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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

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© Anna-Lina Balke, Zürich
Folio zeigt auf YouTube die in diesem Text erwähnten Videos. Linktext

Auf YouTube zeigen Millionen ihre selbstgemachten Videos. Sie sind oft rührend unprofessionell und gleichzeitig ethnologische Dokumente einer neuen Internetkultur.

Von Gundolf S. Freyermuth

(Diesen Artikel gibt es auch als amüsantes Video auf Youtube).


Im Mai 2005 lud der 26-jährige Kalifornier Steve Shih Chen sein erstes Video auf eine Website hoch, die er gerade mit zwei Freunden gebastelt hatte. «Pajamas and Nick Drake», 28 Sekunden kurz, zeigte die Katze Pajamas beim Spielen zu Musik des Rocksängers Nick Drake. Die Website, die jedem Benutzer die Gelegenheit bot, mit wenigen Mausklicks kurze Videos zu publizieren, machte unter dem Namen YouTube Furore. 2007 wurde sie von Google für 1,65 Milliarden Dollar gekauft.

Selbst mein zehnjähriger Sohn George hat bereits stolz sein erstes Video online gestellt, gefilmte Szenen aus einem Computerspiel. Er befindet sich in grosser Gesellschaft. Wer Mitte Mai auf YouTube als Suchbegriff «my first video» oder «mein erstes video» eingibt, erhält für die zurückliegenden vier Wochen 10 000 englischsprachige und über 300 deutschsprachige Treffer.

Die meisten Erstlinge erleiden dasselbe Schicksal: Nur ein Mikropublikum will sie sehen. Jenem des YouTube-Mitbegründers Steve Chen (Benutzername Steve; Zahl der Videos, die er sich angesehen hat: 9909) erging es nicht anders. Drei Jahre nach der Veröffentlichung verzeichnet «Pajamas and Nick Drake» kaum 9000 Aufrufe, im Schnitt 9 pro Tag. Die erfolgreichsten der heute rund 85 Millionen Videos auf dem Portal haben fast 90 Millionen Zuschauer gefunden. Das Video meines Sohnes George (Benutzername: nine­taledfox19972, gesehene Videos: 1980) schneidet mit 46 Aufrufen nach 10 Tagen zwar noch schlechter ab als jenes von Chen, sein zweites Werk aber hat mit 122 Aufrufen in 9 Tagen alle Chancen, Chens legendäre Katze einzuholen.

Was veranlasst immer mehr Menschen, unter die Videoproduzenten zu gehen? Wovon handeln diese Filmchen? Welche Bedürfnisse, Sehnsüchte treiben die Webvideo­welle? Ich habe mir 100 Erstlingswerke jüngeren Datums angesehen. Sie fallen in zwei Kategorien.

Die erste besteht aus Anverwandlungen massenkultureller Produkte durch ihre Fans. Diese Remixes werden von Spielevideos dominiert. Zum Beispiel «CSS Bots in freier Wildbahn», ein «Dokumentarfilm» aus dem Spiel «Counter Strike: Source» von r0b0k3nny (20 Jahre alt, gesehene Videos: 30). Ebenso finden sich Montagen von Szenen aus Spielfilmen, Musikvideos und TV-Serien sowie Karaokestücke. Gemeinsam ist diesen Werken die ungebrochene Verehrung für das, was sie meist wenig originell bearbeiten. Dennoch erlebt man überraschende Augenblicke. «Me ­singing from Greenday: Boulevard of Broken Dreams» zeigt einen blassen jungen Mann (Yankee1101, 24 Jahre alt, gesehene Videos: 511), der in einem bläulichen T-Shirt mit der Aufschrift «Chiemsee» zwischen Bauernschrank und Kamera tritt, um schmucklos zu singen: «I walk alone / My shadows the only one that walks beside me…» Oder «Guild Wars – SBD Dance Video» von DJKullerkeks (19 Jahre alt, gesehene Videos: 878): Princess Ofobsidian, Maggy McFly und DJ Zero R legen zum Song «BooM BooM» der Vengaboys eine heisse Tanznummer hin; mal mehr, mal weniger bekleidet, immer aber vergnüglich anzusehen.

