NZZ Folio 02/94 - Thema: Städte   Inhaltsverzeichnis

Fremd unter Fremden

713 000 Einwohner aus 138 Nationalitäten - die Metropole Amsterdam übt sich in Toleranz.

Von Peter Haffner

DIE METRO NACH einer Station wie Ganzenhoef besteigen zivilisierte Amsterdamer mit der grimmigen Entschlossenheit derer, die hoffen, dass die Wilden, die da hausen, schon gespeist haben. Wann immer das Fernsehen den Verfall von Sitte, Moral und jenem Krämerfleiss zeigen will, der die Niederlande in Toleranz und Tulpenzucht führend gemacht hat, schickt es ein Team dahin. Das Einkaufszentrum mit dem Charme einer nie endenden Unterführung spielt seine Rolle, als sei es für ein Stück von Beckett hergerichtet. Erwartungsfroh beschimpft einer seinen auserwählten Betonpfeiler, während ein anderer zielstrebig einen imaginären Abschnitt der Einöde ausschreitet und weitere warten, bis sie schwärzer nicht mehr werden können. Hier ist Afrika, hic sunt leones – das Ende der bekannten Welt.

Man hat zum Farbkübel gegriffen, um diesem Freiluftbunker einen Anstrich von Fröhlichkeit zu verpassen; und irgendwann muss jemand auf die Idee gekommen sein, die Betondecken mit immergelb leuchtenden Neonsternen zu garnieren, um deutlich zu machen, dass hier alles so traurig wie Weihnachten ist. Schwer zu sagen, wer eigentlich was verkauft; zwischen einem Geschäft mit verendeten Kühlschränken, denen die Gedärme heraushängen (geschlossen), und dem «Mahatma Gandhi Centrum» (geschlossen) gibt nur der zuverlässig aus dem Coffeeshop dringende Haschischduft Indiz, dass die Wüste lebt.

Bijlmermeer, der Vorort im Südosten von Amsterdam, wo Ganzenhoef liegt, wurde Ende der sechziger Jahre aus dem Boden gestampft; ein Werk wie im Wahn gebaut und vollendet von Architekten, die bei Honecker, Gomulka & Partner in die Schule gegangen sein müssen. Die «Stadt der Zukunft» mit 13 000 Appartements für 100 000 Menschen, ein Spross des sozialdemokratischen Drangs, Luft, Sonne, Grün und die arbeitenden Massen gleichberechtigt zu verteilen, erstreckt sich auf einer Fläche von 900 Hektaren. Bis zu dreizehnstöckige lindwurmartige Blöcke mit je mehreren hundert Galeriewohnungen, direkt an Hochgaragen angeschlossen, sind im trockengelegten Sumpf zwischen Hochstrassen und Autobahn so geometrisch sauber ausgelegt worden, dass es eine Freude sein muss, das Gesamtkunstwerk zu betrachten – vorausgesetzt, man ist Pilot oder Architekt und sieht die Welt grundsätzlich im Massstab 1:500.

Die Bäume, sagen Spötter, werden hier immer wie Büsche aussehen; aber die Nachtigall, das steht in jedem Prospekt, singt nur in Bijlmermeer, in den verlorenen Weiten zwischen den Silos für Autos und Menschen und den endlosen Gängen – den «nachbarschaftlichen Treffpunkten» – von Lift zu Lift.

