernen schliesst, hat hierzulande inzwischen jeder Hergottswinkel seinen Tennisplatz. Samt Clubhaus, Whirlpool und Grillecke.
Weshalb ein direkter Zusammenhang zwischen dem Niedergang unserer Armee und dem Aufschwung des Schweizer Tennis besteht, ist ohne weiteres erklärbar; schliesslich sind sich die beiden Freizeitbeschäftigungsarten ähnlich. Wie bei der Schweizer Armee handelt es sich beim Tennisspiel um angewandte Verteidigungspolitik: Hier wie dort besteht das erste Augenmerk darin, schädliche Fremdeinflüsse vom eigenen Terrain fern zuhalten.
Ob es sich nun um rote Armeen, illegale Einwanderer oder um fiese Filzbälle handelt – alles, was ungefragt über die Grenze, den Zaun, die Netzkante kommt, wird umgehend nach Kräften zurückgeschlagen. Genau deshalb sprechen wir von einer Verteidigungsarmee, genau deshalb zählt man Tennis zu den Rückschlagspielen, genau deshalb ist die Schweiz in dieser Sportart Weltspitze, und genau deshalb stammen unsere besten Tenniskräfte aus Grenzregionen wie Basel (Federer, Schnyder), Genf (Rosset) oder dem Rheintal (Hingis).
Tennisspieler sind also Leute, die versuchen, ein bestimmtes Hoheitsgebiet, quasi ein imaginäres Haus, sauberzuhalten. Wie übermotivierte Putzfrauen, wie Strassenfeger hetzen sie zwischen dem Netz und den weissen Linien, die ihr Einflussgebiet bedeuten, ihren Arbeitsplatz begrenzen, umher und setzen alles daran, dass ihnen niemand ein rundes Ei legen kann.
Auch unser Roger Federer erinnert während seines mitunter viele Stunden langen Tagwerks oft weniger an einen exzentrischen Künstler als an einen Hauswart, der auf seinem Hof (Court) nach dem Rechten schaut. Wie jeder gute Aufpasser geht er gegen alle potentiellen Feinde der Hausordnung mit unerbittlicher Strenge vor, so dass ihnen früher oder später die Lust an Übergriffen vergehen muss. Dazu nimmt Hausmeister Federer statt des Besens den hart bespannten Schläger zur Hand, mit dem er böse Buben, die ihn ärgern wollen, so lange «cross» oder «long line» in die hintersten Ecken des Platzes schickt, bis er wieder seine Ruhe hat – jedenfalls bis zum nächs ten Anschlag, sprich zum folgenden Aufschlag.
Tennisspiele, Tennisturniere sind also auch für gute Spieler ein wenig wie das Leben: Eigentlich wünschte man sich Ruhe und Ordnung, aber leider ist da ständig irgendetwas, das stört. Mal ist es der direkte Gegner, mal ist es ein Schiedsrichter, und manchmal sind es auch die Leute aus dem Nachbardorf: Seit 1911 wird eine nationale Vereinsmeisterschaft (Interclub) ausgetragen mit der traurigen Folge, dass manch ein NeighbourhoodDerby infolge übertriebenen Ehrgeizes oder krankhaften Kantönli- oder Dörfli geistes zu lokalen Bürgerkriegen ausartet. Es reicht dazu oft die etwas schiefe Optik eines (Heim-)Referees, und schon fliegen auf der idyllischsten Tennisanlage statt der Bälle Bierbänke, Mineralwasserfla schen und Schiedsrichterhochsitze durch die Luft.
Bezeichnenderweise fing die Unbill schon zur Gründerzeit an, als regionale Tennispioniere anno 1896 gleichzeitig in Zürich und St. Moritz die ersten Schweizer Meisterschaften durchführen woll ten. Immerhin endete jener Krach konstruktiv. Die Streithähne gründeten post festum gemeinsam den Schweizerischen Tennisverband. Und die erste offizielle Landesmeisterschaft wurde im Jahr darauf versöhnlich von einem Ausländer gewonnen.