Interessanter ist die zweite Kategorie: jene Erstlinge, die mit Originalmaterial operieren, mit Bildern privater Momente und intimen Inszenierungen, um Individuelles, einen Gedanken, ein Gefühl auszudrücken. Eine auffällige Anzahl der Videonovizen erklärt schlicht Liebe, etwa Sueczae1 (20 Jahre alt, gesehene Videos: 83) mit «Für Mausi x3», bei der er sich unter anderem «für die Blondienenwitze» bedankt. Oder Siska0912 (24 Jahre alt, gesehene Videos: 342), die in «My Angel and me» von ihrem Freund schwärmt, der stark und bestens organisiert sei und zudem noch küssen könne. Oder RaCast87 (20 Jahre alt, gesehene Videos: 2639), Autor von «Naschy I love you», der fragt: «Ich hoffe, dieses Video hat dir gefallen»? Doch drei Tage nach dem Hochladen fehlte noch jeder Kommentar…

Vom Genre her ähnlich sind die zahlreichen Oden an vierbeinige Gefährten oder eine vielbeinige Freundesschar. «Ich will dich nie verlieren», schreibt die blonde AsDfGh112 (30 Jahre alt, gesehene Videos: 773) ihrem Islandpferd Ida. Und IIFoxxyII (16 Jahre alt, gesehene Videos: 1015) erklärt uns amüsant «Was ist eigentlich ein FIENCHEN??!!» Erst ein Folgevideo vermeldet Hausratte Fienchens Ableben, «auf Grund eines Tumores» (der auch im Video sichtbar ist). Andere wie xXKuschelboyXx (17 Jahre alt, gesehene Videos: 114) zieht es mehr zu den Mitmenschen: «Thank you Leute» sagt er: «Ich habe euch unendlich dolle Liep.» Und die «Schulbankwärmerin» summerbreez15 (14 Jahre alt, gesehene Videos: 987), zu deren Hobbies es gehört, ­ihren Mathelehrer zu verabscheuen, postet «Für meine Freunde (Teil 1)», obwohl es ihr «relativ egal» sei, wie sie «nach aussen hin rüber komme».

Dass sie sich häufig an Geliebte und Gefährten wenden, scheint typisch für Erstlingswerke. Die meisten Autoren haben lange zugeschaut. Für den Schritt, die Gewohnheit des passiven Konsums zu überwinden und zum Mitmacher zu werden, brauchten sie den Antrieb starker Gefühle. Hat man dann Geschmack an der neuen Ausdrucksform gefunden, folgen Videos zu Vorlieben wie Sport, Tanz, Erotik. Manche steigen auch gleich damit ein. Zum Beispiel Valner666 (20 Jahre alt, gesehene Videos: 596) mit «Industrial Dance», eingeführt mit den Worten «wenn man langeweile hat wa». Oder sie thematisieren ihr eigenes Leiden wie SonjaRIP (16 Jahre alt, gesehene Videos: 230): Im düsteren «Augenblick» erfahren wir mit Erschrecken, der Moment der Selbstverletzung, wenn Blut über den Körper fliesst, sei «der Augenblick – der dir beweist das du noch am Leben bist».

Beide Erstlingsvideos faszinieren mit Einblicken in die Rave- und Ritzer-Subkultur wie sonst Dokumentationen über Naturvölker. YouTube setzt damit die zweitälteste Tradition des WWW fort, die ethnologische. Denn seit den ersten Monaten diente es nicht nur dem Wissenstransfer, zu dem es erschaffen wurde. Es bot immer auch Einblicke in das Leben anderer, erst über Texte, die kein Profi redigiert hatte, später durch Bilder und Töne, nun eben in ­Videos, wie sie die Massenmedien weder produzieren konnten noch gesendet hätten. Weshalb nicht selten deren Hintergründe – unaufgeräumte Zimmer, zuschauende Verwandte und Bekannte – interessanter sind als vieles, was sich im Vordergrund abspielt. Diese Webvideos erretten, wie Siegfried Kracauer es einst dem Film zusprach, die äussere Wirklichkeit. Doch sie zeigen noch mehr, weil sie den Gegensatz von Filmern und Gefilmten aufheben: innere Wirklichkeiten, unverstellte Sehnsüchte und Hoffnungen, Lieben und Leiden, Denkweisen und Praktiken. So viel unsicheres Ausprobieren – und Scheitern. So viel vorsichtiges Ausstrecken von Händen – und so wenige ergreifen sie, rufen die Videos ab, kommentieren, loben.

