SCHÖN WÄR'S, wenn hierzulande wie in der Grande Nation Kochgrössen vom Schlage eines Horst Petermann, Bernard Ravet oder Philippe Rochat in gewöhnlichen Oberstufenschulen die Schülerinnen und Schüler in der Kunst des Geniessens und der gepflegten Völlerei unterrichten würden. Leider aber ist edles Kochgeschirr aus Kupfer in Schwamendingen so rar wie die kristallene Dekantierkaraffe auf der Ibergeregg. Die raffinierte Finesse und der kultivierte Exzess passen schlecht zu republikanisch-zwinglianischer Nüchternheit. Und überdies kostet dies alles Zeit, Zeit zum Kochen, Zeit zum Geniessen - für so etwas mögen die Franzosen dem Herrgott die Zeit stehlen, wir aber haben weiss Gott Wichtigeres zu tun, als uns mit solchen Lappalien zu versäumen. Lieber ein leichter, schneller «Business Lunch», nach dem man gleich wieder zur Sache gehen kann.
Soweit die Klischees, die wie immer so wahr sind wie ihr Gegenteil. Denn im internationalen Vergleich gehören die Schweizer, inklusive Zürcher, erwiesenermassen zu denen, die fürs Auswärtsessen am meisten Geld ausgeben. Und auch hinsichtlich des Kochens am heimischen Herd brauchen wir uns nicht zu verstecken, allein, für allzu Ausgefallenes haben wir in der Regel wenig Sinn: lieber einmal wissen, wie man richtig panierte Schnitzel macht, als ein Rezept zu deklamieren, bei dem man die Hälfte der Wörter ohnehin nicht versteht.
All dem wird das Lehrmittel der hauswirtschaftlichen Fortbildungsschule «Kochen Braten Backen» in nachgerade idealer Weise gerecht, und so erstaunt es nicht, dass auch bei Menschen, die ausser dem Telefonbuch kaum Gebundenes zu Hause haben, dieser Band so gut wie immer zu finden ist. Manche junge Frau (und neuerdings mancher junge Mann!), die das lindengrüne Buch nach absolviertem Dienst in der Haushaltsschule erleichtert entsorgt hatte, beschaffte es sich danach heimlich wieder, bietet doch dieser kleine Czerny der Kochkunst einen ausgezeichneten Zugang zum weiten Feld der Kulinarik. Freundlich-bestimmt werden wir durch die mit Bau-, Schutz- und Betriebsstoffen gepflasterte Allee der Ernährungslehre geleitet. Gar wehmütig schnuppern wir am Landi-Geist, der uns entgegenschlägt aus braven Diagrammen und aus wohlmeinenden Ratschlägen: «Sind gute Lagermöglichkeiten vorhanden, so ist es vorteilhaft, den Jahresbedarf in Spätsorten einzukellern.» Herrje, der Keller und daneben der Bunker. Es fällt einem gleich dieses Plakat aus den Sechzigern ein: eine zwischen zwei schwarze Zylinderhüte gepresste Erdkugel. Kluger Rat, Notvorrat! Von der Vergangenheit gerührt, rühren wir so im «Hirsotto», der mütterlichen Mahlzeit Helvetias, stecken den Finger in die Käsemasse, die darauf wartet, auf in Fendant getunkte Brotscheiben gestrichen zu werden, und finden im aus Brätkügeli-Sauce aufsteigenden Dampf das verlorene Paradies der Kindheit wieder.
Wo heute jedes Lateinbuch eher wie ein Comic als wie ein Lehrmittel aussieht, scheut sich «Kochen Braten Backen» mit den museumswürdigen Fotos und der klaren Darstellung überhaupt nicht, auf seine Eigenschaft als Schulstoff hinzuweisen. Das sollte uns endgültig zum Kauf bewegen, wird uns doch weiss der Himmel oft genug das Wort vom «lebenslangen Lernen» um die Ohren geschlagen.
«Kochen Braten Backen» v. Gisela Brunner-Gerdes & Esther Naegeli-Streuli, Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, Fr. 15.-.