NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Rückkehr von Kleiner Brauner Bruder

Von Herbert Cerutti

IN EINER HERBSTNACHT im unteren Thurtal geht es der Pappel an den Kragen. Ein Biber hockt vor dem Stamm. Die oberen Schneidezähne in der Rinde verankert, meisselt er mit den unteren lange Späne aus dem Holz. Nach Stunden unermüdlichem Raspeln hat das Tier der Pappel eine fragile Wespentaille verpasst - der Baum kracht zu Boden. Im besten Fall fällt der Stamm ins Wasser. Umsonst geschuftet hat der Holzfäller, wenn der Baum beim Kippen an einem Nachbarbaum hängen bleibt. Zuweilen wird ein Biber vom stürzenden Holz erschlagen. An grosse Brocken macht sich der Biber nur, wenn in der Gegend seine Lieblingsware fehlt: das weiche Holz junger Weiden und Erlen. Eine armdicke Weide legt der Nager innert Minuten um.

Liegt der Baum am Boden, schlägt sich der Biber erst mal den Bauch mit Rinde und Blättern voll. Das Tier braucht täglich bis zu fünf Kilogramm der wenig nahrhaften Speise, denn sie enthält viel Zellulose und im Falle der Weide Salicylsäure, eine Vorstufe von Aspirin. Damit die unverdaulichen oder giftigen Teile dem Tier trotzdem bekommen, hält es in seinen grossen Blinddärmen als Vorverdauer ein Heer spezialisierter Bakterien.

Was der Biber nicht sofort konsumiert, wird in meterlange Stücke zerlegt, ins Wasser gezerrt und schwimmend zum Bau geschleppt. Dort verankert das Tier die Ernte unter Wasser - Vorrat für den Winter, der auch erreichbar bleibt, wenn die Wasseroberfläche zufriert. Im Sommer isst der Biber Knollen und Wurzelstöcke von Schwertlilien und Seerosen, Mädesüss und Honigklee, Bärenklau und Löwenzahn. Und wo nahe am Wasser Mais oder Zuckerrüben wachsen, nascht der Biber auch davon.

Bis zu 30 Kilogramm schwer und 1,3 Meter lang (davon gut 30 Zentimeter Schwanz), ist der Biber nach dem südamerikanischen Wasserschwein das grösste Nagetier. Der Biber hat sich perfekt dem Leben am und im Wasser angepasst. Er buddelt sich in der Uferböschung einen Erdbau, den Eingang versteckt im Wasser, den Wohnkessel trocken über dem Wasserspiegel. Ist das Ufer flach, errichtet der Biber mit Holz und Schlamm über dem Unterwassereingang eine Kuppel. Die aufgeschichtete Wohnung kann zur etliche Meter hohen Biberburg wachsen. Damit es in der Stube behaglich wird, polstert der Biber sein Nest mit den beim Holzen reichlich produzierten Schnipseln.

Existentielle Sorge bereitet der Wasserstand: Der Eingang zum Bau muss auf jeden Fall unter, der Wohnkessel über dem Wasserspiegel liegen. Biber bevorzugen deshalb stehende oder mässig fliessende Gewässer wie Altläufe, Weiher oder kleinere Seen. Grosse Flüsse sind zwar als Wanderrouten nützlich, zum Wohnen aber ungeeignet, denn die im Bau gefangenen Jungen müssten bei Hochwasser ertrinken. Ein Biber braucht für sein nautisches Leben mindestens 60 Zentimeter Wassertiefe. Ein zu seichtes Gewässer staut er mit einem Damm. Dazu rammt das Tier als Fundament armdicke Knüppel in den Schlamm, verkleidet das Skelett mit Ästen, Zweigen, Schilf und stopft dann mit den Vorderpfoten als Dichtungsmasse Lehm und Schlamm in die Fugen. In Nordamerika hat man bis 200 Meter lange Biberdämme gefunden.

Der Biber ist körperlich bestens für das nasse Element gerüstet. Schwimmhäute an den Hinterpfoten sorgen für kräftigen Antrieb. Ein Wollfell mit bis zu 23 000 Haaren pro Quadratzentimeter wird von Grannenhaaren überdeckt, so dass beim Abtauchen in der Wolle ein isolierender Mantel aus feinen Luftbläschen erhalten bleibt. Durch Einfetten mit dem Öl aus einem Drüsenpaar im Afterbereich imprägniert der Biber seinen Tauchanzug. Beim Tauchen verschliessen sich Nase und Ohren; eine durchsichtige Nickhaut schützt die Augen.

Nagt das Tier unter Wasser, kann es die Backenhaut in die Mundhöhle ziehen und so den Rachen wasserdicht verschliessen. Selbst den After schützt der Biber durch einen Ringmuskel vor eindringendem Wasser. In einer Tasche im After verbirgt sich auch der Penis, weshalb Männchen und Weibchen äusserlich kaum zu unterscheiden sind.

Auf das Holzfällen spezialisiert sind die Nagezähne, die lebenslang nachwachsen. An der Vorderseite verstärkt eine sehr harte, orangerote Schmelzplatte den weicheren Zahnschmelz. So bildet sich beim Abnutzen der Zähne vorne laufend eine scharfe Kante - ein sich selbst schleifender Biomeissel.

Zum Markenzeichen des Bibers geworden ist der abgeplattete Schwanz, ein haarloses, beschupptes Paddel. Die «Kelle» funktioniert beim Schwimmen als Steuerruder und Zusatzantrieb. Sie stützt beim Holzfällen den Körper; im Nest dient sie als Isoliermatte für die Jungen. Auch speichert der Schwanz Fett für den Winter.