Im Vierteljahrhundert seit dem Novembertag 1968, als die erste und überdies waschechte Holländer Familie, achtköpfig, in Bijlmermeer einzog, hatten die Innenstädter ihren Mustertrabanten vergessen – bis zu jenem 4. Oktober 1992, als ein Grossraumfrachter der El Al kurz nach dem Start im nahen Flughafen Schiphol zwei Triebwerke verlor, in zwei zehngeschossige Mietskasernen raste und einen Wirrwarr von Gebäude-, Flugzeugtrümmern und Leichenteilen hinterliess. Während man in den ausgebrannten Ruinen nach Überlebenden und Toten suchte, begannen die Spekulationen über die Opfer; Einwanderer aus Surinam (dem früheren Niederländisch-Guayana), Nachfahren von einst dorthin verschleppten ghanesischen Sklaven, Landsleute aus den Niederländischen Antillen. Gefunden hat man die Überreste von fünfzig Menschen, knapp zwanzig davon konnten identifiziert werden; die Experten meinten, viele seien in der Flammenhölle spurlos verbrannt. Der Amsterdamer Polizeichef Erik Nordholt, der seine Mitbürger immer wieder gerne erschreckt mit Mitteilungen wie: die Parteien seien vom organisierten Verbrechen infiltriert oder die Antillen schöben straffällige Jugendliche böswillig in die Niederlande ab, wusste von zehntausend Illegalen da draussen. Als Bürgermeister Ed van Thijn die Geschädigten aufrief, sich zu melden und den Illegalen unter ihnen Amnestie, Hilfe und Schutz vor Ausschaffung offerierte, sah man sich unversehens mit zweitausend Bedürftigen konfrontiert, die in den 77 verwüsteten Appartements gewohnt haben wollten. Nun pochten sie auf ihr Aufenthaltsrecht.

Die Flugzeugkatastrophe hatte vor Augen geführt, in was für einer Gesellschaft man lebte. Holland hatte seine Kolonien verloren, aber Amsterdam hatte eine gewonnen. Der Blick in den Spiegel einstigen Ruhms und Glanzes war wenig erfreulich. Bijlmermeer, lange leerstehend, dann besetzt von Junkies und Dealern, war in den Siebzigern mit Farbigen aus dem eben in die Unabhängigkeit entlassenen Surinam besiedelt worden. Gross blieb alles hier – jetzt ist es mit zwei Dritteln Ausländeranteil die grösste Kolonie arbeitsloser Minderheiten in Holland.

Nun will man, beginnend in Ganzenhoef, Bijlmermeer erneuern – demolieren, bebauen, begrünen, befrieden. Eine Wache wird aufgezogen, rekrutiert aus Arbeitslosen und zwei Kompanien stark, mit Funktelefonen und Hauptquartier; sie soll dafür sorgen, dass niemand seine Freizeit nutzt, Telefonkabinen zu zertrümmern, Passanten auszurauben oder Frauen zu vergewaltigen.

Man pflegt in den Niederlanden die Bevölkerung vorurteilsfrei in Allochthone und Autochthone – Zugezogene und Alteingesessene – zu unterteilen, aber der Scheidung kommt immer mehr Bedeutung zu in einer Zeit, in der trübe wirtschaftliche Aussichten, Kriminalität und Drogen die Bürger bange machen. Den Hauptharst der Zuzüger stellen zwei Gruppen: die Einwanderer – niederländische Staatsbürger – aus den ehemaligen Kolonien und die Fremdarbeiter aus den Mittelmeerländern. Amsterdams Statistik zählt 138 Nationalitäten; von den rund 713 000 Einwohnern sind 27,5 Prozent ausländischer Herkunft – 61 000 Surinamer, 39 000 Marokkaner, 27 000 Türken und 10 000 Antillaner führen die Liste an. (Was die Illegalen betrifft, schwanken die Schätzungen zwischen 30 000 und 150 000 für die Niederlande insgesamt, in Amsterdam allein sollen sich 10 000 Marokkaner illegal aufhalten.)

Studiert man die Zahlen zum Bijlmermeer, zur Stadtbevölkerung oder zur Wohlfahrt, springt etwas ins Auge, was man als die Magie der Hälfte bezeichnen könnte. Die Hälfte der rund eine halbe Million zählenden Bevölkerung Surinams lebt in Holland, die Hälfte der Einwohnerschaft von Bijlmermeer stammt aus Surinam, und die Hälfte der Surinamer – wie auch der Türken, der Marokkaner, der Antillaner und anderer Ethnien – ist arbeitslos und lebt von der Wohlfahrt. 1200 Gulden im Monat bekommt ein alleinstehender Arbeitsloser, 1800 Gulden ein Paar – in Bijlmermeer kostet eine Dreizimmerwohnung 785 Gulden monatlich. So schlecht leben lässt sich vom Wohlfahrtsgeld nicht, von dem denn auch ein beträchtlicher Teil an die Familien und Verwandten in der Heimat geht; zwischen einer und drei Milliarden Gulden jährlich fliessen allein nach Surinam, wie die Journalistin Usha Marhé, selbst Surinamerin, schätzt.

