STOLZ WIE KOLUMBUS und ebenso einsam war Wilhelm Reich 1939 nach den USA emigriert: Verstossen von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und im dänischen Exil seiner Forschungen wegen verfolgt, wähnte sich der «passionierte Steckenpferdreiter» - so Freud über seinen einstigen Schüler - im Besitz einer epochalen Entdeckung. Ihr, seiner fixen Idee, opferte er die zweite Hälfte seines Lebens - vermeinte er doch den «Denkrahmen der bestehenden menschlichen Charakterstruktur und damit der Zivilisation der letzten 5000 Jahre überschritten» zu haben.
Mit der «Funktion der orgastischen Plasmazuckung» war der Sexualökonom und frühere Marxist, der sich einst mit der Methode des dialektischen Materialismus dem wissenschaftlichen Niemandsland unter der Gürtellinie genähert hatte, auf ein Phänomen von viel allgemeinerer Bedeutung gestossen: das Orgon, eine vollkommen neuartige Form von Energie. Und sie war nicht nur im Tier mit den zwei Rücken am Werk.
Bereits in Oslo hatte Reich, der sich als Naturwissenschafter verstand, erogene Hautzonen unter ausgewählten Stimuli analysiert und dabei konstatiert, dass «die psychische Intensität der Lustempfindung der physiologischen Quantität des bioelektrischen Potentials» entsprach. Der experimentelle Nachweis der Orgasmusformel (ein Viertakt «Quellung?Ladung?Entladung?Entquellung») war erbracht, das Malheur der «kalten Erektion» objektiviert. Die Energie des Orgons, wie Reich die Triebkraft hinter allem nannte, war in der Lage, organische Materie aufzuladen. Legte man beispielsweise weiche Gummistücke fünf bis zehn Minuten auf die Genitalien einer Versuchsperson, liessen die Proben anschliessend nur schon bei Annäherung das Messinstrument - ein statisches Elektroskop - ausschlagen. In sogenannten Bionen - geglühtem Meeressand - glaubte Reich die Mutter jeglicher Energieform identifiziert zu haben; «Orgonenergie-Bläschen» waren die elementare Funktionseinheit nicht nur der lebenden Materie.
Es gab kein Halten mehr. Worauf immer Reich sein Rohr richtete - erst war es aus Holz, später kamen kompliziertere Instrumente hinzu -, strahlte ihm das Orgon entgegen. Im Sternenhimmel wie im Wetterleuchten, im Glühen von Glühwürmchen wie im strahlenden Ring des Saturn, in roten Blutkörperchen wie im Chlorophyll der Pflanzen oder der Blaufärbung sexualerregter Frösche: als Experimentator mit «genügender orgonotischer Potenz» vermochte er jetzt Dinge wahrzunehmen, die bis anhin verborgen geblieben waren, weil «die Menschen im allgemeinen und die Naturforscher im besonderen vor der so grundsätzlichen Erscheinung der orgastischen Zuckung zurückschreckten». Selbst im Dunkelraum und mit geschlossenen Augen erschienen ihm die «bläulich bewegten Schwaden» des geheimnisvollen Stoffs.
Der Antwort folgten Fragen. Waren Fäulnisbakterien, Erreger, nicht das Ergebnis einer Degeneration des orgonotischen lebenden Plasmas? Und zerfiel der menschliche Körper nicht aus gleichem Grund? War am Ende der Jungbrunnen gefunden? Als Energiequelle nichtmaterieller Natur musste das kosmische Orgon, 1939 entdeckt, eine alles durchdringende Kraft sein - und überall und ewig.
Was der Pionier fortan betrieb, hiess «Orgonphysik» und wollte vom grössten Physiker der Zeit anerkannt sein. Am 13. 1. 1941 durfte Reich bei Einstein in dessen Wohnung in Princeton vorsprechen. Nach fünfstündiger Unterredung erklärte der sich bereit, den «Orgonakkumulator» zu testen. Der Apparat, ein schlichter, mit Metall ausgekleideter Kasten aus organischem Material, vermochte - so sein Erfinder - Orgonenergie aus der Atmosphäre zu sammeln. Einstein, der die behaupteten Lichterscheinungen im Innern auf subjektive Empfindungen und die nachgewiesenen Temperaturdifferenzen auf einen gewöhnlichen Wärmefluss zurückführte, liess weitere Nachfragen unbeantwortet. Von nun an duldete Reich nur mehr Kritik von Leuten, die am Dogma keine Zweifel hegten. Und Ungläubigen hielt er entgegen, «die grösste Schwierigkeit, die Orgontheorie zu begreifen», liege eben darin, «dass die Entdeckung des Orgons zu viele und zu grosse Probleme auf einmal gelöst» habe.
Von der Charakteranalyse war Reich zur Orgontherapie gelangt. In Orgonon, seiner Forschungsstätte in Maine, führte der gutaussehende Wissenschafter mit wechselnden Partnerinnen und wenigen Getreuen seine Experimente weiter, bis die US-Behörden ihnen ein unrühmliches Ende setzten. Seine Lebensenergie hatte der gelernte Mediziner nicht nur zu speichern, sondern auch für Heilzwecke zu nutzen gesucht. Krebskranke, nackt in den Akkumulator gesteckt - die Intensität der Strahlung wurde in «Minuten-Org» gemessen -, sollen reagiert haben mit Hautrötungen, Schweissausbrüchen, Herabsetzung der Pulsfrequenz, Schmerzverminderung - und einem Energieschub: «I feel like I'm filling up.» Die Missachtung eines gerichtlichen Therapieverbots führte zum Prozess und zur Verurteilung zu zwei Jahren Zuchthaus. 1957 starb Reich in Haft. Eigenhändig hatte er unter Beamtenaufsicht seine Orgonakkumulatoren mit der Axt zerhacken müssen, sämtliche Schriften und Manuskripte zum Thema wurden verbrannt. In «Christusmord», einem vorwiegend autobiographischen Buch, beschrieb Reich den Leidensweg, der schliesslich auch ihn in die Wüste geführt hatte: In Arizona war 1954 das letzte Orgonexperiment, ein Versuch zur Wetterbeeinflussung mit dem «Cloud Buster», gescheitert. Heute ist Reichs Laboratorium ein Museum; der Orgontherapie indes wird unter Eingeweihten nach wie vor gehuldigt.