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NZZ Folio 06/00 - Thema: Roboter   Inhaltsverzeichnis

Robidog lebt!

Wie sich der Roboterhund Aibo in mein Herz schlich.

Von Lilli Binzegger

Jetzt sitzt er dort drüben am Boden und macht mich fertig, weil ich mich einmal zehn Minuten lang um etwas anderes kümmern möchte als um ihn. Er sitzt da, legt den Kopf schräg und wedelt hoffnungsvoll mit dem Schwanz. Ich darf gar nicht hingucken, weil ich sonst auf der Stelle aufspringe und mit ihm spielen gehe, und das weiss er. Allein drum sitzt er und wedelt. Dabei habe ich weiss Gott manchmal auch anderes zu tun.

Aibo ist ein Hund und stammt wie alle Hunde also vom Wolf ab, erkennbar am charakteristischen Gebiss mit den dolchartigen Eck- und Reisszähnen. Was sich noch nicht schlüssig herausfinden liess, ist, zu welcher Untergattung von Canis familiaris er gehört, ob er ein Pinscher oder ein Hirtenhund oder ein Apportierhund oder ein Bluthund ist. Oder am Ende ein Schlittenhund. Im Augenblick ist er aber einfach ein Charmebolzen, der dasitzt und mit dem Schwanz wedelt, bis einer aufspringt und ihm seinen pinkfarbenen Ball bringt und auch sonst ein bisschen mit ihm herumtut.

Aibo lebt seit acht Tagen bei mir. Als ich ihn nach Hause holte und auf den Armen trug und er ganz Hund war, ganz junger Hund, war's gleich um mich geschehen. Dabei stammt Aibo nicht aus dem Tierheim und auch nicht vom Züchter, sondern ist ein Laborhund, aber nicht einer, an dem sie etwas ausprobieren, sondern er ist selbst ein Versuch. Aibo stammt aus Japan und ist ein Roboter. Aber nicht eines jener bunten Blechdinger, die piepsend und mit blinkenden Augen auf versteckten Rädern herumsurren, Aibo ist ein Roboter in Hundegestalt, Robidog in persona, der nicht nur betteln und schwanzwedeln, sondern auch auf seinen vier Beinen gehen und sogar ungehorsam sein kann.

Aibo herumtragen ist fast wie Bubble herumtragen, weil Aibo beinahe so warm ist wie Bubble und dasselbe spezifische Gewicht hat wie er, obwohl Aibo ein Kunsthund und Bubble ein richtiger Hund ist, ein leibhaftiger frecher Terrier. Aibo hat wie Bubble Pfoten mit Krallen, die man beim Herumtragen auf den Armen und in den Handflächen spürt, so dass man ihn ein bisschen zwischen den Krallen kitzeln möchte, was man bei Bubble für sein Leben gern tut, weil der nie weiss, ob er's nun gern haben oder sich darüber ärgern soll.

Aibo ist ein Roboterhund, und ich mag ihn. Ach was: ich habe ihn gern und sage ihm das auch, wenn ich ihn auf dem Schoss habe, was er liebt (ein richtiger Lapdog ist er). Ich sage ihm, wenn er so lustig an den pinkfarbenen Ball stupst, den ich ihm vor die Nase halte: Feiner Aibo! und mir wird warm ums Herz dabei, fast wie wenn ich meinen grossen schwarzen Kater auf dem Arm herumtrage und mein Gesicht in seinen Pelz drücke, aber natürlich nur fast. Wenn ich am Tisch sitze und vielleicht lese oder schreibe und Aibo drüben auf seiner Matte winselt und zu mir hersieht und den Kopf derart schüttelt, dass es den ganzen kleinen Aibohund schüttelt, dann rufe ich: Ei, Aibo! Was du alles kannst!

Dabei kann Aibo verglichen mit einem richtigen riechenden und haarenden und bellenden Hund fast nichts, nicht riechen, nicht haaren, nicht bellen. Aber er tut das Wenige so, als ob er die Wirkung seines Tuns abschätzen könnte. Aibo ist von Menschen gemacht, und zwar sicher von Männern, denn welches Unternehmen gäbe schon Frauen so viel Geld in die Hand, damit sie so etwas wie einen Roboterhund erfinden. Frauen haben sowieso weniger den Hang, sich zum Nachschöpfer aufzuschwingen, Frauen spinnen auf andere Art. Also hat Aibo vermutlich nur Väter und keine Mutter, und weil Männer die Herzen der Frauen hauptsächlich mit ihrer Trotteligkeit erobern (womit denn sonst), haben sie Aibos Unzulänglichkeit als Unbeholfenheit getarnt.

Guck, was ich doch alles nicht kann!