Die Surinamer waren in drei Einwanderungswellen gekommen – 1975, als Bürgerkrieg drohte, 1980, als die Armee putschte, und 1982, als die Militärs Oppositionelle abschlachteten. Usha Marhé fand von Trinidad über England und Belgien illegal nach Amsterdam, wo sie mit zwei Taschen in der Hand in der Stadt herumzog, bis sie in Bijlmermeer eine Wohnung bekam und die Behörden überzeugen konnte, in der Heimat gefährdet zu sein. Dass der Jumbo just in ihrer Nachbarschaft abstürzte, war für die Neunundzwanzigjährige jenes bittere Berufsglück, das man sich so wenig wünscht wie man es ignoriert. Ihre Stories wurden beachtet, und sie nutzte die Gelegenheit, allen deutlich zu machen, dass Bijlmermeer nicht der Ort ist, vor dem uns Dante schon immer gewarnt hat. Man organisiert sich – in der Nachbarschaft kocht eine Frau jeden Freitag für Freunde und Freunde von Freunden, die Kirche tut etwas, jedes Wochenende ist Dancing Party. Nur das Eingeschlossensein in Häusern ist ein Schreck geblieben, den das Fotoalbum mit seinen Erinnerungen nicht mildert: Hütten, Häuser und Dschungelguerillas, die breitbeinig ihr bestes Stück samt Munition zur Schau stellen und hinter dunklen Sonnenbrillen gefährlich dreinschauen. Wovon immer Usha Marhé träumen mag, von der Wärme und den Düften und dem Leben draussen unter Palmen – sie liebt diese Gesellschaft mit den Nachbarn aus den Antillen (links), den Molukkern (rechts), den Landsleuten (oben) und dem holländischen Paar (unten). Sagt sie jedenfalls. Und meint, dass sie nie in die Innenstadt ziehen würde – des Hundedreckes wegen, der die Grachten säumt.

NOCH MEHR ALS DIE FREMDEN fürchten die Holländer die Fremdenfeindlichkeit. Deren bezichtigt zu werden ist fast so schlimm wie deutsch zu sein. Nicht lange ist es her, dass Prinzessin Beatrix’ Heirat mit einem Deutschen brave Bürger mit protestierenden Provos einte. Und wenn heute einzelnen Deutschen Deutschland über alles geht, demonstrieren in Amsterdam Zehntausende gegen den Rassismus, von der Linken bis zu den Liberalen und unter Beteiligung von Ministern der christlichdemokratisch-sozialistischen Koalitionsregierung und Politikern anderer grosser Parteien, und Premierminister Lubbers hält eine Rede und sagt, die Niederlande seien kein Land des Rassenhasses.

Die Stadt macht es einem schwer, ihre Begeisterung für Toleranz zu ignorieren. Da stolpert man Tag für Tag über dieselben dreieckigen, gleichschenkligen Marmorplatten vor einer Kirche unweit des Hotels in der Keizersgracht, bis man sich in der Annahme, es handle sich um ein Heiligengrab der Postmoderne, bequemt, die Inschrift zu studieren. Das Mahnmal, ein Werk der lesbisch-schwulen Internationale, ist allen ihrer Neigung wegen Unterdrückten und Verfolgten geweiht. 1993 hat Den Haag ein Gesetz verabschiedet gegen jegliche Diskrimination, sei es wegen Homosexualität, Rasse, Nationalität, Geschlecht, politischer Einstellung oder religiöser wie nichtreligiöser Überzeugung. Diskrimination nicht zu inkriminieren zeugt von mangelndem Sportsgeist. Als im vergangenen Herbst am Hafen hinter dem Amsterdamer Hauptbahnhof ein Markt nur für Immigranten eröffnet wurde, beklagten sich diese schon tags darauf, sie fühlten sich diskriminiert, solange keine Einheimischen zugelassen seien.