Im Sommer aber hängt der Biber das nackte Endstück als Wärmetauscher ins kühle Wasser. Und wenn der Biber normalerweise lautlos ins Wasser gleitet, warnt er bei Gefahr mit klatschender Kelle die Artgenossen. Der Biberschwanz lieferte im 18. Jahrhundert das Argument für eine klerikale Spitzfindigkeit: «Bezüglich seines Schwanzes ist er ganz Fisch, und er ist als solcher gerichtlich erklärt durch die Medizinische Fakultät in Paris, und in Verfolg dieser Erklärung hat die Theologische Fakultät entschieden, dass das Fleisch an Fastentagen gegessen werden darf.»

Der Biber hat über Jahrmillionen die eurasischen und nordamerikanischen Flusslandschaften mitgestaltet. Staut er ein Flusstal, gehen im erhöhten Wasserpegel die Nadelbäume zugrunde, und es wachsen nässeliebende, schnellwüchsige Weichhölzer wie Weiden und Pappeln. Hat der Biber die neuen Hölzer lokal genutzt, entstehen an den Teichen lichtdurchflutete «Biberwiesen» - Lebensraum für Wasservögel, Kleinsäuger, Insekten, Gräser und Kräuter. Verlässt der Biber eine Region, verlanden die Teiche; es entstehen Moore und schliesslich Wiesen und wieder Wald.

Noch vor 300 Jahren war der Biber im europäischen und nordamerikanischen Tiefland allgegenwärtig. Die Indianer nannten ihn Kleiner Brauner Bruder. Sie verehrten den Nager als Heilbringer und hielten zahme Biber wie Haushunde. Den Weissen aber war die Kreatur scheinbar unerschöpfliche Ressource. Das Fell diente als modischer Winterpelz; das schmackhafte Fleisch war (nicht nur in der Fastenzeit) begehrt.

Und einmal mehr glaubte der Mensch sich Gesundheit und Potenz aus dem Tierkörper holen zu müssen: Das in den Afterdrüsen produzierte Öl verfestigt sich zu einer moschusartigen Paste, dem «Bibergeil». Bibermännchen und -weibchen markieren mit dem prägnanten Duftstoff ihr Revier; der Mensch nutzte das schon im Altertum als «Castoreum» geschätzte Sekret gegen Krampf, Hysterie und müden Sex.

Schon im 18. Jahrhundert schwanden in Europa die Biberbestände bedrohlich - und man liess sich von der Hudson Bay Company Hunderttausende von Fellen aus der kanadischen Wildnis schicken. In der Schweiz, wo prähistorische Knochen und Ortsnamen wie Bibern oder Biberbrugg eine ursprünglich weite Verbreitung belegen, wurden schon um 1800 die letzten Tiere ausgerottet. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in ganz Europa nur noch Restbestände in Frankreich an der unteren Rhone, in Deutschland an der Elbe, in Südnorwegen sowie in Russland - insgesamt kaum mehr als 1200 Tiere.

Anfang des 20. Jahrhunderts hat man erst in Amerika und schliesslich auch in Europa doch noch gemerkt, welch ein Verlust drohte; man ergriff Schutzmassnahmen und lancierte Wiederansiedlungsprogramme.

Es spricht für die Robustheit des Bibers, dass er sich vielerorts wieder tüchtig vermehrt, obschon mittlerweile die geeigneten Auenlandschaften selten geworden sind. In Deutschland gibt es heute im Donaugebiet um die 3000 Biber; dank starken Beständen in Skandinavien und im Baltikum dürften europaweit über 300 000 Tiere vorhanden sein.

In der Schweiz sind ab 1958 erst in Genf am Flüsschen Versoix, dann auch in sieben weiteren Kantonen bis 1977 insgesamt 141 Biber ausgesetzt worden. An manchen Orten erwies sich die Aktion jedoch als Fehlschlag - etwa an der Aare zwischen Aarau und Brugg, wo sich die ausgesetzten Tiere vermutlich wegen Hochwassers und Nahrungsmangels nicht etablieren konnten. Dafür wanderten Biber in eher ungewöhnliche Gebiete ein. So an den Himmelbach in Kloten zwischen Flughafen und Waffenplatz, wobei sie die Landepiste in einer 370 Meter langen Kanalröhre schwimmend unterquerten.

Heute umfasst der Schweizer Biberbestand um die 400 Tiere in zahlreichen räumlich getrennten Teilpopulationen, etwa im Genferseebecken, an der Rhone im Wallis, im Seeland, im Thurgau und bei der Aaremündung. Um die noch fragilen Vorkommen zu stärken, hat das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft 1996 die Biberschutzstelle Schweiz geschaffen. Zusammen mit den Kantonen sollen nun die Biberlebensräume besser geschützt und ökologisch aufgewertet werden, etwa durch Pflanzen von Weiden und Renaturierung verbauter Bachufer.

Wichtiges Fernziel ist ein Vernetzen der isolierten Vorkommen, indem man den jungen Bibern ein Abwandern in neue Gebiete ermöglicht. Dazu müssen entlang den Flussstrecken Hindernisse entschärft werden: Durch Anlegen einer Gewässerschlaufe oder eines ungestörten Hohlwegs kann Flusskraftwerken ausgewichen werden; verbaute Gewässerabschnitte oder Siedlungen lassen sich durch «Trittsteine», wo dem Biber lokal Schutz und Nahrung geboten werden, passierbar machen.

Man hofft, dereinst nicht nur die 45 Kilometer breite Biberlücke an der Aare zwischen Wangen und Schönenwerd zu schliessen, sondern auch entlang dem Neuenburgersee und über die Orbe-Ebene die getrennten Biberwelten der Einzugsgebiete von Rhein und Rhone zu verknüpfen. Mit Korridoren zum Elsass oder nach Savoyen sind europäische Biberschutzziele anvisiert.


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