DER JUNGBRUNNEN starb aus, der Rentnerberg wächst. Doch ach, echte unverfälschte Greise und Greisinnen können kaum rückgezüchtet werden. Weisse Haare allein machen keinen Kopf zum greisen.
Natürlich kann ein rüstiger Trimm-dich-Mittsiebziger erfreulicher aussehen als ein Mümmel-, Zitter- und Tattergreis, zumal Buddha unter die drei Seuchen der Menschheit an vorderster Stelle das Greisentum rechnet. Insgesamt aber fehlt es im Abendgrau an jener Greisensorte, wie sie auf Holzschnitten von Ludwig Richter und in Gedichten der Spätromantik noch gang und gäbe war. Statt dessen stehen an der Tramhaltestelle Omas und Omis herum, Oldies, Pensionsberechtigte, ältere Semester, graue Panther. Laut Epikur sind die alle nicht alt geworden, sondern haben nur lange gelebt. Der Zahn der Zeit riecht nach Kukident. Was fehlt Oma und Opa, um vollgültig Greis und Greisin zu sein? Die Würde. Ihnen fehlt die Würde wie heutigen Teenies und Fuzzis die Anmut. Wer Würde nicht durch einen Rauschebart ersetzen kann, muss halt als Rentner herumhumpeln und ausrufen: «Ich verbitte es mir, Greis genannt zu werden! Greis klingt mir viel zu griesgrämig und gruftig!»
Vielleicht hätten es auch Methusalem, Abraham, Johannes Brahms, Ajatollah Khomeiny und der Weihnachtsmann ohne Bart schwer, den positiv gefüllten Begriff Greis hochzuhalten. Und vielleicht sahen die Leiermänner und Harfner der Spätromantik ausserhalb ihrer poetischen Zusammenhänge, statt bemoost und angejahrt, genauso abgewrackt und baufällig aus wie die heutigen Jammerbilder. Vermutlich einzige Ausnahme - oder auch nicht: Philemon und Baucis.