Ein wenig traurig stimmt das bisweilen, doch dann tippt man den nächsten Suchbegriff ein oder klickt auf eine andere Kategorie und hat nicht nur die Qual der Wahl, sondern auch den Impuls, aufzuschreien: Wie viel Anstrengung, wie viel Lebenszeit hier investiert wird! Wie viel Energie, wie viel Kreativität, die früher vor dem Fernseher verdämmerte! Eine neue Spezies von Mediennutzern wächst heran. Wie wohl werden ihre nächsten Videos aussehen, das zehnte, das hundertste? Zeit, mit unserem ersten zu beginnen…

Das YouTube-Erstlingsvideo zu diesem Artikel sowie alle erwähnten Erstlingswerke finden Sie unter www.youtube.com/user/sendensiesichselbst.

Gundolf S. Freyermuth ist Professor an der ifs, der internationalen Filmschule Köln; er lebt in Berlin und Köln.


Zusatzinformation: Wie Video ins Internet kam

Endlich ist die Technik so weit: Das Webvideo erobert die Bildschirme.

Von Gundolf S. Freyermuth

Fernsehen war nie genug, so sehr sich auch die Kanäle vermehrten. Diesem Leiden am TV verlieh bereits 1992 Bruce Springsteens Song «57 Channels (And Nothin’ On)» lautstarken Ausdruck. Zwei Jahre später entwarf George Gilder in seinem Buch «Life After TV» die Utopie einer besseren Medienwelt. Damals hatte das WWW ausser Texten und Grafiken von geringer Auflösung noch nichts anzubieten: keinen Ton, keine laufenden Bilder. Gilder aber prognostizierte einen radikalen Paradigmenwechsel: An die Stelle passiven Konsums von TV-Programmen zu festgelegten Zeiten werde eine interaktive Nutzung von Aufrufangeboten nach individuellen Interessen und persönlichem Belieben treten.

Bis das WWW diese Hoffnungen halbwegs Wirklichkeit werden liess, verging ein Jahrzehnt. Das Interesse, das erste Onlineruckelbilder in den späten 1990er Jahren weckten, bewies das Verlangen nach Kommunikation und audiovisueller Unterhaltung. Ausserhalb von Nischen wie Webchat oder Pornographie wurde es kaum befriedigt. Nach 2000 kam die breitbandige Vernetzung. Hatten bis dahin Texte und Bilder den Netzverkehr dominiert, so sorgten nun Tauschbörsen wie Napster und Musikläden wie iTunes dafür, dass Musikdateien die meiste Bandbreite frassen.

2005 geschah dann der audiovisuelle Urknall: YouTube ging online. Scott Kirsner beschreibt die Konsequenzen in «The Future of Web Video» als die dritte audiovisuelle Medienwende (nach Kino und Fernsehen). Binnen Monaten explodierte die Videonutzung. 2006 war YouTube die am schnellsten wachsende Website, weltweit entstanden Imitationen. Anfang 2008 machten Videopakete schon mehr als die Hälfte des Netzverkehrs aus. Gegenwärtig schauen allein die 135 Millionen US-Onliner jeden Monat rund 10 Milliarden Webvideos, 75 pro Person oder 204 Minuten monatlich. Wobei ein klares Altersgefälle besteht: Je jünger die Nutzer, desto intensiver die Nutzung. Die Site duldet weder Porno noch Gewaltverherrlichung; Verstösse werden von den Benutzern angezeigt und von YouTube gegebenenfalls entfernt. YouTube gehört seit 2006 zu Google.

Die Konsequenzen des Webvideo-Siegeszugs scheinen weitreichend. Manche befürchten, das Schwinden des Massenmediums Fernsehen werde einen Verlust an sozialer Bindung und politischer Teilhabe bewirken. Andere beobachten das Entstehen einer demokratisierten audiovisuellen Kultur. Technisch jedenfalls ist die hierarchische Trennung in Sender und Empfänger aufgehoben: Jeder Laptop- oder Handybesitzer kann überall und jederzeit Audiovisuelles nicht nur nach Belieben konsumieren, sondern auch selbst produzieren und weltweit anbieten.


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