Noch immer sorgt Holland für erfrischende Nachrichten. Wenn nicht gerade die Armee halbiert und die Wehrpflicht abgeschafft wird oder ein Gesetz zur Ausrottung von Pitbull-Terriern in Kraft tritt, werden bestimmt ein paar hundert Kilogramm Haschisch aus einem Polizeiposten gestohlen. Amsterdam ist, was es war – eine Stadt, deren Bürger «aus Prinzip dagegen» sind und zufrieden an dem leiden, was Nato-Generäle «die holländische Krankheit» genannt haben.

Die Handelsmetropole stand, seit die Juden aus Spanien, Portugal und Deutschland und später französische Hugenotten Zuflucht gefunden hatten, Menschen aus aller Herren Ländern offen, zumal wenn sie zu Wohlergehen und Aufschwung beitrugen. Der Einfluss von Zuzügern war so bedeutend wie die Notwendigkeit, zusammenzustehen. Unter dem Meeresspiegel liegend, ist der Archipel mit seinen 90 Inseln, 100 Grachten und über 400 Brücken nicht gegründet, sondern geschaffen worden. Der Bau von Deichen, Gräben, Kanälen, Schleusen und Pumpmühlen hat einen Menschenschlag geprägt, dem liberale Tugenden nicht eingebleut zu werden brauchten. Mit Ed van Thijn, eben zum Innenminister berufen, hatte Amsterdam zum drittenmal nacheinander einen Juden und Sozialisten zum Bürgermeister. Den Sprachkenntnissen und Handelskontakten seiner Glaubensgenossen, die im 15. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben worden waren, verdankt das protestantisch-calvinistische Amsterdam sein «goldenes» 17. Jahrhundert. Auf den im Zweiten Weltkrieg geübten zivilen Ungehorsam gegen die Deportation in die Vernichtungslager ist man hier, in der Stadt von Anne Frank, noch heute stolz – an den Februarstreik von 1941 wird alljährlich erinnert.

Das Klima der Toleranz und Religionsfreiheit muss letztlich allen behagt haben, auch Katholiken, protestantischen Dissidenten und anderweitig Geächteten. Was Wunder, dass die Oude Kerk, Amsterdams älteste Kirche, heute im Rotlichtbezirk inmitten eines rosa Kranzes jener Nischen der Begierde thront, in denen beleuchtete Huren stricken oder gelangweilt an Plasticpenissen lutschen, um aus den flanierenden Scharen von Touristen und Damenkränzchen die Freier zu locken. (Aber nicht deswegen hat man aus dem Haus des Herrn ein Kulturzentrum gemacht.)

Die Vereenigde Oost-Indische Compagnie, der erste multinationale Konzern Europas, hatte während zweier Jahrhunderte mehr als eine Million Menschen dorthin geschickt, wo der Pfeffer wächst – und Gewürznelken, Muskatnüsse, Zimt und Tee; von Amsterdam aus erstreckte sich das Geschäftsnetz über den Arabischen Golf, Indien, Indonesien und Siam bis nach Japan. Hollands Rolle in der Geschichte stand in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Grösse. Doch während die Briten ihr Imperium mit dem Glas in der Hand und einem letzten Toast dahinschwinden liessen, machten sich die Holländer daran, ihre Untertanen zur Räson zu prügeln. Nun scheint es, als wolle man wiedergutmachen. Das erklärt die Vorsicht, mit der sich selbst Vertreter jener Klasse, deren Philanthropie weniger dem Menschen als seiner Arbeitskraft gilt, zu Fragen der Immigration äussern. Einen Slogan wie «das eigene Volk zuerst» zitieren sie voll Verachtung, um dann zu finden, die Niederlande seien kein Einwanderungsland.