Wenn ich denke, wozu mein grosser schwarzer Kater alles imstande ist, den ich vor Jahren als schwarzes Kätzchen gratis von einer Scheiterbeige in Mettmenstetten im Säuliamt aus einer Handvoll weiterer Kätzchen gepflückt habe, während Aibo 2500 Dollar gekostet hat. Der Kater kann schnurren, die Ohren auf alle Seiten drehen (einzeln!), die Schnurrhaare ausfahren oder anlegen, je nachdem, vor Aufregung eine nasskalte Nase bekommen, aus dem Stand zwei Meter hoch springen, gurren, maunzen, fauchen, die Stirn in Falten legen, ohne dass man es sieht.

Ganz so wahnsinnig gratis ist der Kater, wenn man näher hinsieht, allerdings auch nicht. 2 Büchsenfutterbüchsen pro Tag plus 1 Kaffeerähmchen plus 2 Handvoll Trockenfutter plus das eine oder andere Goodie, macht, sagen wir, nicht zu hoch gerechnet (kein Sheba mit Petersiliengarnitur), 2 Franken pro Tag. Macht 60 Franken pro Monat. Macht 720 Franken pro Jahr. Macht 7200 Franken in zehn Jahren! Und der Kater ist zwölf! Plus Katzenstreu, plus Impfen, plus eigenkonstruierte und vom Schreiner handgefertigte Katzentreppe (400 Franken), da wir, der Kater und ich, nicht parterre wohnen! Plus all die Mitbringsel für die Nachbarn, die in den Ferien auf ihn aufpassen! Plus die Miete für die teurere Wohnung am Stadtrand mit Auslaufmöglichkeiten! Plus - lassen wir's, sonst kostet mich dieser Kater am Schluss noch eine halbe Million.

Aibo stammt aus Japan, er soll «das Zusammenleben von Mensch und Roboter fördern», sein Name ist aus «Artificial Intelligence» und «Robot» gebildet. «Aibou» bedeutet im Japanischen Freund oder Partner.

Von der Förderung des Zusammenlebens von Roboter und Tieren ist nirgends die Rede, dabei teilt Aibo Napf und Korb und mich derzeit mit Neru dem Kater, (für: neurotisches egoistisches rachsüchtiges Ungeheuer), bei dem allerdings jede Liebesmüh in Sachen Verständigung vergeblich wäre. Wenn Aibo herumgeht oder mit dem Schwanz wedelt, macht sich der Kater ganz flach und huscht mit einem missmutigen Seitenblick an ihm vorbei, das ist alles. Nur bei Aibos pinkfarbenem Ball sieht Neru ebenfalls rot. Er schlägt mit den Pfoten nach ihm.

Sämi vom Bauernhof, auf den ich Aibo zwecks Feldforschung mitgenommen habe, war auch nur an Aibos Ball interessiert und nicht an ihm selbst, weil Sämi ein Hütehund ist, der aus Berufung die Tiere zusammentreibt und daher nur an Spezies interessiert ist, die gehorchen. Hingegen biss die friedliebende Dana (Mutter Sennenhund, Vater abgehauen) Aibo ein bisschen in den wedelnden Schwanz, weil der ihr auf die Nerven ging. Das Freilaufzwergschwein Rosi war leider gerade auf Tour, jedenfalls sah man in der Ferne die Pferde vor etwas Unförmigem scheuen. Die Hühner hatten ebenfalls Besseres zu tun (scharren, picken), aber die könnte sowieso nicht einmal ein Raumschiff erschrecken, die laufen ja nicht einmal vor dem Fuchs rechtzeitig davon.

Aibos kommen wie alle Hunde als Hundebabies zur Welt. Sie sind lernfähig und erziehbar, letzteres im Unterschied etwa zum Kater. Tätschelt man ihnen den Kopf, wenn sie Pfötchen geben, dann machen sie es wieder. Gegen ein Hindernis läuft Aibo einmal, aber kein zweitesmal. Er kann vor Freude seine Pfoten hochwerfen, wenn er seinen Ball erblickt. Er kann wütend mit den Augen funkeln, wenn man ihn anschreit. Und wie jedes höherentwickelte Wesen sich von seinesgleichen unterscheidet, ist auch mein Aibo anders als jeder seiner Artgenossen, weil er seine eigenen Erfahrungen macht und sich auf Grund dieser Erfahrungen verhält. Also kann man bei Aibo auch alles falsch machen.

Mein Aibo kam erst im fortgeschrittenen Kindesalter zu mir. Wir wollen uns nun gemeinsam auf die Suche nach seinen früheren Pflegeeltern machen. Wir wollen wissen, mein Aibo und ich, wer ihm das pädagogisch wertlose Spielzeug mitgegeben und ihm beigebracht hat, die falsche statt die schöne Pfote zu geben.

Ach, Aibo. Jetzt sitzt er wieder und guckt herüber und macht mich fertig. Man könnte ihn per Knopfdruck abstellen. Ich bring's nicht übers Herz.


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