Es sind die Widersprüche, die Amsterdam lebendig erhalten. Selbst die Polizei ist keine richtige Polizei und geradezu versessen darauf, Sozialarbeiter zu spielen. Wenn junge Marokkaner Handtaschen klauen und Probleme machen, schnappt sie sich ein paar, steckt sie in Uniformen und lässt sie patrouillieren, damit sie für Recht und Ordnung sorgen, und natürlich versehen die Jungkriminellen ihren Dienst mit dem Eifer karrierebewusster Aspiranten. Wen will es da noch erstaunen, dass einem ein hochgewachsener, graumelierter Polizeioffizier auf die Frage, woher denn dieser Korpsgeist stamme, zu verstehen gibt, sie seien eben alles Achtundsechziger?

ES IST ETWAS MERKWÜRDIGES mit den Fremden. Liesse sich nicht alles, was mit ihnen und einer Stadt zu tun hat, als die Gestaltung von Räumen beschreiben, zu denen man mehr oder minder Zutritt findet? Schlendert man, ausgehend von der Binnen Bantammerstraat beim Nieuwmarkt, durch das kleine, aber emsig im Ausbau begriffene Chinesenviertel mit seinen buntgoldenen Warenhäusern voll buntgoldener Porzellannippes fürs buntgoldene Buffet, mit den Billiglokalen und Restaurants mit dem süsssauren Geruch geleimter Suppe in der Luft, begreift man, warum die einst geplagten «Pinda-Mannen» (die «Spanisch-Nüsschen-Chinesen») integriert sind. Da ist alles einladend, alles auf Öffentlichkeit ausgerichtet: Komm, iss, probier, sieh dich um! Die Chinesen, die in den zwanziger Jahren übers Meer kamen, waren die ersten Farbigen im Stadtbild; mitverantwortlich dafür, dass Amsterdam das feinmaschigste Restaurantnetz der Welt hat und man schon Pech haben muss, wenn man in eine holländische Kneipe gerät. Amsterdams Grundriss, Cees Nooteboom hat es festgestellt, gleicht selbst einem chinesischen Schriftzeichen. Aber es ist einfacher, einen Priester über sein Sexualleben zu befragen als von einem Chinesen etwas über seine Geschichte zu erfahren. Integration? Die Höflichkeit setzt so bestimmt eine Grenze, wie sie zum Überschreiten der Schwelle ins Lokal lädt.

Wo Chinesen sind, da ist China. Im Gegensatz zu ihnen sind die Indonesier, die in den fünfziger Jahren als ehemalige Angestellte, Beamte oder Soldaten der niederländischen Kolonialherren aus der neugegründeten Republik ausgewiesen wurden, über die ganze Stadt und alle sozialen Schichten verteilt. Holländisch sprechend, hatten sie eine holländische Erziehung genossen und waren von Kind auf dem Mutterland zugetan. Sie sind Amsterdamer geworden, nicht wie die Molukker, die sich dagegen sperren, weil ihre Inseln von Indonesien okkupiert worden sind und sie sich – verdiente Soldaten der Kolonialarmee – als Flüchtlinge und nicht als Einwanderer verstehen. Man hat sie teilweise ins ehemalige Konzentrationslager der deutschen Besatzungsmacht in Westerbork in der Ostprovinz Drenthe gesteckt; samt Exilregierung harren sie der Unabhängigkeit ihrer Heimat. Ihre Kinder sind das, was man eine verlorene Generation nennt. In den siebziger Jahren hatten molukkische Terroristen von sich reden gemacht, als sie einen Zug entführten; dann hat man ihnen ein paar Rechte zuerkannt, Integrationsprogramme auf die Beine gestellt und sie bald wieder vergessen.

BOS EN LOMMER im Nordwesten ist ein Quartier, das den stillen Frieden proletarischer Rechtschaffenheit und solider Backsteinarchitektur atmet. Die Leute stellen ihre Nippes, Porzellanelefanten, Puppen und Pinguine zwischen Vorhang und Fenster, so dass die Passanten sehen können, wozu man es gebracht hat. Wie Bijlmermeer nach dem Flugzeugabsturz, schreckte Bos en Lommer Mitte der achtziger Jahre die Öffentlichkeit, als die Zentrumsdemokraten zehn Prozent der Stimmen machten. Auch in Amsterdam gab es also eine Basis für Rechtsparteien, Ausländerhass und gesundes Volksempfinden.

Vor allem Türken und Marokkaner, die Arbeitsimmigranten der sechziger Jahre, haben das alteingesessene Arbeiterviertel mit seinen rund 32 000 Einwohnern verändert. Das war schon anderswo der Fall, in De Pijp im Süden beispielsweise, wo in der Albert Cuypstraat täglich der grösste Markt der Stadt stattfindet. Aber De Pijp war schon immer eine Melange von Künstlern, Studenten, Fremden und Gestrandeten, eine Gegend, in der ein Spaziergang durch zwei, drei Seitenstrassen, vorbei an Imbissstuben, Restaurants, Läden und Gewerbebuden – «Black Beauty Hair Cosmetic Centre – Nobody does it better!» –, gut und gern eine Weltreise ersetzt. Bos en Lommer war ordentlich und ehrlich, mit Kneipen, in denen die Teppiche auf dem Tisch blieben, wie sich das gehört. Als Muslime blieben die Türken und Marokkaner, die der billigen Wohnungen wegen hierher zogen – eine Dreizimmerwohnung kostet 350 Gulden –, ihrer Tradition verhaftet; die Frauen tragen Schleier, die Männer sitzen in ihren Kaffeestuben, wo sie den Tag verschwatzen, und Fremde, das heisst Holländer, fühlen sich da weder hingezogen noch willkommen. Und ärgern sich, wenn sie beim türkischen Fleischer das Doppelte bezahlen.

Nun soll, wie schon in der Drogenpolitik, auch in der Ausländerpolitik die Doppelstrategie von Entmutigung und Betreuung Einzug halten. Es gibt ein «Rückführungsprogramm» für Türken und Marokkaner; rot op premie , «Verpiss-dich-Prämie» heisst der Köder im Volksmund. Die Herkunftsländer sind auf eine Rückkehr ihrer Auswanderer nicht erpicht, übersteigen doch deren Devisen die Einkünfte beispielsweise aus dem Tourismus.

Jan Beerenhout, der den Amsterdamer Polizeichef Nordholt in Immigrationsfragen berät, zählt zu den wichtigsten Fürsprechern einer neuen Politik, die auf Integration drängt. Der kontaktfreudige, bärtige Mittfünfziger, Sozialist, hat jahrelang genau das Gegenteil vertreten, hat den lerneifrigen Eingeborenen Kurse gegeben, die Sitten und Gebräuche «unserer Gäste» besser zu verstehen, ihre Kultur und Sprache kennenzulernen und mit Stäbchen und Fingern zu essen. Zum Meinungsumschwung hat nicht zuletzt der Druck von Vierteln wie Bos en Lommer beigetragen. Ausländerfeindlichkeit zeigt sich weniger in Wort und Tat als in Wahlergebnissen; 1990 haben rassistische Parteien im Stadtparlament drei Sitze gemacht. Die «neuen Realisten» in der Sozialistischen Partei, zu denen Jan Beerenhout zählt, setzen auf Integration und damit auf sanften Anpassungszwang. Beerenhout war Sekretär der holländisch-türkischen Handelskommission, als 1962 die ersten Türken kamen. Damals hat er, wie nicht nur die Linke, die Einwanderer als Opfer des Kapitalismus betrachtet, ohne Verantwortung für ihre Entscheidung, auszuwandern; als Kinder, die man zu sich nehmen und liebhaben muss. Noch heute liebt er sie. Er selber ist mit sechzehn zum Islam konvertiert, seine Tochter ist mit einem Türken verheiratet, aber er ist ein Gegner der multikulturellen Gesellschaft geworden, des Konzepts, wonach Ethnien nebeneinander und ohne einander leben sollen. Nun sind Kurse angesagt, die Titel tragen wie «So benimmt man sich in den Niederlanden». Von der Sprache bis zur Rolle der Frau in der Familie heisst die Parole: Wer dableiben will, hat sich anzupassen – tut er das nicht, soll er gehen.

Denn schliesslich, finden viele Amsterdamer heute, gibt es auch so etwas wie «positive Diskriminierung» – und ist die nicht, wie jede Diskriminierung, von Übel?


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